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23. November 2012

Frankfurter Rundschau Zeitungsausträger: Mit der FR durch dick & dünn

 Von 
Austräger für einen Tag. Stillbauer liefert die FR. Foto: Michael Schick

Das sind Helden: Nachts um zwei verlassen sie das Haus, um bei Wind und Wetter die Zeitung zum Leser zu bringen. Sie verdienen nicht viel Geld – aber umso mehr Respekt. Die Austräger der Frankfurter Rundschau.

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Das sind Helden: Nachts um zwei verlassen sie das Haus, um bei Wind und Wetter die Zeitung zum Leser zu bringen. Sie verdienen nicht viel Geld – aber umso mehr Respekt. Die Austräger der Frankfurter Rundschau.

Drei Erkenntnisse vorab. Erstens: Es gibt menschliches Leben morgens um 3.30 Uhr auf Frankfurts Straßen. Zweitens: Die Außentemperatur in Novembernächten ist doch nicht unmittelbar tödlich. Drittens: Vögel zwitschern selbst im Angesicht des nahen Winters und eingedenk des Umstands, dass es bis Sonnenaufgang noch vier Stunden dauert, aufs Lieblichste.

Vögel sind also ganz klar die besseren Menschen, aber es gibt auch unter den Flügellosen recht angenehme Exemplare. Allen voran natürlich meine bezaubernde Gattin, die noch zu Hause schlummert. Aber auch: Thommy Lenhardt, den freundlichen Zeitungszusteller. Pünktlich um 4 Uhr fährt er mit seinem Kleinbus an unserem Treffpunkt in Hausen vor. Gemeinsam wuchten wir die Papierpakete in den Mercedes Vito, und los geht’s. Im Radio dudelt FFH.

Gut gelaunt um vier Uhr früh

Liebe Freunde des geschriebenen Wortes, heute gilt es, all den fleißigen Menschen zu huldigen, die mitten in der Nacht aufstehen, um die Frankfurter Rundschau zu ihren Lesern zu bringen. Diese Leute machen einen hervorragenden Job, und es ist wichtig für sie, dass die Zeitung weiter besteht.

Wie Sie helfen können

Die Solidaritäts-Abonnements der Frankfurter Rundschau, die es erst seit dem Wochenende gibt, sind ein großer Erfolg. Bis zum Freitagnachmittag hatten schon 830 Leserinnen und Leser neue Abos abgeschlossen, die Zahl steigt weiter.

Rund tausend Rundschau-Fans haben einen Aufruf der Gewerkschaft Verdi für den Erhalt der Frankfurter Rundschau unterzeichnet. Das sei für die Kürze der Zeit „enorm“, so Manfred Moos vom Fachbereich Medien am Freitag.

Auch der Einzelverkauf der Zeitung wächst: Er hat um 20 Prozent zugenommen.

Beim Solidaritätsabo bestellen die Leserinnen und Leser die Zeitung für drei Monate. Damit unterstützen sie die Zeitung und helfen, die Auflage zu stabilisieren. Das Abonnement, das monatlich bezahlt wird, kostet den normalen Preis von 37,75 Euro pro Monat, beziehungsweise 36,55 Euro in Hessen. Zu bestellen auf www.fr-abo.de

Ein Sympathie-Spezial erscheint am Samstag, 1. Dezember. Auf den Seiten berichten wir über die aktuelle Situation der Frankfurter Rundschau, blicken auf unsere 67-jährige Geschichte zurück und beleuchten die Zukunft unserer Zeitung.

Schönes Gefühl, für einen Tag zur Schar der 3500 Geschöpfe zu gehören, die im Rhein-Main-Gebiet ausschwärmen und Frischgedrucktes in die Briefkästen verteilen. Die fangen natürlich nicht alle um 4 Uhr morgens an, um Himmels willen! Nein, nein – Thommy Lenhardt zum Beispiel ist schon seit 2 Uhr unterwegs. Als wir uns treffen, hat er bereits einen Bezirk in Heddernheim hinter sich. Gut gelaunt sortiert er jetzt die etwa 100 Zeitungen, die wir in Hausen austragen werden, um sich herum in den Kleinbus. Einen Stapel Frankfurter Rundschau neben den Sitz, einen weiteren aufs Armaturenbrett, einige Exemplare der Wochenzeitung Die Zeit gleich daneben, und wo sonst noch Platz ist: die FAZ, die Neue Presse und jede Menge „Sonder-“ oder „Fremdobjekte“. 22 bis 24 verschiedene Zeitungen haben Thommy Lenhardt und seine Kollegen auf ihren Touren dabei. Eigentlich braucht man dafür auch den Beifahrersitz als Ablagefläche. Aber da lagert heute, ähem, der schaffende Stillbauer.

Kein Frühstückstisch

Wir fahren durchs Hausener Straßenlabyrinth. Gefühlt alle zwei Meter fuffzich hält der Vito an, und einer von uns springt hinaus, um eine Zeitung in einen Briefkasten zu stecken. Es gibt doch viel mehr Zeitungsleser, als man denkt. Zum Glück ist es nicht kalt. Zum noch größeren Glück liegt kein Schnee. „Diese Jahreszeit ist nicht so interessant“, sagt Lenhardt, 29 Jahre alt, Jahreszeiten-Experte durch Arbeit an der frischen Luft. „Im Sommer bin ich viel lieber unterwegs, da hab ich dann den Motorroller.“

Aber mal ganz unter uns, liebe Leser – das einzig Blöde an dem Job ist: Du hast morgens keine Zeitung im Briefkasten und keine Zeitung auf dem Frühstückstisch. Denn der Zusteller bist ja du, und wenn du aufstehst, sind die Lastwagen mit der Ware noch unterwegs zu dir. Wohl dem, der in solch einer scheinbar ausweglosen Lage einen Tablet-Computer hat. Und die FR-App.
Wir biegen in die Peter-Zenger-Straße ein und schauen auf die Verteil-Liste: Da ist eine Zeitung kurz vor dem Ende der Sackgasse abzuliefern. Stockdunkel draußen. Stört es eigentlich nicht, wenn das Auto mit laufendem Motor vorm Haus stehen bleibt? Lenhardt schüttelt den Kopf. „Hier hat sich noch nie jemand beschwert.“ Anderswo schon – aber nicht etwa übers Auto. „Das war einer, der wollte nicht, dass ich mit dem Fahrrad vor seinem Haus vorbeifahre.“ Früher hat Thommy Lenhardt nämlich mit dem Fahrrad in Niederrad Zeitungen ausgefahren. Bei Eis und Schnee mit dem vollgepackten Vehikel: „Eine Katastrophe.“ Dann doch lieber mit dem Kleinbus. Oder mit dem Roller.

Der gelassene Herr Licht

So, aber diese Serie heißt nicht „Lenhardt schafft“ – jetzt wird der feine Herr Redakteur auch mal was tun. Brendelstraße, da drüben muss eine Rundschau hin. Oje, aber die Namensschilder auf den Briefkästen sind im Dunkeln überhaupt nicht zu lesen. Wie, äh ...? „Da machen wir mal das Licht an“, sagt Thommy Lenhardt und drückt kurzerhand auf den Knopf am Hauseingang. Keine schlechte Idee. Dann klappt’s auch mit dem richtigen Briefkasten. Einmal, erzählt mein morgendlicher Begleiter, stand er vor demselben Problem – dunkel, Namensschilder kaum zu erkennen. Da drückte er auf den Knopf, auf dem „Licht“ stand. Und stellte im nächsten Moment fest, dass in dem Haus jemand wohnt, der Licht heißt. Dingdong! Das war die Klingel. Mitten in der Nacht. Aber Herr Licht reagierte ganz gelassen.

Beim Bäcker in Alt-Hausen, schräg gegenüber dem Dorfkrug, ist jetzt auch schon Betrieb. Frühaufsteher unter sich. Im Auto klingelt das Mobiltelefon, aber es ist niemand dran – kleiner Service für den Fall, dass der Zeitungsbote verschlafen haben sollte. Das ist ihm in sieben Jahren erst ein einziges Mal passiert. Die frühe Uhrzeit, das Aufstehen mitten in der Nacht: Den Lenhardts liegt’s offenbar im Blut. Der Vater fing mit dem Zusteller-Job an, die Söhne taten es ihm gleich, die Mutter leitet das inzwischen gegründete Familienunternehmen mit Sitz in Heusenstamm. Jede Nacht von 2 bis 7 Uhr ist Thommy Lenhardt auf Achse. Schlafen geht er nicht vor 21 oder 22 Uhr, und tagsüber legt er sich auch nicht noch einmal aufs Ohr. „Da muss ich aufräumen und waschen“, sagt er und lächelt. Sein Sohn ist sieben Jahre alt, die beiden Töchter sind fünf und eins. Tagesfreizeit ist enorm hilfreich, wenn man ein alleinerziehender Vater ist.

50 Schlüssel in der Tasche

4.43 Uhr. Jetzt geht in so mancher Wohnung schon das Licht an. Die Leute stehen auf, demnächst brauchen sie ihre Zeitung auf dem Frühstückstisch. Wir steigen aus und gehen zu Fuß, jeder einen Stapel Zeitungen unter den Arm geklemmt, denn hier gibt es viele Häuser, die nur über Stichwege zu erreichen sind. Manche Briefkästen wollen den Mund nicht weit genug aufmachen oder sind ein bisschen engstirnig für eine ganze Zeitung oder gar für zwei. Aber mit etwas Nachdruck passt alles hinein.

Unser Zustellgebiet in Hausen hat es wirklich in sich. So verwinkelt – „beim ersten Mal habe ich allein für diesen Bezirk drei Stunden gebraucht“, sagt Lenhardt. Inzwischen kriegt er es routiniert in der Hälfte der Zeit hin. Aber dahin muss man erst einmal kommen. Manche Zeitungszusteller machen den Job seit mehr als 20 Jahren. Die müssen in ihrem Gebiet keinen überflüssigen Schritt mehr gehen, da sind die Laufwege perfekt einstudiert. Aber es gibt große Unterschiede: „Eine Kollegin in Bockenheim muss mit 50 Schlüsseln rumlaufen“, sagt der Kollege, „das ist ein Riesenschlüsselbund – wie im Gefängnis.“ Innenliegende Briefkästen. Unter uns Zustellern nicht sehr beliebt. Dann schon eher der andere Bockenheimer Bezirk: nur vier Häuser, aber 80 Zeitungen, weil da Firmen sitzen.

Ziemlich nackig ohne FR

Donnerstags und samstags ist am meisten Zeitungspapier unterwegs. Da gibt es reichlich zu schleppen. Aber so anspruchsvoll der Job auch ist, man kann ihn durchaus bis ins Rentenalter ausüben. Und sogar darüber hinaus. Eine Kollegin im Gallus ist 81 Jahre alt. Und noch nie vom Hund aufgefressen worden. Das Briefträgerproblem mit den Hunden hinterm Gartentor, das haben wir Zeitungszusteller durchaus auch. Besonders in den ganz dunklen Ecken. Aber meist springt Lumpi nur am Zaun hoch und bellt seine Litanei herunter. Einen Kampf auf Leben und Tod mit einem Hund musste Thommy Lenhardt jedenfalls bisher noch nicht aufnehmen – toi toi toi. So soll’s auch bleiben.

Apropos bleiben: Dass die Frankfurter Rundschau weiter erscheint, das will Lenhardt doch schwer hoffen: „Wenn es die Rundschau nicht gäbe, das würde manche Tour ziemlich nackig machen.“ Soll heißen: Da wäre in einigen Gebieten der Stadt nicht mehr viel auszutragen, etwa im Westend, wo die FR nach den Erfahrungen des Fachmanns traditionell sehr stark ist, und natürlich im Nordend.

Aber auch an der nächsten Station. Ein angenehmer Heddernheimer Bezirk, zwei Straßen hochspazieren und wieder runter, die Severus- und die Nesselbuschstraße – fertig. Dann kann der Zusteller sich nach Hause verabschieden und seinen anderen Beruf ausüben: Die Tochter muss in den Kindergarten gebracht werden. Für den Redakteur fängt jetzt auch die eigentliche Arbeit an, das Schreiben. Und wenn der Text gedruckt ist, bringt ihn der Zusteller wieder zu den Lesern. Was für ein schöner Kreislauf.

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