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09. Dezember 2013

Gentrifizierung im Westend: Zwangsräumung bei Rentnerin

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Das Ende nach 32 Jahren: Erika Herlemann-Meyer muss dem Gerichtsvollzieher am Dienstag die Wohnungsschlüssel übergeben.  Foto: peter-juelich.com

Die Wohnung einer Rentnerin im Westend wird geräumt – erst im Januar hat sie eine neue Bleibe. Sie steht wie ein weiteres Paar auf der Straße. Der Eigentümer will dort Luxuswohnungen bauen. Allerdings hat er keine Abrissgenehmigung.

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Die Wohnung einer Rentnerin im Westend wird geräumt – erst im Januar hat sie eine neue Bleibe. Sie steht wie ein weiteres Paar auf der Straße. Der Eigentümer will dort Luxuswohnungen bauen. Allerdings hat er keine Abrissgenehmigung.

Am Dienstag, um 8 Uhr, klingelt der Gerichtsvollzieher in der Wöhlerstraße 22 im Westend. Wie es aussieht, bringt der Vollzugsbeamte auch Mitarbeiter des Sozialamts mit.

Die Rentnerin Erika Herlemann-Meyer (74) hat den jahrelangen Kampf um ihre Wohnung verloren. Ebenso das Ehepaar Sternal, gegen das sich der zweite Räumungstitel richtet. Beide waren am Montag außer sich vor Aufregung. Michael Sternal hat wegen einer Unterkunft sogar „bei der Jugendherberge angefragt“. „Furchtbar!“, rief er mittags aus, „wir stehen auf der Straße!“

Frau Herlemann-Meyer war vom Kölner Hauseigentümer dazu geraten worden, „zu einer Freundin zu ziehen“. Diese Möglichkeit geht der Rentnerin jedoch ab: „Ich habe niemanden“, sagte sie unter Tränen gestern Nachmittag in der noch fast vollständig eingerichteten Wohnung.

Landgericht lehnt Beschwerde ab

Denn bis zum Morgen hatte man noch davon ausgehen können, dass ihr neuer Mietvertrag für eine Wohnung bei der ABG Holding in Praunheim Grund genug für die Justiz sei, die Räumung abzublasen. Der Mietvertrag gilt ab 1. Januar 2014, der Umzugswagen für den 30. Dezember ist bestellt. Doch hat das Landgericht die Beschwerde der Mieterin gegen die Räumung abgewiesen. „Man räumt also einer alten Frau zehn Tage vor Weihnachten die Wohnung, obwohl sie einen neuen Mietvertrag hat!?“, klagt Rechtsanwältin Astrid Peuser.

Vermieter Armin Hofmann in Köln macht geltend, dass er sich seit acht Jahren bemühe, das nach seinen Angaben marode Wohnhaus an der Ecke zur Staufenstraße leer zu bekommen, Nach mehreren Gerichtsurteilen und mehrfachen Angeboten auf Ersatzwohnraum könne er nicht mehr glauben, „dass die Mieterin wirklich auszieht“. Und wenn er den Räumungstitel jetzt nicht durchsetze, „sind wir in einem Jahr wieder so weit wie jetzt“.

Es geht um „die angemessene wirtschaftliche Verwertung des Grundstücks“. Mit der Formel jedenfalls wurde die Räumungsklage gegen die Rentnerin begründet. Es geht um den Abriss eines schlichten Wohnhauses aus der Nachkriegszeit und den Neubau eines moderneren Wohnhauses mit doppelt so viel Wohnfläche.

Damit ist das Thema auch der Wunsch nach Verdichtung. Die sieht nicht nur die derzeitige Planungspolitik, sondern auch der Bebauungsplan Westend vor, stellt Michael Kummer fest, der Leiter der Bauaufsicht. Kummer nennt es „das Leitbild der dichten, kompakten Stadt“. Im Westend gehe es jedoch auch um die Erhaltungssatzung und um den Milieuschutz. Und deshalb habe die Bauaufsicht sogar versucht, den Neubau an der Wöhlerstraße zu verhindern.

Die Behörde habe darum Widerspruch gegen den Neubau eingelegt – „um nicht die Hoffnung auf einen Abbruch zu wecken“. So beschreibt Kummer die Winkelzüge im Widerstreit der Interessen. Die Genehmigung zum Neubau war strittig, die Rechnung schien aufzugehen. Ohne Neubau kein Abbruch, ohne Abbruch keine Vertreibung der Bewohner. Eigentümer würden öfter dafür sorgen, dass die Bewohner draußen sind, ehe sie Abbruch beantragen. Milieuschutz greife nicht ohne Milieu, also ohne angestammte Umgebung.

Keine Zeit zum Einpacken

Es gibt also für die Wöhlerstraße 22 keine Abbruch-Genehmigung. Das Wohnhaus wird leer stehen. Der Neubau jedoch, zweieinhalb Stockwerke höher und bis um die Ecke zur Staufenstraße, ist genehmigt. Denn das Rechtsamt hat den Widerspruch der Bauaufsicht zurückgewiesen.

Eigentümer Hofmann gibt an, nebenan an der Staufenstraße habe er seinen Mietern Ersatzwohnungen angeboten. Dort hätte Herlemann-Meyer „zur gleichen Miete“ einziehen können. Rechtsanwältin Astrid Peuser bestreitet das: „Die Miete war erheblich teurer.“ Und Mitbewohner Michael Sternal, von dem der Eigentümer behauptet, er habe mit ihm „um unglaubliche Summen gepokert“, kontert: „Glauben Sie kein Wort! Wir haben alles dokumentiert! Es ist die tollste Räuberpistole, wie gehabt im Westend!“

Die Sternals haben ihre Wohnung gestern nahezu leer gemacht. Ihre Nachbarin dagegen traf der Gerichtsbescheid aus heiterem Himmel. „Zum Einpacken war doch gar keine Zeit!“

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