Es hilft nicht, die Augen zu schließen. Es duftet süß nach Frühling, gewiss. Man hört das Rauschen der Bäume im Wind. Und vom Fluss her die Rufe, mit denen die Ruderer angetrieben werden. Aber die Magie des Ortes, den einst Goethe und Marianne von Willemer belebt haben, mag sich partout nicht einstellen. Fast 197 Jahre sind vergangen, seit sich das berühmte Paar der Literaturgeschichte an der Gerbermühle im Osten Frankfurts begegnete. „Es ist nicht mehr viel übrig“, brummt Oliver Reese enttäuscht. Wo doch der Intendant des Frankfurter Schauspiels sich als „Goethe-Bewunderer“ bekennt. Ihn als Dramatiker höher einschätzt als Schiller.
Doch da stehen nur hölzerne Tische und Stühle auf grobem Kies im Mittags-Sonnenlicht, verwaist. Und dahinter erhebt sich ein merkwürdiger moderner Zweckbau, der nur noch entfernt an das historische Hofgut gemahnt. Nichts mehr, wohin Goethe seinen Fuß gesetzt haben könnte. Reese zieht den Schal ein wenig enger um den Hals, ein kühler Hauch kommt auf. In Berlin, am Deutschen Theater, hat er beide Teile des „Faust“ herausgebracht. Und nun zieht er sich mit Goethe bald „in meine österliche Klausur“ zurück. Mit einem Buch, das er sehr liebt und das „uns auch heute noch etwas zu sagen hat.“ Die „Wahlverwandtschaften“ will er bald außerhalb Frankfurts inszenieren, den großen Roman um Leidenschaft und Entsagung.
Seit 2009 verausgabt sich der heute 46-Jährige an der Spitze des Frankfurter Schauspiels, hat sich „auf die Stadt total eingelassen“, eilt hier von Termin zu Termin. Er wirkt schmaler denn je und ein wenig müde. „Es ist knallhart, aber es geht nicht anders“, sagt er knapp. Noch immer pendelt er am Wochenende nach Berlin, wo seine Frau lebt, die 16- und 20-jährigen Töchter kommen öfter nach Frankfurt, finden es aber „ein bisschen langweilig“ hier. Der Vater wiederum langweilt sich in seinem Quartier im Frankfurter Westend, am Bettinaplatz: „Da würde ich nicht mehr hinziehen, lieber ins Nordend, das ist lebendig.“
Er hat sich an die Frankfurter Maßstäbe gewöhnt. „Die Wege, die man hier lang nennt, über die würde man in Berlin nur lächeln.“ Ohne die ziemlich marode Berliner S-Bahn, die nur noch selten fährt, kommt er gut aus: „Ich bin froh, dass ich die los bin.“ In der Ferne glitzert der Main im Sonnenlicht.
"Extreme Formate"
Pause auf einer Bank. Zeit für eine Zwischen-Bilanz. Als Reese aus der Hauptstadt nach Frankfurt wechselte, brachte er „einen Fünf-Jahres-Plan“ im Kopf mit. „Jede Spielzeit soll anders sein als die davor.“ Die Saison 2011/12, die nächste Woche präsentiert wird, bekommt zum ersten Mal ein Motto. Ein Lächeln. Schweigen. Alles noch streng geheim.
Aber die Selbstkritik, die kommt jetzt schon. Wurde das Ensemble in der ersten Spielzeit noch gefeiert, für intensive Inszenierungen wie das Doppel „Ödipus/Antigone“, setzte es heuer des Öfteren harsche Kritik. Der Intendant sucht nach einer Erklärung. Und findet sie: „Wir haben zu viele Zimmer-Stücke gemacht – zu literarisch, zu spröde.“ Mit zu wenig Schauwerten.
Nach der Sommerpause soll sich das alles ändern. Reese verspricht „extreme Formate“, will die größte Bühne im deutschsprachigen Theater voll ausnutzen, schwärmt von „24 Meter Portal-Breite“. Mit einem Naserümpfen reagiert er auf den Kritiker-Vorwurf, in den Inszenierungen von Schauspiel Frankfurt fänden sich zu viele Nackte auf der Bühne, ohne dramaturgischen Sinn: „Das ist ja nicht mehr so!“ Und Erfolge nimmt er auch in dieser Saison für das Ensemble in Anspruch: „Die Maria Stuart – das ist der Anker.“
Mühen um Studenten
Die Sonne bricht jetzt voll durch die Wolken. Auf der anderen Seite des Flusses, auf der Mole des Osthafens, biegen sich die Pappeln. Zurück zur Gerbermühle. Plötzlich kommt Kühle auf, lockt der Wintergarten. Beim Kaffee konstatiert der Intendant mit Genugtuung: „Das sogenannte bürgerliche Publikum ist wieder da – das wollte ich.“ Bei seiner Vorgängerin Elisabeth Schweeger, das sagt er nicht, war es in Scharen aus dem Schauspielhaus geflohen. „Den Rechtsanwalt mit gut gehender Praxis“ macht der langjährige Dramaturg heute im Zuschauerraum aus, er müht sich aber auch um Studenten, die „nicht mehr selbstverständlich“ kommen.
Der Mann, der im kleinen Schloss Neuhaus, einem Stadtteil von Paderborn, geboren wurde (“ein blöder Ort, wo ich sehr unglücklich war“), hat „mit 13,14“ gewusst, dass er zum Theater wollte. Sein Vater fuhr damals mit einem voll beladenen Kleinlaster von Tankstelle zu Tankstelle und verkaufte dort Autozubehör. Oliver half ihm dabei. Doch seine Liebe gehörte den Büchern und er suchte den Kontakt zu Autoren, floh sofort nach dem Abitur nach München und begann, Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Theaterwissenschaft zu studieren. Ohne Abschluss. Denn es drängte ihn zur Bühne. Die erste feste Stelle: Regieassistenz an den Münchener Kammerspielen. „Ich hab mich beworben nur um die allererste Hospitanz – danach bin ich immer gefragt worden“, sagt er stolz. Mit 25 schon war er Dramaturg am Bayerischen Staatsschauspiel.
Der Weg ging immer nach oben. Reese hält inne. „Ich kann nur Theater“, sagt er plötzlich, unvermittelt. Gut, als jetzt die Plagiats-Affäre um Bundesverteidigungsminister Guttenberg hochkam, hat er sich „furchtbar aufgeregt“. Und als die Nachricht vom Tsunami und der Atomkatastrophe in Japan eintraf, brach die Leitung des Schauspiels ihre Sitzung ab und hockte nur noch vorm Fernseher. Aber Reese gesteht: „Ich bin kein Demonstrationstyp.“
Nicht seine Welt
Es fällt ihm schwer, „ein Transparent hochzuhalten“. Es ist ihm irgendwie peinlich, es ist nicht seine Welt. Die liegt im Theater. „Das Theater muss ein Wärmezentrum für die ganze Stadt sein.“ Er hält nichts davon, jetzt aktuell auf Typen wie Guttenberg auf der Bühne zu reagieren: „Das Theater ist kein journalistisches Medium.“
In der Gerbermühle geht es super schick zu, das passt nicht zu Goethe und Marianne. Kellnerinnen und Kellner in schwarz-weißer Livree. Irgendwo hier um die Ecke muss noch ein Stück von der Treppe übrig sein, über die das Paar einst ging. Aber hier wird Reese seine geliebten „Wahlverwandtschaften“ nicht lesen. Er hat sich zur Goethe-Klausur über Ostern im einsamen Klappholtal in einer Kemenate auf der Insel Sylt eingemietet. Vorher führt er noch Einzelgespräche mit allen Mitgliedern seines Ensembles über die kommende Saison. Er lacht. „Ich zeig meine Qualitäten als Theater-Papa.“ Prinzipal: Den Titel akzeptiert er. Aber nur „in moderner Form“.

Die Stadt und Region auf einen Blick: unsere neue Übersichtsseite für Frankfurt und Rhein-Main - das Pflicht-Lesezeichen für alle Hessen.
Berichte aus Bad Homburg, Hochtaunus | Bad Vilbel, Wetterau | Darmstadt | Frankfurt | Kreis Groß Gerau | Hanau, Main-Kinzig | Main-Taunus | Mainz | Offenbach | Kreis Offenbach | Wiesbaden.
Frankfurt Flughafen - Rhein-Main leidet und profitiert von dem Verkehrsknoten gleichermaßen: kurze Wege, aber viel Lärm für die Anwohner. Der Ausbau ist seit Jahrzehnten umstritten. Das Spezial.
Sehen Sie auch die Ergebnisse nach Stadtteilen als Grafik-Fotostrecke. Außerdem zeigen wir die Top- und Flop-Ergebnisse von Peter Feldmann und Boris Rhein nach Stadtteilen und noch detaillierter nach Wahlbezirken. Alles Weitere im Wahl-Spezial.
Facebook | Twitter überregional | Google+