kalaydo.de Anzeigen

Frankfurter Flughafen: Skurrile Geschichten von der Gepäck-Kontrolle


Foto: Heyne

Die Oma im Trolley, das Schwarzgeld in der Windel - Achim Lucchesi hat zwei Jahre lang Passagiere am Frankfurter Flughafen kontrolliert. Über seine Erlebnisse hat er nun ein Buch geschrieben.

Zwei Tabus gelten am Tor zum Himmel. Wer vor die Herren der Sicherheitsschleuse tritt, sollte ein bestimmtes Wort lieber nicht aussprechen. Auch für alkoholisierte Touris auf Ballermann-Trip gibt es da kein Pardon. „Die Bombe findet ihr eh nicht, ha ha.“ Bei solchen Sätzen verstehen die Männer und Frauen an der Handgepäckkontrolle garantiert keinen Spaß. „Bei dem Wort Bombe fängt sofort die Sicherheitsmaschinerie an zu rotieren“, sagt Achim Lucchesi, ehemaliger Luftsicherheitsassistent am Frankfurter Flughafen. Dann heißt es: Zurück mit den Koffern und gründlicher Sicherheitscheck. „Das kann für den Witzbold kann schön teuer werden. So eine Boeing 747 parkt schließlich für 1500 Euro die Stunde.“

Eigentlich ist Achim Lucchesi gelernter Bäcker und Konditor - wegen einer Mehlallergie musste er jedoch umsatteln. Bisher arbeitete er unter anderem als Bodyguard, Wachmann und Flugsicherheitsassistent.
Eigentlich ist Achim Lucchesi gelernter Bäcker und Konditor - wegen einer Mehlallergie musste er jedoch umsatteln. Bisher arbeitete er unter anderem als Bodyguard, Wachmann und Flugsicherheitsassistent.
Foto: Heyne

Anekdoten dieser Art finden sich in Achim Lucchesis neuem Buch „Die Bombe is’ eh im Koffer“ zuhauf. Die „Geschichten aus dem Handgepäck“ hat der 51-Jährige gelernte Bäcker mit Mehlallergie in seinen zwei Jahren am Frankfurter Flughafen erlebt und auf 300 Seiten aufgeschrieben. Wie groß die dichterische Freiheit dabei war? Lucchesi beschwört: Diese Geschichten sind allesamt passiert, so abstrus sie auch teilweise erscheinen.

Amüsant sind sie allemal, vor allem auch deshalb, weil sich der Leser immer mal wieder erkennt. Vielleicht nicht gerade in der Geschichte des adretten Passagiers, der eine Sammlung benutzter Tampons in seinem Koffer hortete. Und auf die Idee, die Oma im Koffer zu transportieren, muss man auch erst mal kommen. Beim obligatorischen Sprengstoff-Test ist die alte Dame nicht explodiert – „früher is dat schon eher mal passiert“, so der Kommentar des Rentners aus dem Ruhrpott, der die Urne mit Omas Asche im Trolley verstaut hatte.

Lesen Sie hier Auszüge aus dem Buch:
Der deutsche Passagier

Das Hauptproblem des Deutschen sieht so aus: "Treten Sie mal bitte hier rüber?"

"Sehe ich aus wie ein Terrorist?"

Der Deutsche sagt das ständig.

"Sehe ich aus wie ein Terrorist?"

Und wenn man diese Frage lange genug hört, wird einem klar: Der Deutsche glaubt nicht, dass er einfach nur deshalb untersucht wird, weil er in ein Flugzeug steigen möchte - der Deutsche ist felsenfest überzeugt, dass er untersucht wird, weil der Luftsicherheitsassistent denkt, dass er wie ein Terrorist aussähe.

Alles klar? Während ich zu dem Passagier gesagt habe:

"Treten Sie mal bitte hier herüber?",

übersetzt das Gehirn des Passagiers den Satz in:

"Kommen Sie mal her, Sie sehen mir aus wie ein Terrorist!"

1500 Flugsicherheitsassistenten sind auf dem drittgrößten Airport des Kontinents im Einsatz, um täglich 145.000 Passagiere zu checken. Lucchesi wurde es irgendwann zu viel. „Eigentlich sollte ich ja befördert werden, aber dann hatte ich doch andere Pläne.“

Scheißlohn von acht Euro

Wenn der Job irgendwann zur Routine wird, wird man da nicht auch nachlässig? "Manche Kollegen werden immer penibler", wägt der Autor mit der Schnodderschanuze ab, "manche, sagen wir, gelassener." Und woran erkennt der erfahrene Flugsicherheitsassistent einen potentiellen Attentäter? "Man entwickelt ein Bauchgefühl für Leute, mit denen was nicht stimmt. Es sind nicht die Typen mit Kaftan und Bart, bei denen man dann denkt: Auha, den müssen wir uns mal zur Brust nehmen. Was es genau ist, kann man eigentlich nicht beschreiben."

Auf die Frage nach den wirklich gefährlichen Funden schweigt Lucchesi. "Dazu darf ich nichts sagen, das habe ich gleich vertraglich unterschreiben müssen.“ Über den "Scheißlohn" für Anfänger von acht Euro pro Stunde schimpft er ganz offen. Und dass ein „Fundstück“ auch mal nicht im Fundbüro landet, auch daraus macht er kein Geheimnis. „Bei der Bezahlung kommen schon Begehrlichkeiten auf. Wenn dann mal jemand ein Ferrari-Notebook vergisst - naja, so ein schickes Teil ist ja für uns sonst unerschwinglich...“

Ach ja, das zweite große Tabu an der Himmelspforte – es scheint eine Art Automatismus zu sein, bei dem sich der Leser schnell ertappt fühlt. „’Da rutscht mir ja die Hose runter’ – ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie oft ich diesen Satz täglich hören musste. Bei jedem, der sich den Gürtel auszieht, hoffen wir: Junge, sag’s bitte nicht. Bei drei- bis vierhundert Leuten am Tag raubt einem das irgendwann den letzten Nerv.“

Kein Promi-Bonus

Nervig, berichtet Achim Lucchesi, sind oft die Promis. Denn die dächten meist, sie seien befreit vom Durchecken und Abtasten. Bestes Beispiel aus Lucchesis Buch: Boris Becker. "'Oh nee, mach du den mal'", hat der Kollege gesagt, als ich noch ganz neu war." Nach vier denkwürdigen Kontrollen wusste Lucchesi, warum. Doch an der Gepäckkontrolle sind alle Menschen gleich. "Da gibt es keinen Promi-Bonus."

Seine Entspannung findet Achim Lucchesi nun auf Reisen. Zur Zeit plant er ein Buch über eine Südpol-Expedition - acht Tage verbrachte er auf einer Forschungsstation amerikanischer Meteorologen, vor zwei Monaten ist er aus dem ewigen Eis zurückgekehrt. "Das ist natürlich viel zu kurz." Die nächste Tour zur Wintersonnwende hat er deshalb schon geplant. Vor dem Flug graut ihm allerdings schon jetzt. "Nicht wegen der Kontrollen. Ich habe Höhenangst."

Achim Lucchesi: Die Bombe is’ eh im Koffer. Geschichten aus dem Handgepäck. Heyne, 8,99 Euro

Autor:  Jasmin Takim
Datum:  27 | 10 | 2011
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Regionale Startseite

Anzeige


Spezial: Frankfurt Flughafen

Frankfurt Flughafen - Rhein-Main leidet und profitiert von dem Verkehrsknoten gleichermaßen: kurze Wege, aber viel Lärm für die Anwohner. Der Ausbau ist seit Jahrzehnten umstritten. Das Spezial.


Spezial: Der Flughafen wächst weiter
        

Für diejenigen Menschen, die unter dem Fluglärm leiden, ist Frankfurt bei weitem nicht „grün“ genug.
Fluglärm in Frankfurt 
        

Wohnen in der Region: Lärm, aber noch kein Schallschutz.
Schleppende Antragsbearbeitung 
        

Nach Sonnenuntergang sollen auch die Flieger unten bleiben.
Nachtflugverbot 
Wegen der
Fluglärm Rhein-Main-Gebiet 

Anzeige

 

OB-Stichwahl in Frankfurt
Wahlergebnis Sehen Sie auch die Ergebnisse nach Stadtteilen als Grafik-Fotostrecke. Außerdem zeigen wir die Top- und Flop-Ergebnisse von Peter Feldmann und Boris Rhein nach Stadtteilen und noch detaillierter nach Wahlbezirken. Alles Weitere im Wahl-Spezial.
Frankfurter Kandidaten
Rhein versus Feldmann: Wer fordert was?

In Frankfurt macht der eine auf Papa, die andere würde gerne die neue Landebahn bepflanzen. Und wer ist nochmal dieser Herbert? Checken Sie Ihr Wissen über die OB-Kandidaten.

OB-Wahl in Frankfurt
So freuen sich Oberbürgermeister: Petra Roth (CDU) und Peter Feldmann (SPD), letzterer mit der Hand in der Hosentasche, ein Fauxpas.
Machtkampf nach OB-Wahl in Frankfurt 
        

Zählt die Tage bis zum Amtsantritt: Peter Feldmann.
Neuer Oberbürgermeister Frankfurt 
Der neue Oberbürgermeister Peter Feldmann bringt ein neues Team mit.
Nach der OB-Wahl in Frankfurt 
Prinz Asfa-Wossen Asserate.
Nach der OB-Wahl in Frankfurt 
So freuen sich Oberbürgermeister: Petra Roth (CDU) und Peter Feldmann (SPD), letzterer mit der Hand in der Hosentasche, ein Fauxpas.
Nach der OB-Wahl in Frankfurt 

Anzeige

 
Social Media
Unser Twitter-Ticker für Frankfurt und Rhein-Main.

 

Facebook | Twitter überregional | Google+
Was bedeutet das hier? FR@Social Media!
Glosse
        

Da steht sie auf ihrem Brunnen in der Klappergasse.

Jeden Tag gibt's nun eine kurze Glosse zu unglaublichen Geschichten aus dem Frankfurter Alltag zu lesen.

Instrument lernen in Frankfurt
Trompete steht bei kindern hoch im Kurs.

Musik ist etwas Wunderbares - besonders wenn man selbst ein Instrument erlernt. Doch welche Schule in Frankfurt ist für wen die richtige?

Altenhilfe der FR

Spendenkonten, Bankverbindung, Online-spenden und Informationen zu Spendenquittungen.

Spezial

Mit gutem Gewissen investieren und gleichzeitig Geld verdienen? Die FR schaut, wie erfolgreich Firmen und Fonds dabei sind.

Aus dem Gericht

FR-Gerichtsreporter Stefan Behr berichtet über kuriose, traurige, aufwühlende und schockierende Prozesse.

Meistgeklickt
Turkish Airlines ist als Sponsor im Gespräch.
Eintracht Frankfurt 
Die Politik entscheidet am Freitag über die Organspende-Reform. Doch wissen wir wirklich, wann ein Mensch definitiv tot ist?
Organspende-Reform im Bundestag 
Ödnis oder goldener Boden? In dem Gewerbegebiet Quellenpark in Bad Vilbel soll womöglich ein riesiges chinesisches Handelszentrum entstehen.
China investiert in Hessen 
Blick in die Zukunft am Eschenheimer Turm (links): Büros, Läden und einige Wohnungen lösen das Kino ab.
Turmpalast in Frankfurt 
Polizeimeldungen

Was ist passiert? Polizeimeldungen aus Frankfurt, Darmstadt, Offenbach und Hanau sowie Wiesbaden.

Video

Anzeige