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29. Januar 2014

Frankfurt Islam: „Es gibt Irritationen“

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Wann sollen lebenserhaltende Maschinen abgeschaltet werden? Muslime können das nicht durch eine Patientenverfügung klären, denn es gibt keine speziell für muslimische Patienten.  Foto: dpa

Viele Ärzte und Krankenschwestern kennen islamische Sterberituale nicht. Das führt zu Irritationen bei Angehörigen, aber auch beim Pflegepersonal, das sich beispielsweise durch lautes Trauern überfordert fühlt. Mit Tod und Sterben im Islam befasst sich eine Fachtagung.

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Viele Ärzte und Krankenschwestern kennen islamische Sterberituale nicht. Das führt zu Irritationen bei Angehörigen, aber auch beim Pflegepersonal, das sich beispielsweise durch lautes Trauern überfordert fühlt. Mit Tod und Sterben im Islam befasst sich eine Fachtagung.

Frankfurt. –  

Sind unsere Krankenhäuser auf Muslime in ihrer letzten Lebensphase vorbereitet?

Es gibt vereinzelt Projekte und Fortbildungen in Deutschland. Aber Interkulturalität wird in der Krankenpflege-Ausbildung und im Medizinstudium nicht gebührend berücksichtigt. Das muss sich ändern, damit eine optimale und bedarfsgerechte Versorgung stattfinden kann.

Was unterscheidet den Patienten aus einem muslimischen Kulturkreis von dem aus einer christlich geprägten Region?

Es gibt mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Wir stellen immer mal fest, dass vor allem auf drei Ebenen Konflikte aufgrund der kulturellen Unterschiede vorkommen: sprachliche Barrieren, kulturelle Praxis und moralische Diversität. Im Rahmen der kulturellen Praktiken am Lebensende können in der medizinischen Praxis Irritationen entstehen.

Zur Person

Ilhan Ilkilic hat Medizin an der Universität Istanbul studiert und in Bochum Philosophie, Islamwissenschaften sowie orientalische Philologie. Er habilitierte am Universitätsklinikum Mainz zum Thema „Ethische Aspekte bei medizinischen Entscheidungen am Lebensende im interkulturellen Kontext.“ Seit 2012 ist er an der Universität Istanbul als Professor tätig und Mitglied des Deutschen Ethikrats.

Eine Tagung der evangelischen Akademie Hofgeismar beschäftigt sich mit Krankheit, Sterben und Tod im Islam: von Freitag, 31. Januar, 18 Uhr, bis Sonntag, 2. Februar, 13 Uhr; www.akademie-hofgeismar.de jur

Zum Beispiel?

Spezielle Sterberituale oder das laute Trauern, da sind Krankenschwestern und Ärzte oft überfordert. Es ist besonders komplex, wenn es unterschiedliche moralische Überzeugungen gibt. Beispielsweise möchten die Angehörigen nicht, dass der Patient die Krebsdiagnose erfährt. Sie möchten die moralische Praxis in ihrem Kulturkreis auch in Deutschland praktizieren. Das stellt Ärzte vor ethische und juristische Probleme.

Wieso?

Der Arzt hat einen Behandlungsvertrag mit dem Patienten und nicht mit den Familienangehörigen. Dieser Behandlungsvertrag beinhaltet wiederum eine ärztliche Aufklärungspflicht. Der Arzt kann juristisch Familienautonomie nicht höher schätzen als die Patientenautonomie.

Was raten Sie einem Arzt in einer solchen Situation?

Es ist sehr schwierig. Ich würde in solchen Situationen ein offenes und kultursensibles Gespräch mit den Angehörigen empfehlen. Damit die Konfliktparteien wissen, warum der andere so entscheidet. Zudem beinhaltet das Patientenautonomiekonzept in Deutschland nicht nur das Recht auf Wissen, sondern auch das Recht auf Nichtwissen.

Wäre eine Patientenverfügung nicht die beste Lösung?

Es gibt mehr als 200 verschiedene Patientenverfügungsformen in Deutschland. Aber es gibt derzeit keine für muslimische Patienten. Die Vorbehalte sind groß, denn man weiß nicht, was in der Zukunft passiert. Es gibt auch Vorbehalte gegen passive Sterbehilfe und dazu gehört die Ablehnung lebenserhaltender Maßnahmen. Ich plädiere aus zwei Gründen für eine muslimische Patientenverfügung: Wir wissen, dass die Muslime keine homogene Gruppe sind. Eine Verfügung vermeidet, dass alle Muslime über einen Kamm geschoren werden. Und man kann durch dieses Dokument genau festlegen, was man sich als Sterbebegleitung wünscht.

Wie positionieren Sie sich als Mitglied des Deutschen Ethikrats zur Organtransplantation?

Es gibt keine empirischen Untersuchungen zur Spendebereitschaft der Muslime zur Organtransplantation. Doch die Erfahrungen zeigen, dass die Bereitschaft zu einer Organspende bei Muslimen niedriger ist als bei der deutschen Bevölkerung.

Wieso?

Das lässt sich meines Erachtens nicht mit dem Glauben erklären. Vielmehr sind mit Diskriminierungserfahrungen verbundene Vorbehalte dafür verantwortlich. Ebenso spielt die unbegründete Befürchtung eine Rolle, dass die Maschinen, die sie am Leben erhalten, früher abgestellt werden als bei Deutschen. Es gibt auch eine große Skepsis, ob der Hirntod wirklich den Tod des Menschen bedeutet. Wenn Aufklärungskampagnen zu diesen Themen organisiert werden sollen, dann sollen diese Themenbereiche kultursensibel behandelt werden.

Wenn ein Christ gestorben ist, öffnet man das Fenster, damit die Seele gehen kann. Auf was ist zu achten, wenn ein Muslim stirbt?

Vor dem Tod findet der letzte Besuch statt, wo die Patientenangehörigen sich vom Patienten verabschieden. Ebenso ist während des Sterbens und danach Koranrezitation wichtig. Dem Aussprechen des islamischen Glaubenssatzes kommt ebenfalls eine zentrale Bedeutung zu. Das kann durch einen Imam, eine Theologin aber auch durch Familienangehörige praktiziert werden. Zur Not kann auch eine Koran-CD helfen.

Sind die Rituale bei allen Muslimen identisch?

Eben nicht. Man muss im Gespräch klären, ob diese klassischen Rituale überhaupt vom Sterbenden und dessen Angehörigen erwünscht sind. Die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Kulturkreis liefert keine Schablone. Jeder Mensch ist individuell. So wie es nicht den deutschen Patienten gibt, gibt es auch nicht den muslimischen.

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