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25. November 2014

Göpferts Runde: Wolfgang Grätz: Lust-Leser mit Traumjob

 Von 
Wolfgang Grätz im Laden der Büchergilde an der Konstabler Wache.  Foto: Andreas Arnold

Vom Lehramtsstudenten und Mitglied im Kommunistischen Bund schaffte es Wolfgang Grätz an die Spitze der Büchergilde. Mit dem Verlag hat er in 30 Jahren viele Krisen bewältigt. Zuletzt bewältigte er die Umwandlung des Unternehmens in eine Genossenschaft.

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Es wird langsam kalt. An den Stufen zum Plateau der Konstablerwache kauern frierend vier Obdachlose. Einer klimpert auf einer Gitarre. Eine Lache hat sich um die Männer gebildet. Hinter den Überbleibseln der historischen Staufenmauer öffnet sich eine trostlose, zugige Gasse. Laufpublikum gibt es hier keines. Und doch steht der Fußgänger plötzlich vor dem hell erleuchteten Schaufenster einer Buchhandlung, ein buntes Rechteck, das sich aus dem Novembergrau schält. Ein schmaler Raum öffnet sich nach weit hinten, gefüllt mit Regalen, Schränken, Borden voller Bücher, gerahmten Grafiken, kleinen Skulpturen.

Hier ist Wolfgang Grätz zu Hause, der wie aus dem Nichts auftaucht, schlanke Gestalt in weißem Hemd und Jeans. Wir hocken uns um einen kleinen Tisch mit Marmorplatte und trinken Kaffee. Und der Ladeninhaber erwähnt eher nebenbei den doppelten Einschnitt: Er ist 60 geworden und bald wird er 30 Jahre bei der Büchergilde sein, ein halbes Leben also. Ach ja, und die traditionsreiche Buchgemeinschaft feiert ihren 90. Geburtstag. „Inhaltlich gute Bücher in technisch vollendeter Ausführung und nicht alltäglicher Ausstattung“ wollte sie den Menschen bei ihrer Gründung 1924 in Leipzig zugänglich machen – und dabei ist es bis heute geblieben.

Der gebürtige Wiesbadener Grätz hat im Unternehmen ohne Zweifel seine Erfüllung gefunden. Seit seiner Jugend lebt er in engster Symbiose mit dem Buch. „Ich bin ein Lust-Leser“, sagt er einmal. Das begann schon als Kind. Als er eigentlich um sieben Uhr abends im Bett liegen musste – und nur noch eine Viertelstunde lesen durfte. In Wahrheit knipste er unter der Bettdecke noch zwei Stunden die Taschenlampe an und verschlang die Werke von Karl May. Stöberte im Bücherschrank seiner Mutter, die Mitglied im Bertelsmann Lesering war, wie viele Frauen ihrer Generation.

Stieß dabei auf „Lieb Vaterland, magst ruhig sein“, das große Berlin-Panorama von Johannes Mario Simmel. Las mit klopfendem Herzen die Abenteuer der „Roten Zora“, einer Bande elternloser Kinder, aparterweise geführt von einem Mädchen. Und als Jugendlicher kamen die epischen Erzähler hinzu: der Vielschreiber Alexandre Dumas, der elegante Abenteurer Robert Louis Stevenson.

Im Kommunistischen Bund fühlte er sich beengt

Der Schüler Grätz geriet am konservativen Oranien-Gymnasium in Wiesbaden („ohne Mädchen!“) in die Schüler-Revolte hinein und zwar „volle Lotte“, wie er sagt. An die Schule hatten ihn seine Eltern geschickt, Vertriebene aus Schlesien, die wollten, dass ihr Sohn nicht abgelenkt werde bei seinem Weg ins Leben. Sie hatten beim Ende des Zweiten Weltkrieges nicht nur ihren Hof verloren, sondern alles, was ihnen wichtig war.

Zur Person

Wolfgang Grätz wurde 1954 in Wiesbaden als Sohn eines Beamten geboren.

Er studierte zunächst für das Lehramt, erkannte aber, dass er als Lehrer nicht geeignet war.

Kabarett und Theater spielte er, gab eine Literaturzeitschrift heraus. 1985 ging er zur Büchergilde in Wiesbaden, kam 1987 nach Frankfurt und wurde auch für den Laden dort verantwortlich.

1998 gehörte er zu den fünf Mitarbeitern, die die Frankfurter Büchergilde-Filiale übernahmen.

Heute ist Grätz stellvertretender Geschäftsführer der am 1. Juli gegründeten Genossenschaft Büchergilde. Sie hat 780 Mitglieder, die Anteile von mindestens 500 Euro gezeichnet haben.

Der Büchergilde-Verlag hat 28 Mitarbeiter, im Frankfurter Laden arbeiten sieben Personen. jg

„Sie erfuhren: Alles, was man überhaupt mitnehmen kann, ist das, was man im Kopf hat“, sagt der Sohn in der Erinnerung. Wolfgang und seine beiden Brüder durften aufs Gymnasium, das bedeutete damals eine große Kraftanstrengung der Eltern.

Vater und Mutter wollten, dass der Sohn sich auf seine „Identitätsfindung“ konzentrierte: „Und das hat geklappt“. Mit 23 Jahren schon legte er das erste Staatsexamen als Lehrer ab. Und wusste bald, dass er „niemals im Leben“ Lehrer werden würde.

Grätz schüttelt den Kopf. „Ich bin es einfach nicht!“ Bei seinen Lehrproben kämpfte er vergeblich um die Aufmerksamkeit der Klasse: „Ich fand kein Mittel, meine Inhalte an die Jugendlichen zu bringen.“

Den Studenten beschäftigten ganz andere Ziele. Er gehörte für kurze Zeit dem maoistischen Kommunistischen Bund Westdeutschland (KBW) an. Der trug Züge einer strengen Sekte: Gegenseitige Beobachtung, keine Kontakte mit dem Klassenfeind, die Tage mit der Lektüre der Werke Mao Tse Tungs und dem nächtlichen Kleben von politischen Plakaten gefüllt. „Es wurde immer enger im Kopf“, sagt der 60-jährige heute. „Mit 22 war ich wieder draußen.“ Grätz hatte Glück. Andere schafften den Absprung nicht so schnell, wurden für ihr Leben geschädigt.

Der Buchhändler schaut nachdenklich auf die Stapel des Weihnachtsangebotes. „Das Gute am KBW war, dass er nicht mit der Rote Armee Fraktion sympathisierte – für uns waren das durchgeknallte Kleinbürger.“ Etliche junge Leute nicht nur in Wiesbaden stellten sich in der zweiten Hälfte der 70er Jahre die Frage, ob es nicht an der Zeit sei, sich dem bewaffneten Widerstand anzuschließen. Im „Bumerang“ in der Wellritzstraße oder im „Jazzkeller“ an der Nerostraße gehörte zum Bekanntenkreis von Grätz auch Wolfgang Grams, der sich später der RAF anschloss. Und bei seiner Festnahme 1993 in Bad Kleinen Selbstmord beging.
Grätz hatte da längst einen anderen Weg eingeschlagen. Er spielte Kabarett und Theater im alternativen Kulturzentrum „Hinterhaus“ in Wiesbaden, gab eine eigene kleine Literaturzeitschrift heraus, absolvierte seinen Zivildienst.

Gerade häutet sich das Unternehmen wieder

Es waren zwei einschneidende Geschehnisse, die seinem Leben dann eine andere Richtung gaben. Binnen weniger Wochen starben sein Vater und ein enger väterlicher Freund. Der Überlebende sagte zu sich: „Jetzt musst du erwachsen werden.“ Der 31-Jährige trat eine Halbtagsstelle bei der Büchergilde in Wiesbaden an, im Laden am Bismarckring, den es heute noch gibt.

Bis heute hat sich die Büchergilde mehrfach gehäutet und ums Überleben gekämpft. Grätz ist sich treu geblieben. Ein unabhängiger Linker. Und zugleich ein passionierter Bücher-Liebhaber. Der gerne in den Bänden blättert, an ihnen schnüffelt, über die schönen Einbände streicht. Die Büchergilde pflegt die gute Gestaltung mit allen 30 bis 35 Bänden, die sie pro Quartal herausbringt.

Mittlerweile haben die ersten Kunden den Weg durch die graue Stadt in den Laden gefunden. Stöbern und schauen. Grätz sagt gerade stolz: „Ich habe meinen Traumjob schon vor dreißig Jahren gefunden.“ 1987 kam der Wiesbadener nach Frankfurt, führte fortan die Läden in beiden Städten. Die Frankfurter arbeiteten zunächst im BfG-Hochhaus am Willy-Brandt-Platz, mussten dann an den Großen Hirschgraben umziehen, wurden von dort vom Hausbesitzer wieder vertrieben. Während die Mieten stiegen, wurde die Lage der Büchergilde, die zur Beteiligungsgesellschaft der Gewerkschaften (BGAG) gehörte, immer schwieriger.

1998 rettete nur noch eine Übernahme durch die Mitarbeiter die Läden. Und gerade jetzt häutet sich das Traditionsunternehmen wieder: Grätz ist stellvertretender Vorsitzender einer Büchergilde-Genossenschaft in Gründung: Seit 1. Juli haben 780 Personen Anteile von mindestens 500 Euro gezeichnet, die meisten gehören zu den 60 000 Mitgliedern der Büchergilde. Immer wieder halfen die Mitglieder: Als 2013 die Commerzbank einen Groß-Kredit kündigte, stieg Grätz auf „Schwarm-Finanzierung“ um: Binnen kurzer Zeit wurden 200 000 Euro von den Mitgliedern gesammelt. Aber natürlich bleibt die Lage im Buchhandel insgesamt schwierig. „Die Branche ist im Umbruch.“ Grätz hält wenig von den E-Books und den elektronischen Lesegeräten, er braucht das Buch zum Anfassen. „Für mich ist auch die Papierzeitung Kult.“

Die Buchmesse - ein "unbeweglicher Tanker"

Der Marktanteil der E-Books in Deutschland lag in diesem Jahr noch immer unter fünf Prozent, so die Zahlen, die bei der jüngsten Frankfurter Buchmesse bekanntgegeben wurden. Grätz glaubt, dass der Anteil in Deutschland sich bei zehn Prozent einpendeln wird. Er nennt die Buchmesse einen „großen, unbeweglichen Tanker“, der den E-Books „90 Prozent seiner Kommunikation“ widme, um modern zu wirken. Ein Täuschungsmanöver. Auch die Konkurrenz des Internethändlers Amazon sieht der Mann von der Büchergilde letztendlich gelassen. „Amazon ist erst einmal bedrohlich.“ Wenn aber erst einmal mehr Leute mitbekämen, wie mies die Firma ihre Mitarbeiter behandele, „kann das auch alles schnell auseinanderfallen“.

Natürlich ist der Buch-Manager keiner, der sich dem Wandel verschließt. Von den Graphik-Editionen der Büchergilde werden mehr als 50 Prozent mittlerweile über das Internet verkauft, bei den Büchern spielt das Netz noch keine Rolle.

Jetzt ist der Laden hinter der Konstablerwache voll. Das Weihnachtsgeschäft hat begonnen, für den Buchhandel die wichtigste Zeit des Jahres. „40 Prozent des Umsatzes machen wir in den nächsten Wochen.“ Selbst die Lage hinter der Konsti stört ihn nicht: „Als wir 2007 umziehen mussten, war jede Ritze in Frankfurt vermietet – der Laden liegt jetzt zentral.“

Wolfgang Grätz blättert begeistert in der ersten eigenen Graphic Novel, die sein Haus herausgibt. „Making Friends in Bangalore“, ein indisches Skizzenbuch des jungen Comic-Zeichners Sebastian Lörscher. Für den Geschäftsführer steht der Band für die Zukunft: „Mit der Büchergilde geht es weiter.“

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