Das Wasser perlt über den polierten, hellen Stein. Es glitzert im Sonnenlicht des Nachmittags. Fast scheint es, als entspränge ein Bach. Anya Schutzbach atmet tief ein und blickt über den großen Platz. „Weite und Großzügigkeit sind mir total wichtig“, sagt sie unvermittelt. „Hier gibt es Luft.“ Hier, im hinteren Teil des neuen Campus Westend der Johann Wolfgang Goethe-Universität. Es ist ihr Lieblingsort in Frankfurt. Aber eigentlich fehlt der 48-Jährigen jegliche Zeit, gerade jetzt hier zu flanieren. Denn die Frankfurter Buchmesse steht bevor: Für die Mitinhaberin des weissbooks Verlages die wichtigste Woche des Jahres.
Sie ist dennoch rasch hergeradelt, hat sich vom Fahrrad geschwungen und ihr Lieblings-Café angesteuert, das „Sturm und Drang“ am Rande des Platzes, mit Blick auf die alten Bäume. Wenn sie es im Verlag gar nicht mehr aushält, dann kommt sie hierher. Hier ist es ruhig, fast abgeschieden. „Ich geh nicht auf den Opernplatz, ich mag keinen Rummel.“
Anya Schutzbach wurde am Bodensee in einem Dorf bei Überlingen geboren. Nach einem längeren Aufenthalt in Japan studierte sie in Bonn und Frankfurt Japanistik und arbeitete als Übersetzerin, Dolmetscherin und Fremdenführerin.
Zum Suhrkamp Verlag in Frankfurt stieß sie 1996 und stieg dort bis zur Marketing-Chefin auf. Im Sommer 2007 entwickelte sie mit dem ehemaligen Suhrkamp-Programmgeschäftsführer Rainer Weiss die Idee, einen eigenen Verlag zu gründen: weissbooks.
Die ersten Bücher erschienen Anfang 2008.Heute gehören zu den Autorinnen und Autoren des Verlags etwa Daniel Zahno, Artur Becker, Vanessa F. Vogel, E. M. Cioran und Barbara Bongartz. Anya Schutzbach lebt in Frankfurt und am Bodensee.
Verlegerin: Die schlanke Frau im eleganten Sommermantel scheint dem Klang dieses Wortes nachzuspüren. Anfang 2008 hat sie es gewagt und gemeinsam mit Rainer Weiss, dem früheren Programm-Geschäftsführer der Suhrkamp Gruppe, ihr eigenes Verlagshaus gegründet. Sitz am Hauptbahnhof. Viele aus der Branche gaben damals keinen Pfifferling auf diese Newcomer. „Aber wir haben uns behauptet, trotz Wirtschaftskrise, trotz Krise des Buchmarkts – wir machen nicht schlapp“, sagt sie trotzig. Es setzte Auszeichnungen: „Newcomer des Jahres“ auf der Leipziger Buchmesse 2009, Gründerpreis der Stadt Frankfurt. Preise sind das eine, die wirtschaftliche Bilanz das andere. Eine reiche Mäzenin aus der Schweiz half bei der Gründung. „In fünf Jahren müssen wir es geschafft haben“, und Schutzbach ist zuversichtlich.
Die Wespen interessieren sich auch jetzt noch für den Kaffee auf dem Tisch. Mehr als 25 Jahre lebt die Unternehmerin jetzt in Frankfurt, aber ihre Wurzeln finden sich im Süden, in einem kleinen Dorf mit 500 Einwohnern nahe Überlingen am Bodensee. Hier wuchs sie auf mit ihrer Schwester, auf einem Bauernhof, den man heute wohl alternativ nennen würde. „Meine Mutter ist eine Alt-68erin“. Anya kümmerte sich früh um Hunde, Katzen, Ziegen, Schafe. Erlebte auch, dass Landleben grausam sein kann, wenn „die Katzen, die zu viel waren, gleich nach der Geburt getötet wurden“.
Aber dort am Bodensee wurzelt ihre Liebe zur Harmonie. Die prägend ist bis heute. Früh, mit 17 Jahren, verließ die Tochter den Hof: „Ganz klar, ich wollte in die Welt.“ Mit einem Rucksack, nicht mehr, flog sie nach Singapur, dann weiter nach Japan. Es wurde die eine, wichtige Begegnung ihres Lebens. Denn sie blieb, mehr als ein Jahr lang. „Ich war naiv, ich hatte keinen Plan.“ Nach Japan verirrten sich seinerzeit nur wenige Europäer, „ein paar Freaks“. Sie lacht. Die junge Frau von damals verliebte sich „in die Bildhaftigkeit der japanischen Sprache“, in die Harmonie der Farben und Formen, „die wunderbaren Schriftzeichen“.
Sie machte Werbung für Babywindeln
Über den Platz geht jetzt ein leichter Wind. Es ist immer noch warm. Erinnerungen an Japan. Sie lebte damals zwei Wochen in einem Zen-Kloster, meditierte. Aber den Versuch vieler Europäer, sich in Japaner zu verwandeln, hält sie bis heute für lächerlich: „Ich bin und bleibe eine Europäerin, ich möchte nicht meine Identität ändern.“
Und deshalb kam sie auch zurück nach Deutschland, studierte Japanologie in Bonn und Frankfurt, fand sich als Fremdenführerin wieder, die japanische Touristen durch Goethehaus und Dom lotste. Gründete eine kleine Agentur, produzierte Werbung „für Babywindeln und Hundefutter“. Doch das konnte es nicht gewesen sein. Schon das Mädchen Anya hatte viel gelesen, hatte „sehr romantische Geschichten geschrieben“, zum Beispiel „von einer Schildkröte und einem Reh, die sich verlieben im Wald“. Wieder ein Lachen. Diese Geschichten, von den Eltern liebevoll zu kleinen Büchern gebunden, gibt es noch.
In diese Lebensphase fiel die zweite schicksalhafte Begegnung, mit der Verleger-Legende Siegfried Unseld, dem Herrscher über das Haus Suhrkamp und Insel. Als Leserin bewunderte Schutzbach die Japanische Bibliothek, die im Insel-Verlag erschien, als Frau vom Fach wunderte sie sich: „Die machen ja gar keine Werbung.“
Wieder einmal zu Hause in Überlingen, hörte sie, dass Unseld in der Stadt war – ein Kuraufenthalt. Sie nahm all ihren Mut zusammen, sprach ihn an und empfahl sich als Betreuerin der Japanischen Bibliothek. Es war der Beginn eines Jahrzehnts, in dem die Japanologin aufstieg bis zur Marketing-Chefin der Suhrkamp-Gruppe. „Ich bin sehr froh, mit ihm gearbeitet zu haben“, sagt sie heute über Unseld, „er war ein genialer Unternehmer“.
Der Verlag startete mit fünf Büchern
Es hält sie nicht mehr auf dem Kaffeehaus-Stuhl, es geht quer über den Campus Westend, zu der acht Meter hohen, strahlend weißen Skulptur, die sie so liebt. „Body of Knowledge“ hat der spanische Künstler Jaume Plensa sein Abbild des menschlichen Körpers genannt, geformt aus den Buchstaben von acht Alphabeten. Ein begehbares Kraftfeld der Sprache. Schräg gegenüber das „House of Finance“ im Abendlicht, die Schatten werden länger. Die Verlegerin wirft einen liebevollen Blick auf die Gebäude. „Es ist eine total kraftvolle und klare Architektur, kein Gedüddel“, sagt sie.
Als am 25. Februar 2008 die ersten fünf Bücher von weissbooks erschienen, überraschten sie die Öffentlichkeit mit ihrem absolut puristischen Erscheinungsbild. Eine Harmonie von nur zwei Farben, Schwarz und Weiß, bei Logo und Umschlägen. Kritiker lobten die „karge und kraftvolle Typologie“, die der Schweizer Designer Fritz Gottschalk im Auftrag der Verleger entworfen hatte. Wer Schutzbach kannte, war nicht überrascht. Da spiegelte sich ihre Handschrift. Sie bedauerte den Schritt in die Selbstständigkeit bis heute nicht. „Das Unternehmerische hatte mir gefehlt, ich wollte immer einen Verlag machen.“
Inzwischen konnte weissbooks Zeichen setzen. Etwa mit den Romanen des deutsch-polnischen Schriftstellers Artur Becker – er gewann den Chamisso-Preis 2009. Oder mit dem Buch „Die Zwillinge“, der Geschichte der Schwestern Gisela Getty und Jutta Winkelmann, von den manchen Kritikern allerdings spöttisch als „Sirenen der 68er Generation“ tituliert. Schutzbach wehrt sich gegen den Vorwurf, sie habe da auch Bedürfnisse des Boulevards bedient: „Das war kein Kompromiss, die Zwillinge waren Ikonen.“
Ihr Ziel ist es, weissbooks als „Verlag für zuverlässige Überraschungen“ auf dem Markt zu etablieren. Dafür ist sie unablässig unterwegs, immer mit einer Tasche von Büchern, trifft sich mit Buchhändlern. Gerade kommt sie vom Mittagessen mit dem Vorstand von Hugendubel.
Von ihrer ersten Heimat, dem Bodensee, ließ Anya Schutzbach nie. Jedes Wochenende pendelt sie nach Süden, trifft sich dort mit ihrem Lebensgefährten aus Zürich. Ein Abschiedsblick über den Campus Westend. Dann schwingt sich die Verlegerin aufs Fahrrad.

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