Der Papst ist weg, die Fragen bleiben. Zum Beispiel nach der katholischen Sexualmoral. Welche Bedeutung haben kirchliche Wertsetzungen und Vorschriften noch? Welche moralischen Regeln braucht Sexualität überhaupt? Ist alles erlaubt, was Spaß macht? Oder nur das, was innerhalb einer gültig geschlossenen Ehe geschieht?
Eine strenge Verbotsmoral hat immer weniger mit dem Leben von Menschen zu tun. Umso dringlicher ist das Nachdenken über Sexualität. „Let’s think about Sex“, sagen renommierte Theologen, aber auch Religionswissenschaftler, Soziologen und Psychologen. Gelegenheit dazu ist die gleichnamige Tagung, die am 5. und 6. Oktober im Depot Sachsenhausen stattfindet, dem Sitz der Frankfurter Rundschau.
Mittwoch, 5. Oktober
9.00-9.30 Begrüßung und Einführung
Prof. Dr. Regina Ammicht Quinn, Joachim Frank
I: Denkfiguren und Lebensbilder
9.30-10.00 Checking Bodies. Körper zwischen Kultisierung, Tabuisierung und Funktionalisierung (Prof. Dr. Nina Degele, Freiburg)
10.00-10.30 „…sie wollen alle das Eine“.
Kulturwissenschaftliche und theologische Anmerkungen zur männlichen Sexualität (Prof. DDr. Theresia Heimerl, Graz)
10.30-11.00 Diskussion
11.00-11.30 Kaffee
11.30-12.00 Rein wie die Kinder? Männlichkeit, Sexualität, Zölibat (Prof. Dr. Hubertus Lutterbach, Essen)
12.00-12.30 Diskussion
12.30-14.30 Mittagessen
II. Wer darf was mit wem und wann besser nicht?
14.30-15.00 Jenseits der Geschlechterdichotomie. Eine alteritätstheoretische Konzeptualisierung von weiblicher und männlicher Sexualität (Prof. Dr. Ilka Quindeau, Frankfurt/M)
15.00-15.30 Zwischen Funktionalisierung und Dämonisierung. Gleichgeschlechtliches Verlangen im Christentum (Dr. Norbert Reck, München)
15.30-16.00 Diskussion
16.00-16.30 Kaffee
III. Lebensformen / Lebensphasen
16.30-17.00 Die Wüste im Kopf: Askese und Sexualität im spätantiken Christentum (Prof. Dr. Albrecht Diem, Syracuse, NY)
17.00-17.30 Sexuelle Traumatisierungen und ihre Folgen (Prof. Dr. Hertha Richter-Appelt, Hamburg)
17.30-18.00 Diskussion
Donnerstag, 6. Oktober
IV: Macht – Sexualität – Kirche
9.00-9.30 Die Macht der Reinheit. Praktisch-theologische Kritik kirchlicher Realitäts- und Humanitätsdefizite“ (Prof. Dr. Ottmar Fuchs, Tübingen)
9.30-10.00 Machtkörper-Körpermacht (Prof. Dr. Rainer Bucher, Graz)
10.00-10.30 Diskussion
10.30-11.00 Kaffee
11.00-11.30 Gewalt, Sexualität und Kirche in den Augen der Öffentlichkeit (Joachim Frank, Chefkorrespondent der Frankfurter Rundschau)
11.30-12.00 Die Kirche und die Erbsünde: Lässt sich eine sündige Kirche zusammen denken mit der Erlösung? (Prof. Dr. Erik Borgman, Tilburg, NL)
12.00-12.30 Diskussion
12.30-14.30 Mittagessen
V. Ausblicke moralischer und anderer Art
14.30-15.00 Reguliert Gottes Wille die sexuelle Lebensführung? Zur Kritik anthropologischer und naturrechtlicher Begründungen kirchlicher Sexualmoral aus Genderperspektive (Prof. Dr. Saskia Wendel, Köln)
15.00-15.30 Fragen christlicher Sexualmoral (Prof. Dr. Walter Schaupp, Graz)
15.30-16.00 Diskussion
16.00-16.30 Kaffee
17.00-17.30 A Marriage Made in Heaven? Nachdenken über Sexualität und Moral (Prof. Dr. Regina Ammicht Quinn, Tübingen)
17.30-18.30 Und weiter?
Öffentliche Tagung,
5. und 6. Oktober 2011, Foyer des Druck- und Verlagshauses der Frankfurter Rundschau im Depot Sachsenhausen,
Karl-Gerold-Platz 1 / Textorstraße 35 (Haupteingang / FR Shop)
Parkhauseinfahrt: Hedderichstr. 36
60594 Frankfurt am Main
Tagungsbeitrag 60.- € / Ermäßigt 20.- €, Mittagsbuffet im Depot je 13,50.- €
Eine Teilnahme an einzelnen Vorträgen ist möglich.
Anmeldung bis zum 30.9. unter E-Mail: tagung.sexualitaet.2011
@googlemail.com
Schriftlich:
Internationales Zentrum für Ethik in den Wissenschaften
(IZEW) – Tagung Sexualität - Prof. Dr. Regina Ammicht Quinn
Wilhelmstr. 19, 72074 Tübingen
Ursprünglich als kirchliche Veranstaltung geplant, wurde die Tagung vom Stuttgarter Bischof Gebhard Fürst verboten. Er fürchtete eine innerkirchliche Polarisierung. Nun wird an anderem Ort gedacht und diskutiert. Die FR unterstreicht als Gastgeberin das Ideal der offenen, demokratischen Kommunikation. Auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft unterstützt die Tagung finanziell.
Viele Christen vermissen in ihrer Kirche diese Offenheit in heiklen Fragen – auch und gerade nach dem Missbrauchsskandal. Das Entsetzen über die Fälle sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche im Raum der Kirche war auch darum so groß, weil sie vor dem Hintergrund einer besonders strengen Sexualmoral stattfanden. "Es ist eine Sexualmoral, die nicht nur droht, ins Leere zu laufen, sondern selbst unmoralisch zu werden“, warnt die Mitveranstalterin der Tagung, Regina Ammicht Quinn, vom Internationalen Zentrum für Ethik in den Wissenschaften der Universität Tübingen.
Interessierte herzlich eingeladen
„Eine möglichst breite und offene Diskussion ist uns wichtig“, sagt Ammicht Quinn. "Darum sind alle Interessierten herzlich eingeladen."
Die Diskurse über Sexualität sind vielfältig und unübersichtlich. Es gibt eine breite Pornografisierung, die das, was für vorherige Generationen ein Skandal gewesen wäre, täglich in der Werbung präsentiert. Es gibt Pillen für Probleme, und Jugendliche haben es nicht selten mit einer Vorstellung von Sexualität zu tun, die „gut“ ist, wenn sie „schneller, höher, weiter“ ist. Zugleich findet eine breite Re-Romantisierung auch in der Jugendkultur statt. Denken und Sprechen über Sex ist auch Sprechen über Macht, Politik und Religion. So wird die Grazer Religionswissenschaftlerin Theresia Heimerl unter dem Titel „…sie wollen alle das eine“ über kulturwissenschaftliche und theologische Perspektiven auf männliche Sexualität sprechen, die Freiburger Soziologin Nina Degele über die Rolle der Körper in unserer Gesellschaft, die Frankfurter Klinische Psychologin Ilka Quindeau über Fragen der Zweigeschlechtlichkeit.
Zölibat und Reinheit sind die Themen des Essener Theologen Hubertus Lutterbach, und der Münchener Theologe Norbert Reck greift das Thema Homosexualität und Christentum auf. Die Direktorin des Instituts für Sexualforschung und Forensische Psychologie der Universität Hamburg, Hertha Richter-Appelt, spricht über sexuelle Traumatisierung.
Den Blick der Medienöffentlichkeit auf Gewalt, Kirche und Sexualität stellt FR-Chefkorrespondent Joachim Frank dar.

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