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22. März 2012

Frankfurter Hauptfriedhof: Rundgang durch das Reich der Toten

 Von Friederike Tinnappel
Verwalter Norbert Schlüter in der Gruftenhalle, die aus den Anfängen des Friedhofs stammt und zurzeit für rund eine Million Euro saniert wird. Foto: Michael Schick

Der Frankfurter Hauptfriedhof wird saniert: Das neue Dach der Gruftenhalle ist schon fertig. Demnächst werden die Risse verputzt. Vor dem Eingang in der Eckenheimer Landstraße wird noch eifrig gebaut.

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Eiligen Schrittes strebt Norbert Schlüter (50) zur Gruftenhalle. Der Hauptfriedhof, den er seit 1999 verwaltet, ist groß, die Wege sind lang. An diesem lauen Frühlingstag sind hier nicht nur Trauernde unterwegs, sondern auch Spaziergänger, die das parkähnliche Gelände zur Erholung nutzen. Eichhörnchen huschen Baumstämme hinauf und hinunter, Vögel zwitschern, Lärm und Hektik der Großstadt sind vergessen. Der Friedhof, letzte Ruhestätte für die Toten, eine Idylle für die Lebenden.

Die Schneeglöckchen sind verblüht, jetzt werden die Stiefmütterchen gepflanzt – meistens von professionellen Gärtnern, die von den Angehörigen der Verstorbenen bezahlt werden. An der Gruftenhalle, in der wochenlang die Handwerker zugange waren, um Risse zu beseitigen und ein neues Dach aufzusetzen, ist wieder Ruhe eingekehrt. Im Herbst 2011 wurde mit der längst überfälligen Sanierung des klassizistischen Bauwerks begonnen, das die Gebeine so berühmter Familien wie Bethmann, Mylius, Staedel oder Brentano birgt.

Die Anlage

Nachdem der Peterskirchhof in der Innenstadt zu klein geworden war, wurde 1828 der Hauptfriedhof eröffnet.

Entworfen wurde der Hauptfriedhof von dem Architekten Friedrich Rumpf und dem Stadtgärtner Sebastian Rinz, der ihn im Stil eines englischen Landschaftsparks anlegte.

Mit den beiden angrenzenden jüdischen Friedhöfen ist das Areal an der Eckenheimer Landstraße einer der größten Friedhofskomplexe in Deutschland.

Das 70 Hektar große Gelände wird durch 24 Kilometer Asphaltwege und 40 Kilometer nicht asphaltierte Wege erschlossen.

77.000 Gräber ganz unterschiedlicher Art gibt es auf dem Gelände: von der Familiengruft bis zum schlichten Rasengrab.

Ein kostenloses Taxi fährt gehbehinderte Besucher zum Grab. Unter der Telefonnummer 0160/95891031 kann es auch vor einem Besuch gebucht werden.

Es wurde gehämmert und gebohrt. Jetzt ist das Baugerüst erst einmal weg. Aber es werden weitere Bauarbeiten folgen, wie Schlüter erklärt: Die Feuchtigkeit, die vom Boden aus die Wände hochgestiegen ist, muss beseitigt werden. Neue Sockel sollen vor Nässe schützen. Und dann muss alles, auch die Gewölbe noch, verputzt werden. Über eine Million Euro wird die Stadt aufbringen, um dieses einzigartige Bauwerk zu erhalten, bestätigt Thomas Linne vom Grünflächenamt, der für alle Frankfurter Friedhöfe zuständig ist. Die Halle wurde 1828 zusammen mit dem Hauptfriedhof eröffnet.

Immer mehr leere Gräber

Norbert Schlüter mag „seinen“ Friedhof. Sein Arbeitsplatz ist weitläufig: Gräber, Bäume, Büsche, Rasenflächen verteilen sich auf 70 Hektar. Der 50-Jährige schätzt an seinem Job die Mischung aus Büroarbeit und Tätigkeiten vor Ort, das Nebeneinander von drinnen und draußen. Jacke und Mütze sind immer griffbereit.

Beim Rundgang durch das Reich der Toten weist Schlüter auf die vielen Lücken zwischen den Grabsteinen. Die Zahl der leeren Gräber nimmt zu, weil die Leute immer weniger Geld ausgeben wollen für die Zeit nach dem Tod. Und so gibt es auf dem Friedhof immer weniger klassische Gräber mit einem individuell gestalteten Gedenkstein, Pflanzen und Blumen. Es sei aber nicht nur das Geld, das eine Rolle spiele, sagt Schlüter. Oft fehlt auch die Zeit, sich um das Grab zu kümmern, es zu pflegen. „Das ist schon sehr mühsam.“ Oder man lässt es machen, dann sei die Grabpflege sehr kostspielig. „Die ganze Friedhofskultur wandelt sich.“ Früher wurde ein Grab oft für 30, 40 Jahre gebucht, jetzt sei häufig nach der vorgeschriebenen „Ruhezeit“ von 20 Jahren Schluss.

Mal ganz einfach, mal mit Engel: Grabsteine auf dem Hauptfriedhof.
Mal ganz einfach, mal mit Engel: Grabsteine auf dem Hauptfriedhof.
Foto: Michael Schick

Es gibt Gräber, die sehen aus wie eine ganz normale Rasenfläche. Manchmal ist dort ein Schild angebracht: „Dieses Feld der Ungenannten wird aufgelöst. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an die Friedhofsverwaltung.“ Die anonymen Gräber der Ungenannten haben einen zentralen Gedenkstein. Da dürfen auch Blumen und Kerzen aufgestellt werden. Wer hier begraben liegt, das wissen nur die Angehörigen. „Vier Personen auf einen Quadratmeter“ – das absolute Minimum an Grab, und keine Namen.

Friedhof entwickelt sich zum Park

Seit den 70er Jahren gibt es diese anonymen Gräber. Damals waren sie noch eine „absolute Rarität“, sagt Schlüter. Die sogenannten Rasengräber werden immerhin noch mit einer Gedenkplatte versehen, die den Namen des Verstorbenen trägt. Vorteil der ebenerdigen Grabstätten: Sie müssen nicht gepflegt werden. Über die Urnen wächst Gras, ab und zu Rasen mähen reicht.
Ganz selten werden noch Familiengräber nachgefragt. Die Gepflogenheit, Eltern, Kinder und Geschwister an einem Ort beizusetzen, entstammt einer anderen Zeit. Heute ist Mobilität gefragt, werden Familien in alle Windrichtungen zerstreut, ist der Drei-Generationen-Verbund zur Ausnahme geworden.

Und so wandelt sich mit der Friedhofskultur auch das Bild vom Friedhof selbst. Weniger Grabsteine, mehr Wildnis. Mehr und mehr entwickelt sich der Friedhof zum Park mit schönem alten Baumbestand. Doch wegen der eindrucksvollen alten Grabsteine weht auch der Odem vergangener Epochen weiter.

Dem Zeitgeist wird Tribut gezollt: Außer der Gruftenhalle wird jetzt auch der denkmalgeschützte Eingangsbereich in der Eckenheimer Landstraße auf Vordermann gebracht. Er soll barrierefrei werden. Die Trauerhalle wird für Behinderte in Zukunft leichter zugänglich sein, ein neues Tor wird es möglich machen, dass sie den Friedhof auch nach der Schließung verlassen können.
Ursprünglich sollten die Bauarbeiten am Haupteingang zu Ostern abgeschlossen sein. Nun wird es doch etwas länger dauern. Ein neues Pflanzkonzept soll für mehr Farbe sorgen: Statt des Rhododendrons, der nur eine bestimmte Zeit über blüht, sieht das neue Konzept Stauden mit längerer Blütenzeit vor.

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