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FR-Tagung zur Sexualmoral: Ich werde begehrt, also bin ich

Eine wissenschaftliche Tagung über Sexualität durfte nicht in kirchlichen Räumen stattfinden und fand „Asyl“ bei der Frankfurter Rundschau. Michael Schrom von der Wochenzeitschrift "Christ in der Gegenwart" fasst die Vorträge zusammen.

Let´s think about Sex lautete die Devise im Depot Sachsenhausen, dem Sitz der FR.
"Let´s think about Sex" lautete die Devise im Depot Sachsenhausen, dem Sitz der FR.
Foto: Michael Schick
Frankfurt –  

Vielleicht hätte man dem Kind nur einen anderen, unverdächtigen Namen geben müssen. Zum Beispiel: „Soziologische, theologische, philosophische und psychologische Anmerkungen zur heutigen Gesellschaft und zum Naturrecht unter Einbeziehung der menschlichen Geschlechtlichkeit“. Eine solche Verklausulierung hätte vermutlich weder Argwohn geweckt noch (amts)kirchliches Erregungspotenzial gehabt. Aber eine Tagung an einer katholischen Akademie mit dem Titel „Let’s think about sex“? Da schrillten alle Alarmglocken. Ist das nicht zu flapsig? Besteht womöglich Verdunkelungsgefahr für die reine Lehre? Ist die Auswahl der Referenten auch ausgewogen? Mag sein, dass auch die kirchliche Großwetterlage eine Rolle spielte. Immerhin ist Stuttgart der deutsche Hauptsitz der Piusbrüder, die derzeit vom Vatikan besonders freundlich behandelt werden. Wäre eine solche Tagung nicht geradezu eine Einladung für die selbsternannten Glaubenswächter und den ihnen nahestehenden Eiferern, das Bistum Rottenburg-Stuttgart samt Bischof auf den einschlägigen Internet-Seiten wieder einmal als liberalistisch verdorben zu denunzieren?

Schwäbische Gläubige reisten hinterher

Am Ende müssen die Befürchtungen von Bischof Gebhard Fürst so groß gewesen sein, dass er der Tagung das Dach über dem Kopf wegzog. Das bischöfliche Machtwort offenbarte freilich nur die Machtlosigkeit einer Pastoralmacht, die in einer langen Verlustgeschichte die Deutungshoheit über den Kosmos als auch über den Körper eingebüßt hat, wie es der Grazer Theologe Rainer Bucher formulierte. Denn die Tagung fand „Asyl“ im Verlagshaus der Frankfurter Rundschau, und etliche schwäbische Gläubige reisten hinterher. Sie bereuten es nicht.

Das zweitägige Symposium so nüchtern-ernsthaft, dass sich viele am Ende verwundert fragten, warum dieser Diskurs nicht unter einem kirchlichen Dach hatte stattfinden dürfen.
Interessanter als diese kuriosen Begleitumstände war, was die Referentinnen und Referenten inhaltlich zu sagen hatten. Und da wurde es grundsätzlich. Jahrhundertelang galten in der Theologie Mannsein und Frausein als vom Schöpferwillen Gottes natürlich vorgegeben. „Als Mann und Frau schuf er sie“, heißt es auf den ersten Seiten der Bibel im Buch Genesis (1,27). Diese geschlechtliche Grundgegebenheit – so die Argumentation der Kirche - ist auch ohne den Glauben allein mit der puren Vernunft einsehbar. Daraus folgt aus biblisch-kirchlicher Sicht: Mann und Frau sind gleich hinsichtlich ihrer Personenwürde, aber in ihrem Mann- und Frausein verschieden und entsprechend aufeinander hingeordnet und füreinander gewollt. In der Konsequenz kann daher nur der heterosexuelle Akt in der Ehe zur Zeugung von Nachkommen als sittlich gut gelten. Am Maßstab dieses philosophischen Grundgerüsts gemessen wurden alle anderen Formen als Laster verdammt, so dass sich die katholische Sexualmoral im Lauf der Jahrhunderte auf einen Lasterkatalog verengte, der selbst nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil in den 1960er Jahren nur ansatzweise aufgebrochen wurde.

Doch Gott hat im Schöpfungsakt keine fertig geschlechtlich differenzierten Menschen geschaffen, argumentierte die Kölner Theologin Saskia Wendel. Sie sieht in einer solchen Denkweise ein kreationistisches Missverständnis, das nicht nur den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen widerspricht, sondern auch als ein unzulässiger Anthropomorphismus auf das Gottesbild zurückwirkt. Unter Verweis auf Spinoza, Cusanus, Meister Eckart, Heidegger und Rahner zeigte Wendel auf, dass das Christentum auch andere philosophische Strömungen kennt, die weniger von einer vorgegebenen „Wesenheit“ des Menschen ausgehen, sondern die Betonung stärker auf die Existenz legen.

Begehren als Antwort auf Begehrtwerden

Dies fand eine interessante anthropologische Weiterführung in einer Theorie von Sexualität, die die Frankfurter Psychoanalytikerin Ilka Quindeau präsentierte. Es gebe einen „grundsätzlich bisexuellen Charakter der Sexualität bei Männern und Frauen“, die der frühkindlichen Identifizierung mit beiden Elternteilen entstamme. Das sexuelle Begehren sei also weder etwas, das bereits genetisch im Menschen angelegt ist, noch sei der Einzelne Subjekt oder Schöpfer seines Begehrens. Vielmehr versteht die Psychoanalytikerin „jegliches Begehren als Antwort auf das Begehrtwerden“ durch Mutter, Vater oder eine andere wesentliche Bezugsperson. Quindeaus These: Die sexuelle Erregbarkeit wird in der Begegnung des Säuglings mit dem/r Erwachsenen in den kindlichen Körper eingeschrieben. Ich werde begehrt, also bin ich. Wenn aber sexuelle Erregung ein so hochkomplexes und vielschichtiges psychisches Geschehen ist – kann man es dann so einfach in ein richtiges und falsches (sündhaftes) Begehren einteilen? Ist es wirklich so, dass die Natur dem Menschen vorgegeben ist, und nur die menschliche Psyche Unordnung und Verwirrung stiftet?

In den Beiträgen, die sich speziell mit der katholischen Sexualmoral befassten, wurde schnell deutlich, dass es nicht darum gehen kann, alles nur ein bisschen freundlicher zu formulieren. Die Sexualmoral, die Bucher treffend als ein Konglomerat aus Beständen der Spätantike, der rechtlichen Fassung des Mittelalters, der kirchlichen Institutionalisierung des 19. Jahrhunderts und einer nachträglichen personalen Aufladung seit dem Zweiten Vatikanum beschrieb, ist für viele Christen schlichtweg nicht plausibel. Das wissen auch die Bischöfe. Aber wie weiter?
Braucht eine Gesellschaft überhaupt eine Sexualmoral, die über das freiwillige Einverständnis zweier Erwachsener hinausgeht?

Ja, meint die Tübinger Ethikerin Regina Ammicht Quinn. Sex und Moral sei wie ein altes Ehepaar, das sich zwar auseinandergelebt hat und getrennte Wege geht, im Letzten aber nicht voneinander lassen kann. Schon stehen neue kulturell-gesellschaftliche Denkfiguren und Lebensbilder bereit, um das moralische Vakuum zu füllen, das nach dem Zusammenbruch der christlichen Prägung entstanden ist. Diese neuen Vorbilder sind aber, wie die Freiburger Soziologin Nina Degele und die Grazer Theologin Theresia Heimerl anhand von Körperidealen in Medien, Film und Werbung aufzeigten, kaum harmloser als die überwundenen alten, eher leibfeindlichen Skripte. Eine menschenfreundliche, humanisierende Sexualmoral zu entwerfen, jenseits von bloßen Verboten, aber auch jenseits einer zunehmenden ideologischen Vergöttlichung des Körpers, die oft mit einer bloß oberflächlichen Funktionalisierung desselben einhergeht, bleibt also eine weiter aktuell gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Sexueller Missbrauch als Phänomen lange verkannt

Dass der Sexualität nicht nur eine frohmachende, befreiende und glückliche Seite innewohnt, sondern auch ein zerstörendes Potenzial, das den anderen zutiefst verletzen kann, zeigte auf erschütternde Weise Hertha Richter-Appelt, die als Psychoanalytikerin in der Abteilung für Sexualforschung im Universitätsklinikum Hamburg arbeitet. Auch die Psychoanalyse habe den sexuellen Missbrauch lange Zeit nicht ernst genommen, bekannte sie. Obwohl schon Sigmund Freud im 19. Jahrhundert den Verdacht äußerte, dass solche Übergriffe öfter vorkommen und schwerere Folgen haben als gedacht. Immerhin scheint sich nun eine moralische Übereinkunft dahingehend zu entwickeln, dass sexueller Missbrauch von Kindern immer und in jedem Fall als eine in sich schlechte Handlung gewertet wird, die durch nichts gerechtfertigt werden kann.

Dies wiederum ist für den Grazer Moraltheologen und Mediziner Walter Schaupp ein Hinweis darauf, dass sich eine Gesellschaft in der Praxis immer wieder absolute (deontologische) Normen gibt, die immer und überall gelten und nicht nur situativ, nach einer Abwägung der Folgen, festgelegt werden. Das gilt selbst dann, wenn diese Absolutheit in der philosophischen Theorie kaum begründet werden kann.

Die Rolle der Medien in der öffentlichen Doppelmoral oder die noch nicht überwundenen kultischen Reinheitsvorstellungen, die ebenfalls bis in unsere Gegenwart hineinreichen kamen ebenfalls zur Sprache. Für Katholiken stellt sich freilich noch eine andere Frage: Wird man das auch unter kirchlichen Dächern diskutieren können oder braucht es auch in Zukunft beim Nachdenken über Sexualität – wie FR-Chefkorrespondent Joachim Frank es formulierte - ein säkulares „Tagungsasyl“?

Autor Michael Schrom ist Redakteur der Wochenzeitschrift „Christ in der Gegenwart“.

Autor:  Michael Schrom
Datum:  8 | 10 | 2011
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