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08. November 2012

Graumann in der Paulskirche: Ein Schmerz, der einfach nicht vergehen will

Mit der "Arisierung" begann bereits lange vor der Reichspogromnacht am 9. November 1938 die Entrechtung der Juden in Deutschland.  Foto: dpa

Fast 75 Jahre sind vergangen seit der "Reichspogromnacht" 1938. Die Wunden brennen noch immer, doch Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden, glaubt an den Aufbau der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland - Grass und Beschneidungsdebatte zum Trotz.

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Am Nachmittag des 8. November hält Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland eine Rede in der Paulskirche. Anlass ist das Gedenken an die von den Nationalsozialisten im November 1938 organisierten Ausschreitungen gegen Juden in Deutschland, gegen ihre Heime, Geschäfte und Synagogen. Die Nacht des 9. November geht als "Reichskristallnacht" in die Mythologie der Nazis ein. Nach dem Zweiten Weltkrieg wird sie "Reichspogromnacht" oder nur "Pogromnacht" genannt.

Das neue demokratische Deutschland ist um die Aussöhnung mit dem jüdischen Volk bemüht. Solidarität mit Israel und das Ablehnen allen Antisemitismus gehören zu den Grundpfeilern der Bundesrepublik. Erst jüngst bekräftigte Bundeskanzlerin Angela Merkel, dass Solidarität praktisch die raison d'etre des heutigen Deutschlands sei. Das war vor dem Skandal der jahrelangen Ignoranz oder Vertuschung der Terrortaten des NSU (Nationalsozialistischer Untergrund) aus Thüringen. Und es war eine Gegenstimme zu Günter Grass' Prosagedichtskritik an Israel.

Graumann nimmt Bezug auf die ferne wie die jüngste Geschichte. Er moniert ein Klima in Deutschland, das einen unterschwelligen Antisemitismus ermögliche, Debatten um Beschneidung, Anfeindungen oder Überfälle auf Rabbiner oder schlicht das Wort "Jude" als Schimpfwort auf Schulhöfen und Sportplätzen.

Der Zentralratspräsident ruft aber auch die Juden in Deutschland zu einem "Jetzt erst recht" auf, wünscht sich einen „Spirit von unbeirrter, von unbeirrbarer und unverzagter Zuversicht“. Für Resignation oder gar Selbstaufgabe sei kein Platz.

Die Frankfurter Rundschau dokumentiert an dieser Stelle Dieter Graumanns Rede in ihrer Manuskriptform:

Jetzt erst recht:

Wir träumen nicht - Wir trauen uns.

Dieter Graumann spricht in der Paulskirche, 8. November 2012.
Dieter Graumann spricht in der Paulskirche, 8. November 2012.
 Foto: Michael Schick

Der 9. November 1938 wird sich im kommenden Jahr, im Jahr 2013, zum 75. Mal jähren. Das Datum wird dann gewiss überall groß gewürdigt werden. Runde Zahlen erzwingen doch Feiern, und seien es Gedenk-Feiern.

Und der 9. November 1938 war tatsächlich dramatisch. Gewiss: Die Reichspogromnacht war weder Anfang noch Höhepunkt der Judenverfolgung in der Nazizeit. Sie war aber eine Explosion von Enthemmung. Pogrom pur. Überall in Deutschland.

Wo man nur hingeht und hinschaut, findet man erschütternde, tief schockierende Beispiele von dem, was damals deutsche Menschen ihren deutsch-jüdischen Mitmenschen  antaten. Bloße Zahlen sprechen hier aber gar nicht die richtige Sprache. Denn die offiziellen Zahlen, lange und oft genannt, über die damals Getöteten und die zerstörten Synagogen, sind inzwischen längst als haltlos festgestellt worden. Die wahren Zahlen liegen wesentlich höher – ohne dass man sie heute noch genau beziffern könnte. Gefühle sagen daher hier so viel mehr aus als bloße Zahlen.

Die Splitter von Glas und der Ausbruch von finsterer Feindseligkeit haben damals die Gefühle der Juden in diesem Land zerschmettert und Löcher und Explosionen in ihrer Seele ausgelöst. Schließlich wusste spätestens von da an  jeder Jude, so sehr deutsch er sich wähnte und auch fühlen wollte: Hier hatte der schiere Judenhass die Macht übernommen, und zwar kein anonymer abstrakter Hass, sondern hier bahnte sich der Hass von vielen Deutschen seinen bösartigen Weg, so viele einzelne Menschen in Deutschland haben damals so viel an individueller Schuld auf sich geladen.

Keine Kollektivschuld - aber massenweise individuelle Schuld

Sicher ist, eine Kollektivschuld gab und gibt es niemals. Wohl aber gab es massenweise individuelle Schuld unter den Deutschen jener Zeit. Nichts, gar nichts gibt es jemals daran zu beschönigen und zu verharmlosen.

Der 9. November 1938 war eine Detonation von Sadismus, von Vandalismus, von Mordlust und von Menschenfeindlichkeit. Und doch wissen wir heute: Was damals geschah, war doch nur ein Bruchteil des Terrors, der Schrecken, der Verbrechen, die später dann erst noch folgen sollten.

Die Bilder der brennenden Synagogen von damals tragen wir bis heute immerzu in unseren Herzen. Wir waren zwar nicht dabei, als die Synagogen brannten, wohl aber brennen diese Bilder immer in uns. Und sie tun uns weh. Es ist ein Schmerz, der einfach nicht vergehen will. Wir werden immer erinnern wollen, weil wir nicht vergessen sollen. Und wir werden nicht vergessen dürfen, gerade um es heute gemeinsam besser machen zu können. Das bleibt Aufgabe und Auftrag von uns allen zusammen.

Freilich gibt es auch immer wieder, ganz buchstäblich, Schläge und Rückschläge. Ende August wurde in Berlin ein Rabbiner brutal krankenhausreif geschlagen und aufs Übelste antisemitisch verflucht und beschimpft. Und auch noch weitere Übergriffe gab es.

Vor 74 Jahren wurden Juden hier, nur weil sie Juden waren, offen misshandelt und gepeinigt. Und nun wurde hier wieder ein Jude, nur weil er als Jude klar erkennbar war, auf offener Straße geschlagen. Die Judenfeindschaft  mag verschiedene Quellen haben. Aber immer und ausnahmslos bleibt sie Menschenfeindlichkeit pur und absolut unentschuldbar.

Noch immer wird "Jude" als Schimpfwort benutzt

Und auf jeden Fall gilt: Dass heutzutage das Wort „Jude“ auf deutschen Schulhöfen und auf deutschen Sportplätzen als Schimpfwort benutzt wird – das ist ein himmelschreiender Skandal, eine brennende Wunde, die alle Menschen im Land eigentlich in Aufruhr versetzen muss.

Ist es denn wieder soweit, dass man sein Judentum in Deutschland besser verstecken soll, wie einige inzwischen meinen? Sind wir denn wirklich wieder soweit, dass das bloße „Jude-Sein“ alleine sogar schon als „Provokation“ empfunden wird und daher besser verborgen bleibt?  Alleine dass überhaupt so gedacht werden kann, müsste eigentlich doch alle Menschen im Land  sofort elektrisieren und alarmieren - und tut es freilich kaum.

Allen, die aber nun gleich generell und prinzipiell jüdisches Leben hier in Zweifel ziehen, etwa im Ausland, sage ich: Jüdisches Leben hier ist sicher. Und bleibt sicher. Und muss natürlich auch gesichert werden. Das ist eine Aufgabe für die Behörden hier und für die gesamte Gesellschaft.

Jeder soll aber wissen:  Ein Judentum in Hinterzimmern wird es hier nicht geben. Niemals! Wir lassen uns nicht unterkriegen.  Wer meint, wir ließen uns ins Ghetto der Verunsicherung verbannen, der irrt, wie man nur irgend irren kann. Wir Juden lassen uns nicht einschüchtern.  Wer darauf wartet, der muss ewig warten. Resignation? Nein Danke! Nicht mit uns.

Aber es gibt immer wieder auch andere Rückschläge, an die man vorher niemals gedacht hätte.

"Günter Grass redete Blech und trommelte falsch"

Unvermutete Einschläge sind oft ganz besonders schmerzhafte Schläge. Das gilt gewiss für das urplötzlich aus dem Nichts aufgekommene Thema „Beschneidung“ und die  mitunter ausgesprochen hässlichen Nebengeräusche, die schroffen Belehrungen, die geradezu besessenen Bevormundungen und die rüden Respektlosigkeiten in dieser Debatte.

Heute will ich hier, gerade eben an dieser Stelle, aber von einem ganz anderen Schlag sprechen. Denn gerade heute und hier ist es wirklich etwas, „Was gesagt werden muss“: Im April wurden wir überrascht von einem buchstäblich „grässlichen“ Gedicht. Günter Grass hatte die Welt mit einem Gedicht  beschenkt. Nun, das Gedicht war eigentlich ein Gedicht, das gar keins war, ein „Schein-Gedicht“, es war mehr ein Etikettenschwindel von vermeintlicher Lyrik, in der Erwartung eventuell, es so - gleichsam angetan mit der "Kultur-Kapuze"- von Kritik immunisieren zu können. Das wäre jedenfalls gründlich daneben gegangen. Und: zu Recht. Denn Günter Grass redete Blech und trommelte falsch.

Es war ein Dokument von Hass und Hetze gegen den jüdischen Staat, ein Versatzstück voller Verdrehungen und Verbogenheiten. Zugleich verharmloste es das brutale Mullah-Regime in Teheran auf geradezu groteske Weise. Mit am unerträglichsten aber war: Israel wurde hier ganz wissentlich sozusagen „aussortiert“, singularisiert, gebrandmarkt als alleiniger Haupt-Störenfried der ganzen Welt. Das Schlimme aber ist, dass es eine solche Stimmung im Land auch wirklich gibt. Ohne Israel, so wird hier munkelnd, flüsternd und raunend  transportiert, ginge es uns doch allen so viel besser. „Israel ist unser Unglück“, so hätte der Text  daher auch betitelt sein können. Grass kennt diese tuschelnde Stimmung, er gab ihr seine gewichtige Stimme, er biederte sich ihr an, er bediente sie und bestärkte und befeuerte sie so.

Auf unheilvolle Weise erinnerte dieses Manöver so an die unrühmliche Rede eines anderen bekannten Autors, die dieser vor ziemlich genau 14 Jahren, an eben genau dieser Stelle, in der Frankfurter Paulskirche, gehalten hatte. Auch damals: ein literarisch verbrämter, fataler, finsterer Freibrief für das Verstärken und das Ausleben von Vorurteilen. Damals war Walser grässlich. Und dann walserte Grass. Schauderhaft bleibt Beides.

Positiv anzumerken aber ist, dass praktisch alle Zeitungen diese "literarische Todsünde", wie es Wolf Biermann beschrieb, verdammten. Es war eine wahre Glanzleistung der deutschen Presse, die mit all ihren Differenzierungen, gemeinsam den richtigen Instinkt hatte. Der Dichter freilich war verstimmt. Und klagte, die Presse im Land sei "gleichgeschaltet". Dabei war hier nicht die Presse gleichgeschaltet. Vielmehr war nur der Autor einfach falsch gewickelt und verhedderte sich selbstgerecht immer mehr in seinem Gestrüpp der Verdrehungen und Verirrungen.

Und im Herbst legte Grass sogar nochmals nach. „Noch’n Nicht-Gedicht“ und zeigte uns allen, dass seine Israel-Obsessionen keineswegs „Eintagsfliegen“ sind, sondern leider chronisch.

Manchmal wird man auch aus Richtungen angegriffen, in denen man sich zuvor sicher wähnte.

Unterdessen lassen wir uns nicht beirren und unsere Zuversicht lassen wir uns auch nicht „beschneiden“. Vor knapp einem dreiviertel Jahrhundert brannten die Synagogen im Land. Heute bauen wir, auf der Asche und den Ruinen von damals, gemeinsam entschlossen ganz neues jüdisches Leben hier auf. Wer hätte sich das jemals träumen lassen?

Wir bauen unsere neue Gemeinschaft

Wir bauen unser neues Judentum in Deutschland nun auf mit den Hoffnungen und Chancen und Ambitionen, die uns inspirieren und befeuern. Mit den Sehnsüchten und mit den Träumen, die uns tragen.

Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland lebt heutzutage die allerbesten Traditionen unseres Judentums. Die Verantwortung, die große und großartige Kette der jüdischen Generationen weiter zu knüpfen und unsere wertvolle jüdische Substanz zu bewahren, die Phantasie, aufgeschlossen und modern auch neue Herausforderungen anzunehmen und die feste Entschlossenheit, gerade und ausgerechnet hier wiederum eine ganz neue jüdische Gemeinschaft gemeinsam aufzubauen, allen historischen Katastrophen, allen aktuellen Verwunderungen und Verwundungen ausdrücklich zum Trotz.

Ich wünsche mir hier ein Judentum, das bestimmt niemals unsere Katastrophen und unsere Märtyrer vergisst, das aber von nun an die positiven Dimensionen des Judentums noch viel stärker pflegt, sich selbst bewusst macht und dann mit Energie, Enthusiasmus und Elan nach außen trägt. Denn nur wer selbst begeistert ist, wird auch andere begeistern können.

Ich wünsche mir hier ein Judentum, das sich nicht nur verzweifelt, verzagt, verunsichert und verkrampft darüber Gedanken macht, wie deutsch es denn sein darf, sondern wie jüdisch es denn sein will.

Ich wünsche mir hier ein Judentum, das seine singulären Fundamente kennt und schätzt, das sich jedoch nicht nur selbst bespiegelt, sondern sich kommunikativ und kreativ an allen Debatten in der Gesellschaft beteiligt, gestützt von einer wieder aufs Neue wachsenden jüdischen Kulturszene im Land, getragen vom Respekt für unsere neue Vielfalt, befeuert von einem erneuerten, rundum positiven jüdischen „Spirit“.

Ein solches Judentum wünsche ich mir hier. Und genau so eine Gemeinschaft wollen und werden wir hier gemeinsam aufbauen, mit Begeisterung und mit Leidenschaft. Meine tiefe Zuversicht schöpfe ich auch aus unserer besonderen Geschichte. Uns Juden gibt es schon so lange, wir können wahrlich eine ununterbrochene Rekord-Geschichte aufweisen. So oft hat man doch schon versucht, uns Juden zu vernichten. Keineswegs erst in der Nazizeit. Auch schon viel früher. Zweimal wurde unser jüdischer Tempel in Jerusalem zerstört. In beiden Fällen dachten die Zerstörer, dass sie so das Judentum und die Juden für alle Zeit vernichtet hätten.

Wir Juden sind immer noch da!

Und heute, 2000 und sogar 2600 Jahre später, wo sind denn die Zerstörer von damals heute? Die Alten Babylonier und die Alten Römer? Verschwunden und oft fast vergessen in den vergilbten Annalen der Geschichtsbücher. Aber wir Juden - wir sind immer noch da!

Diese singuläre historische Kontinuität gibt uns auch heute Stolz und Substanz und Stärke. Sie gibt uns Rückhalt und die Kraft zum Überleben.

Bei uns darf es daher gerade keinen Platz für Resignation, Frustration, für Bitterkeit und für Selbstaufgabe geben. Meine Konsequenz lautet: Ganz im Gegenteil sogar. Jetzt erst recht! Wir träumen nicht, wir trauen uns. Und wir trauen uns noch so viel zu.  Aber wir kämpfen auch darum, dass unsere Träume sich erfüllen können.

Wir wollen dem Judentum hier eine neue, frische und positive Perspektive verschaffen, die noch weit in die Zukunft reichen soll. Ein großes, ein ambitioniertes Ziel, gewiss. Aber weshalb sollen wir uns denn eigentlich nicht große Ziele setzen?

Ein fast dreiviertel Jahrhundert nach der mörderischen Reichspogromnacht, die damals so viele deutsch-jüdischen Illusionen zerbersten ließ, und der die Gaskammern und Krematorien dann erst noch folgten, und nachdem das "Tausendjährige Reich" längst in den Ruinen von Verwesung und Verachtung untergegangen ist, stellen wir Juden in Deutschland heute fest – ausdrücklich im Spirit von unbeirrter, von unbeirrbarer und von unverzagter Zuversicht:

Wir sind da! Und wir kommen voran. Dennoch und trotzdem.

Und wir wollen mit frischem Wind sogar noch viel weiter kommen. Und dieser „frische Wind“, den wir bewirken und entfachen wollen –  er soll uns gemeinsam noch weit, weit nach vorne tragen.

Mitten in unsere neue, blühende jüdische Zukunft hinein. Und genau das wird uns auch gelingen! 

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