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08. Januar 2014

Frankfurt Wasserhäuschen: Frankfurts schönstes Wasserhäuschen

 Von 
Linie 11, hier zu sechst, vor dem Wasserhäuschen am Kurfürstenplatz in Bockenheim. Vorn in der Mitte Frederick Löbig, hinter ihm Peter Horst.  Foto: Peter Jülich

Der Verein Linie 11 will in Frankfurt das Büdchen vor dem Aussterben retten. Die Frankfurter Rundschau unterstützt das Anliegen der Mitglieder. Die FR sucht Frankfurts beliebtestes Wasserhäuschen und hofft bis Freitag, 10. Januar, auf viele Emails von Büdchen-Fans.

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Frankfurt. –  

Wasserhäuschen. Ganz klar. Sicher, es gibt viele Namen für dieses Phänomen. Büdchen. Kiosk. Trinkhalle. „Aber Wasserhäuschen – das ist ein Frankfurter Begriff“, sagt Peter Horst, „das ist Kult.“ Und deshalb steht im Logo des Vereins Linie 11: „Wir lieben Wasserhäuschen“.

Obwohl sich Büdchen auf dem Mobiltelefon schneller tippen lässt, sagt Frederick Löbig. „Und das Wort Trinkhalle – das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.“ Trinkhalle. Man stellt sich Kinder vor. Sie hören: Trinkhalle. Und denken: eine riesige Halle, in der Menschen in Unterhemden stehen und ihren Durst löschen. Doch so war es nie. Durst löschen: ja. Halle: nein. Häuschen. Wasserhäuschen. Und natürlich denken kleine Frankfurter auch nicht: Halle. Wie kämen sie dazu. Sie kennen sich ja aus.

Es ist der Sommer 2010, Fußball-WM in Südafrika, Hitze in Frankfurt. Drei junge Männer haben eine Idee. „Wie Jungs halt so sind in dem Alter“, sagt Peter Horst: „Die Idee lautete: Wir müssen mal die Linie 11 fahren.“ Mitte zwanzig sind sie, als sie nachmittags in die Straßenbahn steigen und nach Fechenheim starten. Der Plan: an jeder Haltestelle raus, die Gegend ansehen, am Wasserhäuschen ein Bier trinken.

Punkt 2 klappt gut, Punkt 3 eher mittel: Nicht überall ist schnell ein Büdchen zu finden; besonders an der Hanauer Landstraße fällt die Suche schwer. Zur zweiten Linie-11-Tour ein halbes Jahr später ist die Gruppe auf ein halbes Dutzend angewachsen. Diesmal geht es in Richtung Höchst – „und da ist das Büdchenleben schon intensiver“, sagt Frederick Löbig: „Da stehen die Locals an den Häuschen, wie wir sagen“, also Mitglieder der örtlichen Bevölkerung. „Du brauchst nur zwei Stichwörter, und schon kommst du ins Gespräch.“ Eines dieser Stichwörter: Fußball.

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Wasserhäuschen. Im 19. Jahrhundert erfunden, um den Durst der Arbeiter mit etwas anderem zu stillen als Bier, traten sie einen Siegeszug an, der bis heute nachwirkt. Mancherorts sicherten sie noch vor 30 Jahren praktisch das Überleben … na gut: die Versorgung der Bevölkerung ganzer Straßenzüge mit kühlen Getränken und Süßigkeiten bis in die späten Abendstunden. Dann kam die Vollsortiment-Tankstelle, dann kam der bis 24 Uhr geöffnete Supermarkt, und die Zahl der Büdchen schrumpfte. 800 waren es einmal, etwa 300 dürften es noch sein, schätzt die Linie 11.

Zur dritten Trambahntour im Jahr 2012 registriert der (noch nicht eingetragene) Verein einen „Umbruch in der Linie-11-Mentalität“, erinnert sich Freddy Löbig: „Viele waren plötzlich zugenagelt. Was war los mit den Büdchen, an denen wir so viel Spaß hatten?“ In Höchst berichtet ein Pächter von strengen Auflagen, was Toilette und Überdachung angeht. Anderen geht es ähnlich.

Da setzen sich die sieben zusammen und fassen einen Entschluss: „Jungs – wir müssen das Büdchensterben unterbinden.“

Linie 11 lebt den Kult

Daran arbeiten sie nun, die Freunde, die sich meist aus dem Fitnessstudio „Sportfabrik“ in Bockenheim kennen. Ein Jurist ist dabei, ein Ingenieur, ein Fußballtrainer, einer baut Prothesen. Ihr Einzugsgebiet haben sie über die Route der 11 hinaus erweitert: Es geht um alle Frankfurter Wasserhäuschen. Sie knüpfen Kontakte, etwa zum Bockenheimer Stadtteilbüro und zur Elisabeth-Gemeinde, die mal eine Kiosk-Ausstellung hatten. Sie drucken Karten „Nein Tanke! Ich hol’ mein Bier am Büdchen“ und Sticker „Ich (Herz) Wasserhäuschen“.

Und sie gehen hin zu den Buden, sie leben den Kult. „Es ist doch ein Jammer, wenn das wegstirbt“, sagt Peter Horst, „wenn wir hier nur noch Hochglanz und Bankenviertel haben.“ Den coolen Hipstern müsse man zurufen: „Guckt mal, was es bei uns Tolles gibt. Da muss man nicht nach Berlin fahren zum Studieren.“ Berlin. Wo das Wasserhäuschen „Spätverkauf“ heißt, kurz: „Späti“. Wie uncool.

Zum Linie-11-Konzept gehört auch, anderen die Scheu vor dem Wasserhäuschen zu nehmen. „Da stehen nicht nur Penner davor“, drückt es Freddy Löbig ganz offen aus. „Da findet soziales Leben statt. Ganz viele Leute finden am Büdchen eine Konstante.“ Mitunter auch die einzige: Manchmal sind es nur die Bekannten vom Kiosk, die bemerken, dass jemand gestorben ist. Weil er fehlt.

Anfangs hatten die sieben selbst ihre Scheu. „Ganz schüchtern haben wir uns angenähert“, geben sie zu, „aber was dann an Herzlichkeit zurückkam, das war schon großartig. Und wenn wir jetzt erzählen, was wir vorhaben, heißt es überall: voll geil!“

An einigen Wasserhäuschen klebt bereits das Linie-11-Logo, das Freddy Löbig entworfen hat. Und im Internet entsteht eine interaktive Karte, praktisch ein Stadtführer für Büdchensuchende. Etwa 100 sind schon drin. Jeder kann den Kiosk seines Vertrauens hinzufügen oder die Erläuterungstexte ergänzen, etwa um Öffnungszeiten oder Besonderheiten. Da finden sich auch Kuriositäten: etwa die „Trinkhalle im Turm“ und zehn Meter daneben den „Kiosk an der Galluswarte“, der eigentlich viel eher „im Turm“ untergebracht ist. „Das macht aber nichts, das Bier schmeckt hier genau so gut“, heißt es in der Beschreibung.

Keine neuen Mitglieder

Manchmal fordern Fans die sieben auf, ihre Touren größer zu machen. In die Linie 11 einzuladen. Gemeinsam um die Häuschen zu ziehen. Da wird nichts draus. „Wollen wir nicht“, sagen die Freunde. „Keine Happenings, keine Facebook-Partys. Das einzige, was wir raushauen, sind die Aufkleber und die Postkarten und die Website“, sagen sie. „Nicht wir stehen im Mittelpunkt, sondern die Wasserhäuschen.“ Deshalb will der Verein auch nicht mehr Mitglieder haben. Und gegen Frauen hat er übrigens nichts. Dass der harte Kern trotzdem reine Männersache ist – nun, das hat sich eben so ergeben. In den Facebook-Kommentaren tauchen jedenfalls viele Frauennamen auf.

Wasserhäuschen. Wie sieht das eigentlich aus? Was ist typisch? „Ein freistehendes Ding, eine richtig schön gezimmerte Bretterbude“, schwärmt Peter Horst. Es kann aber auch das Lädchen im Erdgeschoss eines Altbau-Wohnhauses sein, ergänzt Freddy Löbig. Letztlich geht es um die Leute. Und um das einzigartige Wasserhäuschen-Gefühl.

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