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18. Oktober 2012

Frankfurter Landgericht : Die fabelhaften Ausreden des Giovanni S.

 Von Stefan Behr
Zeugenstand im Landgericht Frankfurt. (Symbolbild)  Foto: dpa

Ein 71 Jahre alter Mann aus Oberursel soll seine Schwiegermutter erstochen und seiner Frau das Gesicht zerschnitten haben. Jetzt muss er sich wegen Totschlags, versuchten Mordes und schwerer Körperverletzung verantworten.

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Ein 71 Jahre alter Mann aus Oberursel soll seine Schwiegermutter erstochen und seiner Frau das Gesicht zerschnitten haben. Jetzt muss er sich wegen Totschlags, versuchten Mordes und schwerer Körperverletzung verantworten.

Giovanni S. trägt einen klangvollen Namen, der nach Macchia duftet, nach Involtini alla Siciliana, nach Angeboten, die man nicht ablehnen kann. Glaubt man der Staatsanwaltschaft, dann handelt er auch so.

Die Anklage vor dem Frankfurter Landgericht lautet auf Totschlag, versuchten Mord und schwere Körperverletzung. Der 71 Jahre alte Giovanni S. soll am 8. Juli 2011 in Oberursel seine 84 Jahre alte Schwiegermutter Albina W. erstochen haben. Aus Angst, sie wolle seine Frau Isabell, 54, mit zurück nach Brasilien nehmen und dort an einen anderen Mann verheiraten. Noch am selben Tag wurde er festgenommen, aber wieder laufengelassen, nachdem er den Ermittlern ein vermeintliches Alibi präsentierte.

Und so wäre Giovanni S. wohl heute noch auf freiem Fuß. Wenn er nicht seiner Frau Isabell, die ihn nach der Bluttat aus naheliegenden Gründen verlassen hatte, am 7. Januar 2012 beim Einkaufen im Supermarkt nachgestellt und ihr Gesicht mit einem Rasiermesser zerschnitten hätte. Die stark blutende Frau rettete sich in die Wohnung ihres Sohnes. Und die Polizei fragte sich, ob Giovanni S. nicht vielleicht doch etwas mit dem widernatürlichen Ableben der Schwiegermutter zu tun haben könnte.

Angeklagter spricht unbekannte Sprache

„Ich entschuldigen, was ich gemacht habe an die Frauen, die Rest weiß ich nix“, sagt Giovanni S., der sich vehement weigert, die vom Vorsitzenden Richter Klaus Drescher dringend empfohlene Dolmetscherin, die etwas hilflos neben ihm sitzt, in Anspruch zu nehmen, weil „meine Deutsch viele besser als Italienisch“.

Es folgen quälende Stunden, in denen Giovanni S. gestenreich und in einer unbekannten Sprache eine Geschichte erzählt, in der ein Baugrundstück in Chile, eine Packung Mon Chéri, ein Schrebergarten in Bad Homburg und ein verspäteter Bus zentrale Rollen spielen. Sinn ergibt das nicht im Geringsten, und auf hartnäckiges Nachfragen Dreschers stellt sich heraus: Mit dem Tod seiner Schwiegermutter hat Giovanni S. nichts zu schaffen, und die Schnittwunden im Gesicht hat sich seine Frau selbst zugefügt. Als er ihr nämlich sein Rasiermesser gezeigt habe, habe sie ihn mit einem Kuchen angegriffen, seine Hand geschnappt und das sich von selbst öffnende Rasiermesser durchs eigene Gesicht gezogen. Eigentlich führe er ein Messer ja nur zum Pilzeschneiden mit sich.

Er habe ja schon viel gehört vor Gericht, sagt Klaus Drescher, der immerhin schon dem Kannibalen von Rotenburg und anderen Irrlichtern den Weg ins Zuchthaus gewiesen hat, „aber so weit wie Sie ist hier noch keiner gegangen“. Drescher ist sichtlich beeindruckt, und das ist er sonst eher selten.

Sein Alibi entpuppt sich als dünn

Das Alibi, das Giovanni S. damals der Polizei präsentierte, entpuppt sich vor Gericht als ein eher dünnes. Er habe den Bus verpasst, mit dem er eigentlich zu seinem Anwalt nach Bad Homburg hätte fahren wollen, um dort eine Rechnung zu bezahlen. Dann sei er mit dem Auto dorthin. Als er zurückgekommen sei, habe seine Schwiegermutter bereits tot dagelegen, umringt von Polizisten. Die Staatsanwältin sagt, dass es damals wohl Unklarheiten bezüglich des Todeszeitpunkts der Schwiegermutter gegeben habe. Kurz: Das Alibi ist nicht viel wert.

Allzu üppig ist die Beweislage bislang aber auch nicht. Und die Gefahr, dass sich der redselige Giovanni S. im Prozess um Kopf und Kragen redet, scheint relativ gering, weil niemand im Gerichtssaal seine Sprache versteht.

Und so ruhen die Hoffnungen auf den Zeugen, die in den kommenden Verhandlungstagen Licht ins Dunkel bringen sollen. Am ersten Prozesstag wurde noch keiner gehört.

Ein klein wenig mehr über Giovanni S. weiß man aber nach der Prozesseröffnung. Er ist Rentner. Er lebt seit 49 Jahren in Deutschland. Mit seiner ersten Frau, einer Italienerin, hat er fünf Kinder. Seine zweite Frau ist Brasilianerin. Die Aktenlage gibt Grund zur Vermutung, dass Giovanni S. zur Eifersucht neigt.

In seinen Erzählungen taucht jedenfalls immer wieder ein Mann auf, der „zehn Jahre jünger“ als er sei und nicht nur verbotswidrig eine Packung Mon Chéri, sondern auch die Ehefrau weggenascht habe. So richtig klar wird das aber nicht.

Eines hört man aus den wirren Reden des Giovanni S. immer wieder heraus: Er liebe seine Frau, auch heute noch, obwohl sie seine Hand und sein Messer dazu benutzt habe, sich das Gesicht zu zerschneiden. Er habe immer gut für sie gesorgt. „Was ich habe geschwitzt, wir haben geteilt.“

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