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23. Februar 2016

Frankfurt-Griesheim: „Wir sind im Stadtteil verwurzelt“

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Arbeiten in historischer Kulisse: Pia Behyl leitet die Alte Apotheke, ihr Mann Martin ist Inhaber.  Foto: Andreas Arnold

Die Alte Apotheke ist eine Institution im Frankfurter Stadtteil Griesheim. Seit 120 Jahren gibt es sie schon. Während viele andere Apotheken schließen müssen, hat das Ehepaar Beyhl sein ganz besonderes Erfolgskonzept.

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Um Sie herum stirbt das Gewerbe. Die Alte Apotheke gibt es seit 120 Jahren. Sind Apotheken krisensicher?
Martin Beyhl: Apotheken sind weniger abhängig von der Konjunktur, mehr von den gesetzlichen Rahmenbedingungen. Läuft die Wirtschaft schlecht, sind die Menschen genauso krank und benötigen Medikamente. Aber durch die gesetzlichen Änderungen im Gesundheitswesen der vergangenen Jahre, Stichwort „Gesundheitsreformen“, laufen 40 Prozent der deutschen Apotheken unrentabel.

Sie haben vor acht Jahren eine zweite Filiale im Rewe-Center eröffnet. Was machen Sie anders als die anderen?
Martin Beyhl: Wir haben den Vorteil, dass wir im Stadtteil verwurzelt sind. Wir sind Griesheimer, man kennt uns, die Kinder sind hier zur Schule gegangen. Meine Mutter leitete schon vor uns die Alte Apotheke. Die neue Apotheke im Rewe-Center hat lange Öffnungszeiten und ein großes Sortiment. In Frankfurt schließen jedes Jahr fünf, sechs Apotheken.
Pia Beyhl: Das sind eher kleine Apotheken mit wenig Laufkundschaft.

Unterscheidet sich die Kundschaft der Alten Apotheke von der im Rewe-Center?
Pia Beyhl: Wir sind die klassische Stammkundenapotheke und ihr habt eher Laufkundschaft.
Martin Beyhl: Im Rewe haben wir Kunden aus ganz Frankfurt. In einer Lauflage wie in diesem Center ist der Anteil von nicht rezeptpflichtigen Arzneimitteln größer. In der Alten Apotheke trifft sich Griesheim, das ist ein Kommunikationszentrum. Wir haben die Patienten aus der Arztpraxis hinten im Hof. Deswegen gibt es die Apotheke auch noch hier an diesem Original-Standort.

Haben die Apotheken auch unterschiedliche Sortimente?
Martin Beyhl: Das Sortiment im Rewe ist breiter gefächert. Durch die langen Öffnungszeiten haben wir viel Notfallmedizin. Die werden benötigt, wenn die umliegenden Apotheken geschlossen sind.
Pia Beyhl: Wir sind angepasst an unsere Ärzte und Kunden und haben auch mal bestimmte Präparate vorrätig für die Stammkunden.

Was ist das Besondere an der Alten Apotheke?
Pia Beyhl: Unsere Apotheke gibt es seit mehr als 120 Jahren im Stadtteil. Wir kennen viele unserer Kunden sehr gut. Unser Personal ist zum Teil seit 30 Jahren bei uns. Das schafft Vertrauen, das ist wichtig für kranke Menschen.
Martin Beyhl: Arzneimittel und Heilung sind wichtig, aber die sind letztlich in jeder Apotheke gleich. Das Personal ist über Jahrzehnte konstant und man kennt sich. Ich habe schon meine frühe Kindheit in Griesheim verbracht.

Erzählen die Menschen Ihnen von ihren Sorgen?
Pia Beyhl: Bei einigen Kunden kommt das vor. Es gibt Kunden, die waren schon als Kind in unserer Apotheke.
Martin Beyhl: Ich erinnere mich an eine Kundin, die immer sagte, sie habe schon als kleines Kind hier auf der Holzbank gesessen und gewartet, bis der Apotheker die Sachen fertig hatte.
Pia Beyhl: Die Apotheke ist ein privater, geheimer Raum. Und in der Alten Apotheke hat man auch mal Momente, wo nicht so viel los ist, da kann man dann auch mal reden. Ärzte haben ja auch nicht unbedingt so viel Zeit.

Hat sich der Redebedarf der Kunden geändert?
Martin Beyhl: Die Leute kommen heute oft direkt in die Apotheke und lassen sich beraten. Früher ging man eher zuerst zum Arzt.

Als Griesheimer haben Sie gesehen, wie sich der Stadtteil um die Apotheke geändert hat.
Martin Beyhl: In den 70er Jahren hat noch ein Großteil der Bevölkerung in den chemischen Werken gearbeitet. Die Arbeiter sind zur Mittagszeit auf den roten Werksfahrrädern nach Griesheim in die Gaststätten gefahren. Das ist völlig weg. Mit den Arbeitsplätzen sind seit den 80er Jahren auch viele Gaststätten, die das Griesheimer Stadtbild prägten, verschwunden.
Pia Beyhl: Die Struktur hat sich verändert. Erst kam die Straßenbahn, später die S-Bahn. Griesheim war wie eine kleine Stadt, es gab alles, was man zum Leben brauchte. Durch die Verbindung ins Zentrum ist es für die Leute einfacher, auf die Zeil zu fahren. Die Einkaufsmöglichkeiten sind hier aber immer noch gut.
Martin Beyhl: Es gab noch nach Kriegsende viele kleine Manufakturen in den Höfen, wo heute Menschen wohnen. Früher waren die Geschäfte in Alt-Griesheim gebündelt. Das hat sich längst auf die Alte Falterstraße verlagert. Ein neues Geschäftszentrum gibt es an der Mainzer Landstraße rund um das „Griesheim-Center“.

Gibt es einen Austausch mit anderen Gewerbetreibenden?
Martin Beyhl: Es gab einen Gewerbeverein, der hat sich aber aufgelöst. Es gab regelmäßig eine Messe der Gewerbetreibenden im Bürgerhaus Griesheim.

Warum gibt es den nicht mehr?
Martin Beyhl: Weil viele Familienbetriebe zugemacht haben. Ich denke, das ist eine allgemeine Entwicklung in den Stadtteilen. Der Einzelhandel konzentriert sich auf die Lauflagen, Zeil, Skyline Plaza, MTZ, auf die Ketten. Wer geht denn heute noch zu einem kleinen Schuhgeschäft? Der Versandhandel tut ein übriges.

Fehlt Ihnen etwas im Stadtteil?
Pia Beyhl: Die Vielfalt.
Martin Beyhl: Ich vermisse die Gaststätte „Deutsches Haus“, wo sich Griesheim früher abends auf ein Bierchen traf. Dafür gibt es heute den Ruderclub, das Orange Beach, ein Eiscafé und ein Fischgeschäft. Ein Geheimtipp sind die Pizzerien im alten Teil Griesheims.
Pia Beyhl: Viele ältere Griesheimer kennen noch von früher die alten Treffpunkte und erzählen ganz nostalgisch ...
Martin Beyhl: ... dass in Alt-Griesheim früher Tanzlokale waren...
Pia Beyhl: ... und Kinos.

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