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Behr macht kurzen Prozess: Grüner Daumen

Der Farmer von Hessens größter Marihuana-Plantage macht das Gericht glücklich. Er macht nämlich nicht mehr weiter. Und schon überhaupt nicht in Frankfurt.

Sein grüner Daumen hilft dem Cannabis-Farmer vor Gericht nichts.
Sein grüner Daumen hilft dem Cannabis-Farmer vor Gericht nichts.
Foto: ctk-photo

Leon S. hat eine Gabe. „Ich kann alle Lebewesen so behandeln, dass sie glücklich sind. Ich muss nur die Parameter wissen.“

Hier kommen die Parameter zu Leon S.: 34 Jahre alt, per Geburt „Zufallsaustralier“, verheiratet, zwei kleine Töchter. Vor dem Landgericht erscheint er kurzbehost, das lange Haar, das hinten noch lockig fällt, wird oben schütter. Leon S. sitzt auf der Anklagebank wegen „Anbaus und Handel mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge“. Das ist schamlos untertrieben.

Im Juli 2009 entdeckt die Polizei in einem Keller am Riederwald die größte je in Hessen gefundene Marihuana-Plantage. Sie gehört Leon S. Die Ermittler finden knapp 1800 Pflanzen und knapp sechs Kilo verkaufsfertiges Marihuana. Die Ermittler haben einen anonymen Anruf bekommen. Kein Wunder: In der näheren Umgebung der unterirdischen Plantage stinkt es zum Himmel.

Und sie finden Leon S., der von Beginn an kein gewöhnlicher Beschuldigter ist. Der Polizist, der ihn vernimmt, empfindet ihn als „ungewöhnlich offen“. Leon S. gesteht alles, beschönigt nichts. Noch als Gerichtszeuge staunt der Polizist über den fairen Preis, den S. seinen Stammgästen, einem Pärchen aus Holland, pro Gramm berechnete: maximal drei Euro. Der Polizist nennt das „ein sehr günstiges Angebot – ich würd’s nicht verkaufen für das Geld“.

Australien auschecken

Leon S. war nicht immer Hanfbauer. Nach der Realschule ging er erst einmal für ein paar Monate in sein Geburtsland Australien, „um mal auszuchecken, wie das da so ist“. Und nebenbei als „Dach-Sanierer“ zu arbeiten. Zurück in Deutschland übernimmt er den Pelzhandel seines Großvaters. Er führt den Laden ein paar Jahre lang, hat aber ein großes „ethisch-moralisches Problem – ich bin sehr tierlieb“. Und die Nerze, mit denen er handelt, sind sehr tot. Er beschließt, sein bisheriges Hobby zum Beruf zu machen: die Zucht von Süßwasser-Rochen.

Es läuft ganz gut für den frischgebackenen Vater. Zumindest nährt die Fischzucht die Familie. Doch dann bricht der Weltmarkt für Süßwasser-Rochen ein. Leon S. gerät in eine finanzielle Schieflage. Er beschließt abermals, sein Hobby zum Beruf zu machen.

„Zum Marihuana-Anbau bin ich ja nicht gekommen wie die Jungfrau zu ihrem Kinde“, sagt er. Gekifft habe er schon immer gern. Und einen grünen Daumen hat er ohnehin. Die Kellergewölbe, die er für die Fischzucht angemietet hat, werden mehr und mehr zur Grünfläche. Knapp 30 Kilo verkauft er insgesamt an die Holländer. Erst steigt die Qualität. Dann die Quantität. „Und irgendwann ist mir alles über den Kopf gewachsen.“ Die Polizei nimmt die Plantage hops, aber Leons Sorge gilt vor allem seinen Fischen, die ja jetzt nicht mehr durch die Gras-Plantage alimentiert werden: „Ich hatte ja die Verantwortung für diese Lebewesen.“ Nebenbei fliegt ihm sein Leben um die Ohren: seine Frau zieht mit den Kindern aus – sie fühlt sich von ihrem Mann hintergangen. Zudem macht die Bild-Zeitung einen Riesenwirbel um die Geschichte und veröffentlicht ein Foto der Frau. Die Mainova fordert eine Stromrechnung in fünfstelliger Höhe. Immerhin: ein befreundeter Züchter nimmt sich der Tiere an, nachdem der Zoo keinen Platz hatte.

"Wo man schläft,..."

Es liegt nicht nur an der Sorge um die Tiere, dass gegen Ende der Verhandlung fast alle Leon S. ziemlich lieb haben. Selbst der Staatsanwalt, der sich zu Beginn des Prozesses ob der Größe der Plantage einem Deal eher abgeneigt zeigte, fordert jetzt eine Bewährungsstrafe. Er stellt ihm eine günstige Sozialprognose, lobt seine immerhin vorhandene Rest-Moral, seine fehlenden Vorstrafen und seinen Arbeitseifer. Momentan arbeitet Leon S. als eine Art Hausmeister. Das Kiffen, sagt er, habe er aufgegeben. „Kiffen und Vater sein is’ nicht so doll.“ Er will um seine Familie kämpfen.

Dass Leon S. tatsächlich mit einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren davonkommt, verdankt er auch so schönen Antworten wie der auf die Frage des Richters, warum er denn nie in Frankfurt Gras verkauft habe. „Wo man schläft, da kackt man nicht“, sagt Leon S. Und alle Lebewesen im Gerichtssaal sind glücklich. Weil die Parameter stimmen.

Autor:  Stefan Behr
Datum:  31 | 5 | 2011
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