Im Eastside gibt es wirklich alles: ein Bett und warmes Essen, Duschen und Klamotten, ärztliche Versorgung und einen Druckraum für den nächsten Schuss. Und doch ist Europas größtes niedrigschwelliges Drogenhilfezentrum kein Schlaraffenland, kein Paradies. Dazu haben die Bewohner den Sündenfall schon zu oft begangen. Wer hier landet, hat nichts mehr zu verlieren. Niedrigschwellig heißt: Hierher kann wirklich jeder kommen.
Wer bereit ist, von Heroin und Alkohol auf die Ersatzdroge Methadon umzusteigen, müsste das Gebäude in der Schielestraße theoretisch nicht mehr verlassen. Doch die meisten führen ein Doppelleben: Schlafen und Essen im Eastside, Geld und Drogen besorgen im Bahnhofsviertel. Ein Shuttle-Bus verkehrt regelmäßig zwischen beiden Standorten.
Die Fenster in dem kleinen Büro von Beatrix Baumann (56) stehen auf kipp. Lastwagen rumpeln vorbei. Das Eastside ist auf dem Gelände des ehemaligen Gaswerks Ost untergebracht, mitten in einem Industriegebiet. Baumann, stellvertretende Geschäftsführerin beim Eastside-Betreiber, der Integrativen Drogenhilfe, und die anderen Sozialarbeiter bemühen sich, Kontakte herzustellen, zu vermitteln, nach Perspektiven zu suchen.
Die meisten Bewohner des Eastside sind schon lange drogenabhängig, viele sind chronisch krank. Während es durch den Spritzentausch gelungen ist, die Zahl der HIV-Infektionen einzudämmen, breitet sich die Hepatitis weiter aus. Diabetes, Herz- und Lungenprobleme, Gelenkerkrankungen: „Durch das Leben auf der Straße altert der Körper schneller“, sagt Baumann.
Vor der Küche im großen Aufenthaltsraum steht ein Tisch mit Blumenvase. Wenn sich herumspricht, dass ein Drogenabhängiger, der hier bekannt war, gestorben ist, wird zum Gedenken ein Licht aufgestellt.
Während der benachbarte kleine Fernsehraum fast überfüllt ist, hat „Taifun“ im großen Café viel Platz. Der 35-Jährige ist aus einer betreuten Wohnung rausgeflogen: „Ich konnte mit denen nicht zusammenarbeiten.“ Seinen Namen möchte er nicht verraten. „Mich suchen noch ein paar Dealer.“ Das Eastside lobt er in den höchsten Tönen. „Ich wüsste sonst nicht wohin.“ Jetzt hat er sich in der Kleiderkammer ein paar Klamotten rausgesucht und angezogen. Alles sauber, fast wie neu, dazu der gute Vorsatz, Heroin zu vergessen und es mit Methadon zu versuchen.
„Dieses Projekt ist die Endstation“
Anne B. (46) nimmt die Ersatzdroge schon eine ganze Weile. Sie sitzt in dem kleinen Kiosk am Eingang zum Café. „Dieses Projekt ist die Endstation. Tiefer kann man nicht sinken. Es ist eine Insel für sich. Viele kümmern sich um nichts mehr. Es ist ja auch alles da.“ Beatrix Baumann stellt klar, dass es nicht erwünscht sei, dass „jemand hier ein Zuhause findet“. Es soll ja weitergehen. Deshalb werden den Bewohnern Fristen gesetzt: Du kümmerst dich jetzt um eine Wohnung oder einen Platz im betreuten Wohnen. Nur die Schwerkranken werden in Ruhe gelassen, die, für die es kaum mehr Hoffnung gibt.
Diego F. (30) sitzt unten, im alten Badehaus der Arbeiter, die Wände sind noch mit den Originalkacheln aus der Gaswerk-Zeit gefliest. Diego F. liest „Conan der Rebell“ und wartet darauf, dass der Waschgang zu Ende geht und er die Wäsche aufhängen kann. Hier wird unter anderem die Wäsche aus dem Drogenhilfezentrum in der Elbestraße gereinigt, die Polizei schickt Wäsche aus der Untersuchungshaft. Gelernt hat er nichts, „aber ich kann eigentlich alles“. Als Tapezierer und Maurer hat er gearbeitet, im Lager und als Fliesenleger – meistens schwarz. Dennoch klaute er noch zusätzlich, um seine Sucht zu finanzieren. Deshalb war er dann auch im Knast. „Für uns sind diese Arbeitsprojekte ganz wichtig. Auch Arbeit kann ein Weg aus der Abhängigkeit sein“, sagt Baumann.
In erster Linie aber ist das Eastside eine Überlebenshilfe, eine Alternative zum Leben auf der Straße. 73 Betten verteilen sich auf Zwei- und Mehrbettzimmer, im Winter kommen 25 Notbetten hinzu. Fast immer sind alle Betten belegt. Am „Empfang“ zum Bettenstockwerk steht Nicolas Girard (28). Aufgenommen wird praktisch jeder, wenn jemand besonders streng riecht, versucht Girard ihn zum Duschen zu bewegen. Auf dem Edelstahltresen stehen, neben drei Rollen Toilettenpapier, ein Weihnachtsstern und ein Strauß mit weißen Rosen: „Blumen haben wir eigentlich immer. Sie sollen ein bisschen Farbe und Freude bringen.“

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