Eine 40 Meter lange Fischtheke sieht man beim Einkaufen nicht alle Tage. Auch 580 verschiedene Käsesorten sind selten anzutreffen im normalen Laden um die Ecke. Aber im Ostend, da gibt es das. Da nämlich, in der Ferdinand-Happ-Straße, residiert seit 2008 der laut Peter Splettstößer „größte Gourmet-Supermarkt des Rhein-Main-Gebiets“. Wer hier was sucht, sollte Zeit mitbringen, denn in den Regalen warten 60000 verschiedene Artikel.
„Das hier ist mit Sicherheit die dynamischste Ecke Frankfurts“, sagt Marktleiter Splettstößer auf die Frage, warum sich die Einzelhandelskette gerade das Ostend als Standort für den Mega-Markt ausgesucht hat. „Das war eine Entscheidung auf Zukunft hin.“ Ähnlich entscheiden sich viele andere – oder haben es schon getan: Werbeagenturen wie Leo Burnett wollen großzügig bauen, der Outdoor-Ausstatter Globetrotter hat gerade eröffnet, als Mega-Zugpferd wirkt die Europäische Zentralbank. Die Musik-Akademie „Hoch’sches Konservatorium“, viele Kulturbetriebe und die „School of Finance and Management“, Kaderschmiede der Finanzwirtschaft, sind schon vor einer Weile hergezogen.
Was die Menschen, die hier wohnen, von dem Run haben, ist noch nicht ausgemacht. Nach den Sozialdaten jedenfalls rangiert das Quartier weiter als Viertel mit Förderbedarf: Etwa 40 Prozent der 27000 Bewohner sind Migranten, der Anteil der Hartz-IV-Empfänger ist deutlich höher als im Durchschnitt der Stadt. Und die neuen Jobs, die entstehen, werden allenfalls zum Teil mit Ostendlern besetzt. Einzelhändler Splettstößer etwa spricht zwar von 100 Mitarbeitern – die aber kommen zum Beispiel aus Neu-Isenburg oder Bad Homburg, „und einige Frauen an der Kasse auch von hier“.
Kaum ein Frankfurter Stadtteil ist derzeit mehr in Bewegung als das Ostend. Es wird gebaut und saniert, aufgehübscht und modernisiert. Sehen die einen in der EZB den Auslöser für die Veränderungen, sind andere der Ansicht, sie sei nur ein Beschleuniger. Tatsache aber ist: Die EZB baut auf dem Gelände der ehemaligen Großmarkthalle ihre neue Zentrale - und das sorgt für reichlich Zündstoff im Stadtteil.
Foto: Michael SchickGebaut wird viel, die Sanierungen der vergangenen Jahre haben dafür gesorgt, dass Familien nun länger im Viertel wohnen bleiben. Sie profitieren auch vom großen neuen Hafenpark mit seinen vielen Sportanlagen, der 2013 fertig werden soll.
Andererseits: Viele ziehen zu, eher die Etablierten. Es fehlen schon jetzt bezahlbare Wohnungen und der Mangel dürfte noch wachsen. Die Angst vor steigenden Mieten geht um, zumal die Sozialbindung für viele Häuser bald auslaufe, weiß man beim Nachbarschaftszentrum.
Steigen die Mieten wirklich schon? Jürgen Lutz, Geschäftsführer des Vereins „Mieter helfen Mietern“, rät zu Differenzierung. Deutliche Preissteigerungen gebe es natürlich bei Neubauten wie denen südlich der Sonnenmannstraße. Die Wohnlage zwischen der Sonnenmann- und der Hanauer Landstraße sei aber „vom ganzen Boom nicht betroffen, bisher jedenfalls“. Der umstrittene neue Mietspiegel weist das Gebiet noch als „mittlere Wohnlage“ aus. Anders das Areal um den Zoo: Das gilt jetzt als „gehobene Wohnlage“, 65 Cent Miete mehr pro Quadratmeter sind damit erlaubt.
An zahlreichen Altbauten jedenfalls, hat auch Marktleiter Splettstößer beobachtet, „wird eifrig modernisiert“. Und mit der neuen Mainbrücke entspannt sich vielleicht das Verkehrschaos, aber gerade das könnte auch das Wohnen und Leben hier noch mal teurer machen. Wohin die Dynamik im Ostend geht, bleibt spannend.
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