Notdürftig sanierte Schuppen, in denen Menschen einquartiert werden, Überbelegung und Lärm bis tief in die Nacht – und das alles im Hinterhof eines Hauses mitten auf der Leipziger Straße. Die Zustände, die Anwohner Mitte August in einem offenen Brief an Ämter und Medien beschrieben, klangen alarmierend (die FR berichtete).
Bereits im Eingemeindungsjahr 1895 war Bockenheim eine kleine Stadt. Seit 1872 fuhr die erste Straßenbahnlinie Frankfurts, eine Pferdebahn, von der Hauptwache durch Bockenheim zum Schönhof. 1901 wurde sie dann elektrisch. Rechts unten ist auch das Gelände des Straßenbahndepots zu sehen, in dem die Trams gewartet wurden...
Zumindest formal scheinen gute fünf Wochen später die dringendsten Probleme gelöst zu sein. So erklärt Michael Kummer, Leiter der Bauaufsicht, es habe einige Missstände gegeben, sie seien aber behoben: „Wir haben durch geeignete Maßnahmen dafür gesorgt, dass keine Menschen mehr draußen schlafen und keine illegale Wohnnutzung von Gebäuden mehr stattfindet.“
Manuela Skotnik, Sprecherin des Sozialdezernats, bestätigt die Einschätzung Kummers, dass der Fall geklärt sei: „Es gab einige bauliche Probleme, aber wir konnten weder eine Überbelegung noch eine Gefährdung für die dort lebenden Kinder erkennen.“
Nachdem Bauaufsicht und Wohnungsamt den anderen Behörden ihre Erkenntnisse mitgeteilt hatten, wurden alle anderen Pläne verworfen. Das Integrationsdezernat etwa stoppte den Versuch, einen runden Tisch zum Fall der Leipziger Straße 68 zu koordinieren, wie Armin von Ungern-Sternberg, Referent von Integrationsdezernentin Nargess Eskandari-Grünberg, berichtet.
Wenngleich der Fall also auf Ämterebene abgehakt ist, bleibt dennoch einiges unklar. Das beginnt bei der Frage, was aus den Menschen geworden ist, die den Hinterhof verlassen mussten. Skotnik glaubt: „Ihnen ist mit Sicherheit gesagt worden, wohin sie sich wenden müssen.“ Es gebe städtische Anlaufstellen bei drohender Wohnungslosigkeit. „Dort ist aber niemand vorstellig geworden.“
Zudem ist unbestritten, dass die Wohnsituation in der Leipziger Straße 68 für die zumeist bulgarischen Bewohner auch ohne tatsächliche Überbelegung nicht rosig ist. 45 Menschen sind in dem zweigeschossigen Vorder- und dem Hinterhaus gemeldet. Das Treppenhaus wirkt, als sei es seit Jahrzehnten nicht renoviert worden, und im Hinterhof sind Kabel notdürftig an den Außenwänden der Gebäude verlegt.
Eine Frau, die mit ihrem Mann und vier Kindern im Hinterhaus wohnt, erklärt, sie sei nicht gerade glücklich über die Unterkunft: „Es ist schon eng hier mit den vielen Menschen.“ Die Familie lebt seit einem Jahr hier – wenn sie die Wahl hätte, würde sie lieber woanders wohnen. „Aber es gibt kein anderes Mittel.“ Sie zahle 500 Euro für vier Zimmer – in Frankfurt etwas Vergleichbares zu finden, dürfte fast unmöglich sein, auch wenn das Haus heruntergekommen ist. Vor allem sei es schwierig, wenn man nicht oder nicht gut Deutsch spreche, sagt sie. Ihre beiden Kinder nicken zustimmend. Diese Erfahrung haben sie mit ihren höchstens zehn Jahren offenbar auch gemacht.
Eine Anwohnerin, die den offenen Brief unterschrieben hatte, macht deutlich, dass für sie die Sache nicht geklärt ist: Es sei zwar ruhiger geworden, aber ihr Hauptproblem sei der Hauseigentümer Heinrich Gaumer. „Was hat er mit dem Grundstück vor?“ Sie glaubt, dass er die Situation der Migranten ausnutze: „Wer seine Rechte kennt, würde doch nicht in so eine Kaschemme ziehen.“ Zwar hatte Gaumer im August erklärt, die gesamte Liegenschaft sei an einen Mann vermietet und er wisse nichts von einer Untervermietung der Schuppen, doch das lässt sie nicht gelten: „Er trägt doch trotz allem die Verantwortung für sein Eigentum.“
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