Zwei Tabus gelten am Tor zum Himmel. Wer vor die Herren der Sicherheitsschleuse tritt, sollte ein bestimmtes Wort lieber nicht aussprechen. Auch für alkoholisierte Touris auf Ballermann-Trip gibt es da kein Pardon. „Die Bombe findet ihr eh nicht, ha ha.“ Bei solchen Sätzen verstehen die Männer und Frauen an der Handgepäckkontrolle garantiert keinen Spaß. „Bei dem Wort Bombe fängt sofort die Sicherheitsmaschinerie an zu rotieren“, sagt Achim Lucchesi, ehemaliger Luftsicherheitsassistent am Frankfurter Flughafen. Dann heißt es: Zurück mit den Koffern und gründlicher Sicherheitscheck. „Das kann für den Witzbold kann schön teuer werden. So eine Boeing 747 parkt schließlich für 1500 Euro die Stunde.“
Anekdoten dieser Art finden sich in Achim Lucchesis neuem Buch „Die Bombe is’ eh im Koffer“ zuhauf. Die „Geschichten aus dem Handgepäck“ hat der 51-Jährige gelernte Bäcker mit Mehlallergie in seinen zwei Jahren am Frankfurter Flughafen erlebt und auf 300 Seiten aufgeschrieben. Wie groß die dichterische Freiheit dabei war? Lucchesi beschwört: Diese Geschichten sind allesamt passiert, so abstrus sie auch teilweise erscheinen.
Amüsant sind sie allemal, vor allem auch deshalb, weil sich der Leser immer mal wieder erkennt. Vielleicht nicht gerade in der Geschichte des adretten Passagiers, der eine Sammlung benutzter Tampons in seinem Koffer hortete. Und auf die Idee, die Oma im Koffer zu transportieren, muss man auch erst mal kommen. Beim obligatorischen Sprengstoff-Test ist die alte Dame nicht explodiert – „früher is dat schon eher mal passiert“, so der Kommentar des Rentners aus dem Ruhrpott, der die Urne mit Omas Asche im Trolley verstaut hatte.
Das Hauptproblem des Deutschen sieht so aus: "Treten Sie mal bitte hier rüber?"
"Sehe ich aus wie ein Terrorist?"
Der Deutsche sagt das ständig.
"Sehe ich aus wie ein Terrorist?"
Und wenn man diese Frage lange genug hört, wird einem klar: Der Deutsche glaubt nicht, dass er einfach nur deshalb untersucht wird, weil er in ein Flugzeug steigen möchte - der Deutsche ist felsenfest überzeugt, dass er untersucht wird, weil der Luftsicherheitsassistent denkt, dass er wie ein Terrorist aussähe.
Alles klar? Während ich zu dem Passagier gesagt habe:
"Treten Sie mal bitte hier herüber?",
übersetzt das Gehirn des Passagiers den Satz in:
"Kommen Sie mal her, Sie sehen mir aus wie ein Terrorist!"
Ich denke, ich habe so gut wie jede existente Variante von Vibratoren gesehen, die der liebe Gott auf dieser schönen Erde hat herstellen lassen - was eine ganze Menge ist. [...] Das Gefährliche an Vibratoren ist die Füllung. Im Batteriefach kann man eine Menge gefährlicher Dinge schmuggeln - was umgekehrt bedeutet: Wenn Sie nur einen Dildo mitnehmen, also eine Vollgummi-Penisnachbildung, die nicht auf Knopfdruck brummt, dann ist der für die Luftsicherheitsassistenten so interessant wie ein große Karotte. Na ja, etwas interessanter schon, man ist ja nicht aus Holz. Aber man muss es im Gesamtzusammenhang sehen: Wir denken nicht jedes Mal: "Ui, ein Vibrator." Oder: "Donnerwetter, ein Dildo!" Wir sehen die Dinger den lieben langen Tag [...]
Beim Schlangestehen befolgt der Flugpassagier seine eigenen Gesetze, und das sind nicht immer die effizientesten. Der Passagier tendiert zunächst nach rechts, weil er meistens auch Rechtshänder ist und offenbar mit seiner Greifhand Halt sucht, auch wenn er eigentlich stabil steht. Des Weiteren hat der Flugpassagier eine Abneigung gegen kurze Schlangen: Wenn vor einer Kontrollstelle zu wenige Leute stehen, wird er skeptisch und denkt sich, dass da wohl was nicht stimmen kann. Das wäre ja ein unverschämtes Glück: Hier die elend lange Schlange und da gar nichts - wenn das in Ordnung wäre, würden ja alle Leute sich einfach an die leere Kontrollstelle stellen. [...] Da ändert es auch wenig, wenn fünf Luftsicherheitsassistenten an der leeren Kontrollstelle erkennbar untätig herumstehen - der Passagier geht davon aus, dass sie ihn wieder zurückschicken würden, wenn er zu ihnen käme.
Als Luftsicherheitsassistent wird man nicht geboren. Früher war das vielleicht mal eine Lebensaufgabe, so wie Postbeamter oder Polizist. [...] Solche erfahrenen Mitarbeiter gibt's heute nicht mehr. Leute, die lange dabei sind, sind zu teuer. Die wollen womöglich Gehaltserhöhungen und was weiß ich noch alles. Nein, die mag kein Mensch mehr bezahlen. Wer heute am Frankfurter Flughafen Luftsicherheitsassistent ist, war das in den seltensten Fällen vor zwei Jahren auch schon, und vor fünf Jahren war er es erst recht nicht. Und obwohl ich langsam so auf die fünfzig zu altere, bin ich da auch keine Ausnahme gewesen. Ich bin so was wie ein beruflicher Rumtreiber. Man kann auch sagen: Vom Lebenslauf her bin ich meiner Zeit voraus.
Ich hatte mal einen Rentner zu Gast am Nachschautisch, garantiert achtzig Jahre alt. [...] "Was haben wir denn da...? Ist das ein Totschläger?"
"Ja, und?"
"Ja und" ist übrigens eine meiner Lieblingsantworten, und am allerliebsten mag ich sie, wenn sie so selbstverständlich kommt, als hätte ich den Passagier gerade nach seiner Zahnseide gefragt. Also nicht irgendwie entrüstet oder so, nein, ganz offen und aufrichtig erstaunt.
"Oh, ein Messer."
"Ja, und?"
"Oh, eine Tretmine."
"Ja, und?"
"Oh, zwanzig Kilo TNT und eine Schachtel mit Milzbranderregern."
"Ja, und?"
Nur in einem Fall war diese Reaktion immerhin halbwegs berechtigt. Else hatte mit sicherem Händchen im Handgepäck einen Waffenkoffer entdeckt.
1500 Flugsicherheitsassistenten sind auf dem drittgrößten Airport des Kontinents im Einsatz, um täglich 145.000 Passagiere zu checken. Lucchesi wurde es irgendwann zu viel. „Eigentlich sollte ich ja befördert werden, aber dann hatte ich doch andere Pläne.“
Scheißlohn von acht Euro
Wenn der Job irgendwann zur Routine wird, wird man da nicht auch nachlässig? "Manche Kollegen werden immer penibler", wägt der Autor mit der Schnodderschanuze ab, "manche, sagen wir, gelassener." Und woran erkennt der erfahrene Flugsicherheitsassistent einen potentiellen Attentäter? "Man entwickelt ein Bauchgefühl für Leute, mit denen was nicht stimmt. Es sind nicht die Typen mit Kaftan und Bart, bei denen man dann denkt: Auha, den müssen wir uns mal zur Brust nehmen. Was es genau ist, kann man eigentlich nicht beschreiben."
Auf die Frage nach den wirklich gefährlichen Funden schweigt Lucchesi. "Dazu darf ich nichts sagen, das habe ich gleich vertraglich unterschreiben müssen.“ Über den "Scheißlohn" für Anfänger von acht Euro pro Stunde schimpft er ganz offen. Und dass ein „Fundstück“ auch mal nicht im Fundbüro landet, auch daraus macht er kein Geheimnis. „Bei der Bezahlung kommen schon Begehrlichkeiten auf. Wenn dann mal jemand ein Ferrari-Notebook vergisst - naja, so ein schickes Teil ist ja für uns sonst unerschwinglich...“
Ach ja, das zweite große Tabu an der Himmelspforte – es scheint eine Art Automatismus zu sein, bei dem sich der Leser schnell ertappt fühlt. „’Da rutscht mir ja die Hose runter’ – ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie oft ich diesen Satz täglich hören musste. Bei jedem, der sich den Gürtel auszieht, hoffen wir: Junge, sag’s bitte nicht. Bei drei- bis vierhundert Leuten am Tag raubt einem das irgendwann den letzten Nerv.“
Kein Promi-Bonus
Nervig, berichtet Achim Lucchesi, sind oft die Promis. Denn die dächten meist, sie seien befreit vom Durchecken und Abtasten. Bestes Beispiel aus Lucchesis Buch: Boris Becker. "'Oh nee, mach du den mal'", hat der Kollege gesagt, als ich noch ganz neu war." Nach vier denkwürdigen Kontrollen wusste Lucchesi, warum. Doch an der Gepäckkontrolle sind alle Menschen gleich. "Da gibt es keinen Promi-Bonus."
Seine Entspannung findet Achim Lucchesi nun auf Reisen. Zur Zeit plant er ein Buch über eine Südpol-Expedition - acht Tage verbrachte er auf einer Forschungsstation amerikanischer Meteorologen, vor zwei Monaten ist er aus dem ewigen Eis zurückgekehrt. "Das ist natürlich viel zu kurz." Die nächste Tour zur Wintersonnwende hat er deshalb schon geplant. Vor dem Flug graut ihm allerdings schon jetzt. "Nicht wegen der Kontrollen. Ich habe Höhenangst."
Achim Lucchesi: Die Bombe is’ eh im Koffer. Geschichten aus dem Handgepäck. Heyne, 8,99 Euro

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