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05. September 2014

Frankfurt-Berkersheim: Das vergessene Dorf

 Von 
Kämpfen gegen ein neues Wohngebiet: Inge Nennstiel und Mike Adam  Foto: Andreas Arnold

Im Frankfurter Stadtteil Berkersheim fühlen sich etliche ungerecht behandelt - vor allem seitdem die Stadt dort ein neues Viertel mit 220 Wohnungen plant.

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Soweit das Auge reicht, breiten sich Äcker und Streuobstwiesen mit alten, verknorzten Bäumen aus. Pferde weiden allenthalben. Am Horizont ziehen Reiter gemächlich von links nach rechts. Hier am Stadtrand tragen die letzten Straßen romantische Namen wie Am Hohlacker oder An der Roseneller. Eine letzte Häuserreihe schließt Berkersheim zur offenen Landschaft hin ab. Von fern trübt allerdings Verkehrslärm von der B3a das idyllische Bild: Die vielbefahrene vierspurige Straße selbst liegt hinter Bäumen verborgen.

Wo jetzt noch Felder und Obstbäume vorherrschen, plant die Stadt ein neues Viertel mit 220 Wohnungen für mindestens 500 Menschen. Es ist das dominierende Thema hier im kleinen Berkersheim mit seinen 3400 Einwohnern, das der Lehrer Mike Adam „das vergessene Dorf“ nennt. Der 42-jährige ist Sprecher der „Interessengemeinschaft Berkersheim Ost“. In den zurückliegenden Wochen hat das Dorf viel „Besuch aus Frankfurt“ bekommen: „Politiker von CDU, Grünen und Linken waren hier“. Die Grünen mit der größten Delegation, wie sich der Lehrer erinnert.

Doch die Berkersheimer wenden sich keineswegs grundsätzlich gegen neue Nachbarn. Es wäre falsch, ihnen das vorzuhalten. „Wir sagen nicht, dass gar nicht gebaut werden soll.“ Aber die Menschen hier verweisen auf die vielen Defizite und Mängel, die der Stadtteil jetzt schon besitze: Die müssten zunächst beseitigt werden, bevor man an neue Wohnungen denken könne. „Wir fühlen uns nicht gerecht behandelt, “ sagt Adam.

Klagen über den Verkehr

Zwischen den Häusern am Ortsrand ist Renate Künzer gerade mit ihren Einkaufstüten aus einem Taxi gestiegen und geht aufs Haus zu, tauscht rasch noch den neuesten Dorf-Tratsch mit ihrer Bekannten Gisela Keller aus. Die zählt auf, was in Berkersheim alles fehlt: „Wir haben keinen Supermarkt, keinen Bäcker, keinen Metzger, keinen praktischen Arzt mehr.“ Die letzte Ärztin im Ort habe ihre Praxis „mit weit über 70“ vor einigen Jahren geschlossen.

Und der Autoverkehr sei immens gewachsen. „Die Autobahn ist laut“. Morgens breche der Pendlerverkehr aus dem Osten Frankfurts über die Straße Am Dachsberg über den Ort herein: „Die fahren wie die Henker!“

Am Ackerrain draußen führt ein Rentner seine beiden Hunde spazieren. Er gibt sich als früherer Mitarbeiter der Stadt zu erkennen und sagt schulterzuckend: „Ich wollt hier am Rand nicht wohnen – es wird immer schlimmer mit dem Verkehr.“ Über den Heiligstockweg, aber auch über Schleichwege kämen täglich die Pendler. Er deutet auf ein schmales Asphaltband, das durch die Felder führt: „Hier fährt morgens Auto an Auto.“ Und der Rentner fragt: „Wo soll denn der ganze neue Verkehr hin?“ Jede Familie, die hier neu wohnen werde, bringe ein neues Auto mit.

In einem der letzten Häuser vor den Feldern wohnt Inge Nennstiel. Als sie vor achtzehn Jahren hier einzog, war das Umfeld ein Idyll „mit hohem Naherholungswert“. Heute fühlt sich die frühere Lehrerin „von beiden Seiten eingekesselt.“ Auf der einen der Lärm von autobahnähnlichen B3a, auf der anderen Seite der Lärm von der S-Bahn, die von zwei auf vier Gleise ausgebaut werden soll, für künftig viel mehr Fahrten, auch Güterverkehr.

Im Wohnzimmer serviert die Hausbesitzerin erst mal Apfelsaft. „Meine Nachbarn haben geklagt gegen den Ausbau der S-Bahn, die bekommen jetzt einen Lärmschutzwall, aber der reicht nicht weit.“ Mike Adam wirft ein: „Die S-Bahn ist heute schon voll mit Pendlern, die kann mehr Leute gar nicht aufnehmen.“

Inge Nennstiel führt die Besucher hinaus in ihren Garten, ein Paradies mit üppig tragenden Apfel- und uralten Kirschbäumen: „Die sind 105 Jahre.“ Wenn das neue Wohngebiet kommt, geht nach den bisherigen Plänen das über Jahre sorgsam gehegte Grün verloren. Auch die Äcker und die Pferdekoppeln draußen müssten aufgegeben werden. „Der Reitverein verliert deshalb schon jetzt Mitglieder.“

Allgemeinmediziner fehlt

Auch die 61-jährige spricht für die „Interessengemeinschaft Berkersheim Ost.“ 600 Unterschriften nur aus Berkersheim haben sie bisher gesammelt für ihre Forderungen. Der Bürgerverein Berkersheim mit seinem Vorsitzenden Dieter Wolff unterstützt den Protest. Seine zwölf Forderungen, niedergelegt in einem Brief an den Ortsvorsteher Robert Lange (CDU), gleichen denen der Bürgerinitiative: „Sicherstellung einer Nahversorgung der Bürgerinnen und Bürger Berkersheims mit den Gütern des täglichen Bedarfs.“ Und weiter: „Umwidmung der Straße Am Dachsberg in eine reine Wohn- beziehungsweise Anliegerstraße.“

Es brauche endlich wieder einen Allgemeinmediziner im Ort – dafür erhoffe man sich „aktive Unterstützung der Stadtverwaltung.“ Und die Jugendlichen benötigten „ein adäquates Angebot“, ein Jugendhaus also.

Inge Nennstiel und Mike Adam streifen mit ihren Besuchern aus der Stadt durch die sonnenbeschienenen Felder. Die Pferde drehen die Hälse nach uns. Ein Fachmann von der Unteren Naturschutzbehörde ist schon hier gewesen. „Er hat uns bescheinigt, dass das Altholz auf den Streuobstwiesen immens wichtig ist für die Tierwelt,“ sagt die frühere Lehrerin. Aber was hilft das?

Adam presst den Aktenordner an sich, in dem er immer mehr Briefe, Eingaben, Proteste zum Thema sammelt. Hier, wo die neuen Wohnhäuser einmal stehen sollen, sagt er, sei eigentlich eine wichtige Kaltluftschneise. „Wollen wir die zubauen?“ Und es zeichne sich schon jetzt ab, dass die geplanten Wohnungen teuer ausfielen. Der Bodenwert liege laut städtischer Karte bei 490 Euro pro Quadratmeter.

Aus der Ferne ist wieder das Rauschen und Donnern des Verkehrs auf der B3a zu hören. „Unser Dorf ist überfordert“, sagt Adam in den Geräuschpegel hinein.

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