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01. Juni 2014

Frankfurt-Griesheim: Die Mauersegler-Retterinnen

 Von 
Die Vögel sind gesellig, auch die angeschlagenen in der Mauerseglerklinik.  Foto: Andreas Arnold

Die Frankfurter Mauerseglerklinik hilft verletzten Luftakrobaten wieder zurück in die Lüfte. Die Patienten kommen aus halb Europa, Bitten um Rat und Tat von noch weiter. Nach der Freilassung droht Gefahr von Greifvögeln.

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Im Frankfurter Westen, in Griesheim, gibt es etwas, das ist traurig und doch wunderschön – eigentlich viel zu schön, um wahr zu sein. Es ist wohl einzigartig auf der Welt. Es ist zartfühlend und zupackend zugleich. Aber bevor wir darauf näher eingehen: „Eine Bitte“, sagt Christiane Haupt, „tun Sie mir den Gefallen – schreiben Sie nicht: päppeln.“ Die Frau hat nicht nur Gefühl, sie hat auch Sprachgefühl. Nein, päppeln, das träfe es wirklich nicht, was die 50-jährige Doktorin mit ihren Patienten macht.

Silvermoon zum Beispiel. „Intensiv“ steht in Großbuchstaben auf seiner Box, und „Schweres Schädel-Hirn-Trauma“. Oder Coriolan aus Hamburg. Er hatte einen Flugunfall in einem Hinterhof. Ehe hilfsbereite Menschen ihn entdeckten, war schon eine Elster da und tat, was Krähen häufig tun: Sie hackte Coriolans Hinterkopf auf. Christiane Haupt hat zehn Fotos auf der Facebook-Seite der Deutschen Gesellschaft für Mauersegler hinterlegt, die zeigen, wie sie den offenen Schädel des kleinen Schwerverletzten versorgt und verschließt, wie sie alles vernäht – und wie Coriolan wieder ziemlich munter aus seinen Federn schaut.

Päppeln. Nein. Das ist etwas vollkommen anderes. Seit 20 Jahren lebt Christiane Haupt in ihrer Mauerseglerklinik. Man kann es nicht anders nennen. Damals wurde sie ausgelacht, als sie von dem Plan erzählte: ihre Haupt-Aufgabe daraus zu machen, diesen Zustand zu beenden, dass verletzte Mauersegler oft „verheerend falsch behandelt“ wurden. „Träum weiter!“, hieß es.

Seit 20 Jahren kriegt sie zu hören, „dass ich verrückt bin“. Sie gibt sich gar keine große Mühe, das zu bestreiten. „Aber wenn man etwas wirklich will, dann kann man es den Leuten auch erklären.“ Auch ihre Eltern haben es irgendwann akzeptiert. „Und wer meinen Patienten einmal in die Augen guckt, ist ihnen sowieso erlegen.“

Morgens ist erst einmal Gesangsstunde. Abends auch. Und zwischendurch, wenn die Fenster offen stehen und von draußen die übermütigen „Sriiii“-Rufe der gesunden Mauersegler hereindringen, dann kommt natürlich auch Antwort aus den Krankenzimmern. 60, 70, oft weit mehr als 100 kranke oder verletzte Mauersegler sind in Griesheim auf Station. Sie stammen aus halb Europa, denn so etwas wie diese Klinik im Buchenweg, die so spezialisiert ist, dass sie sogar Gefiederschäden repariert, das gibt es auf der ganzen Welt nicht noch einmal. Bitten um fachkundige Hilfe kommen mitunter per E-Mail aus Usbekistan oder Thailand.

Krabat und Kantorka teilen sich eine Box. Man brachte sie aus Wien nach Frankfurt. Falsch gefüttert. Das macht das Gefieder kaputt. Gregory kam aus Triest, Grace aus Monte Carlo. Futterbrei. Christiane Haupt nimmt sie behutsam in die Hand. Grace schaut uns mit großen Augen an. Falsches Futter ist alles, was nicht Insekt ist. Hackfleisch, Brei, Vogel- und Katzenfutter, alles falsch. „Hast dich verschmiert, Kind“, sagt die Doktorin zu Grace und putzt einen Klecks aus ihrem Gefieder.

Seit 2012 arbeitet die Mauerseglerklinik in ihren neuen Räumen, einer großen Wohnung an der Buchenstraße. Wie viele Leute machen da mit? „Zu wenige“, sagt Eva Brendel, laut eigener Einschätzung „Mädchen für alles“, und lacht. Immerhin: Von den etwa 200 Mitgliedern der Mauersegler-Gesellschaft kommen 25 regelmäßig und helfen. Natürlich ehrenamtlich. Die einzige, die hier hauptberuflich arbeitet, ist Christiane Haupt, und das auch erst seit kurzem. Die Stiftung Pro Artenvielfalt hat sie angestellt. Dadurch kann die Tierärztin praktisch rund um die Uhr für ihre Vögel da sein. Fütterungszeit für die Segler ist von 8 bis 24 Uhr an sieben Tagen die Woche. „Und nachts bin ich im OP.“ Da steht ein Hochbett drin. Mauersegler-Retterinnen schlafen nicht im Flug, aber auch sie schlafen in der Höhe.

Mmmh: Fütterungszeit für kranke Mauersegler.  Foto: Andreas Arnold

Heute gibt es Grillen und Heimchen. Der Speiseplan ist nicht sehr abwechslungsreich in der Mauerseglerklinik – eigentlich gibt es immer Grillen und Heimchen. Besser so. Was passiert, wenn es das falsche Futter gab, sieht man an Nessa aus Stein am Rhein und Niño aus Gerstungen: kaputte Federn, flugunfähig. Da kauern sie nun zusammen in ihrer Zweierbox und schauen raus, genau wie die vielen Artgenossen ringsum. Die Helfer legen sie zu zweit oder zu dritt zusammen. Mauersegler sind gesellig, und sie verbringen den allergrößten Teil ihres Lebens in der Luft. Sie sind tollkühne Akrobaten des Himmels, Symbole der Lebenslust. Wir Bewunderer am Boden glauben gern, dass sie jauchzen vor Vergnügen, wenn sie mit ihrem „Sriiii“ im Geschwader vorbeirauschen. Sie auf dem Bauch liegend in einer Plastikbox zu sehen, bricht einem das Herz.

Aber es gibt Hoffnung. 21 fremde Federn hat Niño jetzt. Und Nessa sogar 24. Sie wurden den sogenannten Federspendern einzeln entnommen und präpariert, dann mit einem Karbonstab versehen und in Narkose auf die Flügel der Patienten mit Sekundenkleber aufgesetzt. Schiften heißt die Methode. „Die gab es schon im Mittelalter“, sagt Christiane Haupt, „nur bei größeren Vögeln. Und ohne Sekundenkleber.“

Was Menschen alles für verletzte Flattermänner tun. Sie stopfen sie mit Futter voll. Sie werfen sie in die Luft, damit sie wieder fliegen. Das mag gut gemeint sein. Die Helferinnen schütteln den Kopf. „Wenn ein Mauersegler am Boden ist, hat er ein Problem“, sagen sie. „Ihn hochzuwerfen, ist genauso unsinnig, als würde man ein krankes Baby in die Luft zu werfen. Wenn der Segler sich einen Knochen gebrochen hat, ist das reichlich idiotisch.“ Und das wilde Füttern: „Gehen Sie nach einem Autounfall zu einem Schwerverletzten und stopfen ihm erst mal ein Wurstbrot in den Hals?“

Zunächst gilt es immer abzuklären, was für ein Problem das Tier hat. Ein Problem haben alle Mauersegler: Wohnungsmangel. Es gibt zu wenig Nischen unter den Dachrändern, besonders in Neubauten oder nach Sanierungen. Und wenn sich ein Spalt auftut, ist er mitunter eine Todesfalle – dann nämlich, wenn er nicht in einen kleinen Hohlraum hineinführt, sondern direkt in den Dachboden.

„Da kommt der Segler nicht mehr raus, weil die Öffnung von innen anders aussieht als von außen“, sagt Eva Brendel. „Dann stirbt er da drin fünf Tage lang.“ Dass es in diesem Jahr bei uns weniger Mauersegler gibt, liegt am Sommer 2013. Plötzlich sackte die Temperatur ab, die Insekten waren weg, viele der weitgereisten Weltbürger brüteten erst gar nicht. Und doch sind sie nun wieder zurück am Ort ihrer Geburt und geben ihr Bestes.

Minerva aus Ludwigshafen hat eine Prellung am Flügel. Aber es geht ihr schon wieder besser. Jeder Vogel bekommt in der Klinik einen Namen. „Oft baut sich ein persönliches Verhältnis auf“, sagt Christiane Haupt. „Komm mal her, mein Schatz.“ Aber zu glauben, ein Mauersegler würde die Zuneigung erwidern, so wie die schüchterne Mischlingshündin Emma aus Rumänien, die praktisch zum Klinikteam zählt – das wäre unsinnig. „Sie sind arglos, aber sie werden nicht zahm.“

Sollen sie auch nicht. Sie sollen auf dem schnellsten Weg hinaus, zurück in die Luft. Auch Lyssa, die in einen Rollladenkasten geriet. Und die drei Kleinen aus Livorno. Die italienische Auffangstation schickt immer ganze Gruppen nach Frankfurt.

Kirsten Knaack versorgt Grace, im Hintergrund Mitarbeiterin Erika Strott.  Foto: Andreas Arnold

Mehr als 70 Prozent aller jungen Segler hat die Klinik 2013 wieder flott gekriegt, und 52 Prozent der Altvögel. Was ist mit den anderen 30 beziehungsweise 48 Prozent? „Wenn feststeht, dass sie nicht mehr flugfähig sind“, sagt Christiane Haupt, „dann zeige ich ihnen noch mal den Himmel.“ Sie erkennt den Zeitpunkt daran, dass sich der Blick verändert, an der Hoffnungslosigkeit in den Augen. Und dann schläfert sie den Patienten ein. „Dieser Vogel gehört an den Himmel, der gehört nicht in die Box. Auch wenn es uns wehtut.“

Ein spitzer Schrei kommt von nebenan. „Sie fliegen!“ Da ist das Trainingsgelände: ein großes Zimmer, komplett mit Gardinen ausgekleidet, selbstgenähten Gardinen natürlich. Und dazwischen machen zwei Mauersegler ihre ersten Flugversuche mit 21 beziehungsweise 24 fremden Federn.

Richtig, es sind Niño und Nessa – nur einen Tag nach ihrer Operation. Sie wollen gar nicht mehr aufhören mit dem Hin- und Herflattern. Man muss nicht sein halbes Leben mit Mauerseglern verbracht haben, um sich in diesem Moment verstohlen die Augenwinkel zu trocknen. Noch eine Vitamin-B-Spritze, einen schicken Ring ans Füßchen, und die beiden flotten Flieger dürfen zwei Tage später wieder raus ins Leben. „Eigentlich wollen die jetzt natürlich sofort raus“, sagt Starthelferin Erika Strott. „Wenn ich die nachher wieder in die Box setze, zeigen die mir den Vogel.“

Im Frühling und Sommer haben die Mauersegler Hochkonjunktur, aber weil sie so viele sind und nicht alle auf einmal operiert werden können, wohnen einige von ihnen bis in den Winter in Griesheim. 2013 ging die Klinik mit 120 Patienten in die kalte Jahreszeit. Und wenn sie wieder gesund sind, was dann? Man kann sie ja nicht bei null Grad aus dem Fenster scheuchen. Da sagt Christiane Haupt so ganz nebenbei: „Wir waren in diesem Winter fünf Mal auf Fuerteventura.“ Mit dem Flugzeug. Vögel im Gepäck. Und dort freigelassen. Fünf Mal.

Überhaupt: das Freilassen. Patientin Shoshone aus Chemnitz wurde wegen Beinproblemen in Griesheim operiert. Als das wieder in Ordnung war, kam noch ein Augenleiden hinzu. Eine befreundete Spezialistin aus Dreieich spendierte zwei Operationen, am Ende war Shoshone ein quietschfideles und kerngesundes Vögelchen. So eine Geschichte geht nicht spurlos am Personal vorbei. Und bei der Rückkehr in die Freiheit gibt es dann ein ganz großes Problem: Greifvögel. Es ist jedes Mal ein großes Zittern und Himmelbeobachten und Bangen, dass da nicht ein Falke kommt und zuschnappt. „Und dann“, sagt Christiane Haupt, „hat Shoshone da einen Start hingelegt! Als sie frei war, sind uns nur noch die Tränen gelaufen.“

Alle verletzten Mauersegler, die hier in den Boxen sitzen, haben eine Chance, wieder hinaus an den Himmel zu kommen, hunderttausende Kilometer zu fliegen und 20 Jahre alt zu werden. Manche lassen sogar ein Souvenir in Griesheim: Sie legen ein Ei. Das wird natürlich ausgebrütet.

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