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06. Februar 2013

Frankfurt Islam: Hardliner im Lichthaus

 Von 
Lernen zur Ehre des Islam: Studenten einer Griesheimer Wohngruppe in ihrem Versammlungsraum.  Foto: Christoph Boeckheler

In Frankfurts Westen unterhalten Muslime der als nationalistisch und ultra-konservativ geltenden Gülen-Bewegung fromme Wohngruppen. Besuche sind eher unerwünscht, man bleibt gerne unter sich. Gleichzeitig rekrutiert das Netzwerk stark unter jungen Muslimen in Rhein-Main, warnen Kritiker.

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Die Bewegung

Fethullah Gülen, 71 Jahre alt und aus dem Nordosten der Türkei, lebt heute in den USA. Der gelernte Imam predigt einen konservativen Islam, der sich verbinden soll mit moderner Bildung, interkulturellem Dialog und sozialem Engagement.

In der Türkei wird seiner Bewegung großer Einfluss auf die AKP-Regierung des türkischen Premiers Recep Tayyip Erdogan nachgesagt, in der Polizei soll sie den Ton angeben. Wenig friedfertig zeigte sich der Prediger Ende 2011. Damals forderte er in einem Video die türkische Armee zum Angriff auf kurdische Separatisten auf: „Zerschlagt ihre Einheiten, lasst Feuer auf ihre Häuser regnen, macht ihrer Sache ein Ende.“

Wie viele Anhänger das Gülen-Netzwerk unter Deutschlands Muslimen hat, weiß niemand. Jedoch werden über 150 Nachhilfeinstitute und mehr als 20 Privatschulen der Bewegung zugerechnet. Die Zahlen nennt Friedman Eißler von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen. In Hessen ist keine Gülen-Privatschule bekannt.

Die Bewegung wolle nicht die Modernisierung des Islam, sondern eher das Gegenteil, warnt Eißler: Durch den Aufstieg der Anhänger „sollen islamische Werte in der Gesellschaft starkgemacht werden“. Dazu suche man sich in den Schulen und Vereinen vor allem die Leistungsfähigeren heraus: „Die werden bearbeitet, um sie zu gewinnen.“

"Nein“, sagt die junge Frau an der Tür, mit engem Kopftuch und langem Gewand, „nein, wir gehören zu keiner Organisation. Wir sind Studentinnen. Wir finden es einfach nur angenehmer, mit Gleichgläubigen zusammenzuwohnen.“ Das ist es dann auch schon, mehr sagt sie nicht und schließt freundlich, aber bestimmt die Haustür. Das hier ist eine abgekapselte Welt, mitten im engen Alt-Griesheim: eine Wohnung, 170 Quadratmeter, die Rollläden auch am helllichten Nachmittag tief herabgelassen, bewohnt von jungen gläubigen Musliminnen. Aber so selbstorganisiert wie behauptet leben die Frauen nicht. Dass hinter ihnen die erzkonservative islamische Bewegung des türkischen Predigers Fethullah Gülen steht, dafür gibt es stichhaltige Hinweise.

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Bei der Anmietung der Griesheimer Wohnung, Anfang 2011, haben im Hintergrund führende Vertreter des Bockenheimer Avicenna-Instituts für Bildungs- und Gesundheitswesen die Fäden gezogen. Das bestätigte Vermieter Lothar S. jetzt der Frankfurter Rundschau. Das Avicenna-Institut gehört zum Netzwerk der Nachhilfe- und Bildungseinrichtungen der Gülen-Bewegung, von denen es bundesweit über 150 gibt. Der Bockenheimer Verein bietet Nachhilfe, Deutschunterricht, Ferienfreizeiten und öffentlich geförderte Integrationskurse an. Auch auf einer Homepage des Amtes für multikulturelle Angelegenheiten taucht er als Kursträger auf. Avicenna gibt sich einen säkularen, multikulturellen Anstrich, und wer die Homepage und die Satzung studiert, findet keinen Hinweis auf einen muslimischen Hintergrund. Mitarbeiter beteuern: „Religion spielt in unseren Kursen keine Rolle.“

Neon, aber kein Internet

Da wirft es Fragen auf, dass Oguzhan Akyol, Sekretär von Avicenna, im Mietvertrag für die fromme Frauen-WG als einer der Mietbürgen fungiert. Und dass, wie sich der Vermieter erinnert, Herren namens Abdullah Öz und Kenan Solak mit ihm Gespräche über das Mietobjekt geführt hätten. Abdullah Öz heißt auch der Vorsitzende von Avicenna, Solak ist sein Vize – das erfuhr S. aber nicht von ihnen, sondern durch eigene Recherchen.

Telefonisch gibt niemand bei Avicenna der FR Auskunft zu dem Thema. Solak ist nicht zu sprechen, Abdullah Öz antwortet per E-Mail nach zwei Tagen. Dass er oder das Institut bei der Anmietung der Wohnung mitgewirkt hätten, „entspricht nicht der Wahrheit“, schreibt der Avicenna-Vorsitzende. Er räumt aber ein: „Ich lese und schätze persönlich die Schriften Fethullah Gülens.“

Offiziell unterschrieben hat den Mietvertrag wirklich kein Avicenna-Vertreter – sondern muslimische Studentinnen, die angeblich nur „eine Wohnung für eine WG“ suchten. „Das sind Strohfrauen. Selbst gewohnt haben sie hier nie“, erzählt Vermieter S. „Und kurz nach der Unterschrift wurden hier 15 Schlafcouchen angeliefert.“ So viele Bewohnerinnen hatte S. nicht erwartet – und auch nicht, dass statt normaler Zimmerbeleuchtung grelle Neonröhren eingebaut wurden. „Das brauchen unsere Schülerinnen zum Lernen“, bekam S. auf seine Nachfragen zu hören. Internetanschlüsse in allen Zimmern aber bräuchten sie nicht.

"Schon fast konspirativ"

Eine Zeit lang wurde die Wohnung offenbar für Seminare oder Ferienkurse genutzt. „Da kamen junge Musliminnen mit Koffern, von ihren Eltern gebracht, die blieben für ein paar Wochen“, sagt S. Langen Mantel und Kopftuch trugen sie, mehr kann er nicht sagen. Inzwischen habe sich die Nutzung gewandelt, zu einer Studentinnen-WG eben. Mittwochs und freitags gebe es Versammlungen.

Der Vermieter hat inzwischen eine Art „Burgfrieden“ mit den Bewohnerinnen geschlossen. „Sie benehmen sich ordentlich, die Miete wird bezahlt, was soll ich machen?“ Aber er beklagt eine „Heimlichtuerei, die schon fast konspirativ ist“. Für Leute, die Kontakte haben zu Gülen-Kreisen, liegt nahe: Die Griesheimer Wohnung könnte ein „Lichthaus“ sein. Das sind Wohngemeinschaften von Gülen-Anhängern, in denen oft harte Regeln gelten: strikte Geschlechtertrennung, strenger Islam, umfassende Kontrolle der Bewohner oder Bewohnerinnen. Eine Insiderin, die anonym bleiben will, spricht von einem regelrechten Gülen-„Beuteschema“: „Die Nachhilfekurse der Vereine sind das Lockangebot. Teilnehmer, die irgendwie auf der Suche sind und religiös, versucht man dann für Ferienfreizeiten zu werben. Da kommt immer mehr der Islam ins Spiel. Die nächste Stufe sind die Lichthäuser.“

Ist die Gülen-Bewegung gefährlich – oder nur sehr konservativ? Der hessische Verfassungsschutz behandelt sie als Grenzfall. Beobachtet wird sie nicht, auch als „islamistisch“ gilt sie nicht. Allerdings äußern die Verfassungshüter offen „Zweifel am zeitgenössischen Islamverständnis im Sinne einer Annäherung an westliche Gesellschaftsentwürfe“. Einer, der sein konservatives Islamverständnis immerhin offenlegt, ist Ramazan Gökceöz. Er steht dem 2010 gegründeten „Bildungs- und Begegnungsforum Frankfurt am Main“ vor, das seinen Sitz ebenfalls in Griesheim hat: in der Ahornstraße 55.

"Zweifel am Islamverständnis"

Wer in dem gepflegten Zweifamilienhaus klingelt, der wird freundlich hereingebeten und darf im Versammlungssaal Platz nehmen. Furkan E., 18 Jahre, Student der islamischen Theologie im ersten Semester, will gerade über das Haus und seine Bewohner losplaudern, da klingelt schon sein Handy. Gökceöz ist am Apparat, offenbar blitzschnell von einem Mitbewohner informiert. Er beantwortet die Journalistenfragen jetzt selbst und telefonisch. „Wir wollen nichts verbergen“, betont er.

Muslimische Bildungsarbeit sei das Ziel. „Wir wollen unsere Kinder ethisch und religiös so erziehen, dass sie nicht auf der Straße landen.“ Der Fokus liege dabei vor allem auf den Studenten: Sechs von ihnen wohnen in dem Haus, auf immerhin 300 Quadratmetern. Drei sind Islamstudenten. Laut Satzung misst der Verein überdies der „Förderung von muslimischen Mädchen eine besondere Bedeutung“ zu. Aber wo sind die Mädchen? „Die kommen ein- bis zweimal wöchentlich zu eigenen Treffen ins Souterrain.“ Geschlechtertrennung ist für den Verein selbstverständlich, macht Gökceöz am Telefon klar.

Samstagsabends, haben Anwohner beobachtet, fahren hier in der Ahornstraße regelmäßig nicht ganz kleine Autos vor, auch mit auswärtigen Kennzeichen. Männer, normal und gut gekleidet, verschwänden im Haus. Das seien „Treffen zum religiösen Austausch“, erläutert Gökceöz: „Wir, also einige Leute, die das hier mitfinanzieren, besuchen die Studenten und vermitteln ihnen bestimmte Themen.“ Das könne zum Beispiel die Evolutionstheorie sein: „Die wird von uns kritisch hinterfragt. Wir sind der Auffassung, dass es einen Erschaffer geben muss.“

Kontakte zu Grauen Wölfen?

Als spirituelle Quelle nennt der Vereinschef Said Nursi, den 1960 verstorbenen muslimischen Gelehrten, auf den auch Fethullah Gülen sich beruft. Zur Gülen-Bewegung aber gehöre das Bildungsforum nicht. „Wir gehen in eine andere Richtung. Aber wir kennen natürlich Gülen-Leute, wir unterstützen uns gegenseitig.“ Das klingt nach nur lockerer Verbindung – die aber gilt als typisch für die Bewegung. Zugleich grenzt Gökceöz sich ab: Politik habe in seinem Verein keinen Platz. „Wir sind autark, wir bekommen keine Weisungen von irgendwem in der Türkei.“

Allerdings sind Gülen-Kreise immer wieder dem Vorwurf ausgesetzt, stark das Osmanentum hervorzuheben und großtürkischen Nationalismus zu pflegen. Das hat auch in Frankfurts Westen Folgen: Der hessische Staatsschutz hat das Haus in der Ahornstraße im Blick. Das falle, heißt es im Polizeipräsidium, unter den Bereich „nationalistische Bestrebungen“. Die Staatsschützer berichten außerdem von einer unguten Verbindung: Vertreter aus Gülen-Gruppen verkehrten auch im Griesheimer Zentrum der Türk Federasyon („Graue Wölfe“) an der Schildwacht. Die ultranationalistischen Grauen Wölfe wiederum beobachtet auch der Verfassungsschutz.

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