Diesmal geht es nicht ums Wundliegen, um schlechte Ernährung, zu wenig Flüssigkeitszufuhr oder darum, dass die Medikamente nicht regelmäßig verabreicht werden. Diesmal geht es um den „Wohlfühlfaktor“. Darum, wie viel Autonomie dem Bewohner eines Pflegeheims eingeräumt wird. Ob er selbst entscheiden darf, welchen Pulli er heute anzieht, zwischen verschiedenen Speisen auswählen kann, sein Zimmer mit persönlichen Gegenständen bestücken darf, das Heizungsthermostat selbst bedienen kann.
„Aus der Sicht der Bewohnerinnen und Bewohner definiert sich Lebensqualität aus dem erlebten Alltag“, sagt Katrin Markus, Geschäftsführerin des Selbsthilfeverbands Biva. Die Juristin ist die Initiatorin des bundesweiten Projekts „Grüner Haken“, mit dem am Montag das Wiesbadener Seniorenstift Dr. Drexler als 100. Pflegeheim in Hessen ausgezeichnet wurde.
Der grüne Haken steht als Garant dafür, dass an diesem Ort Privatheit, Selbstständigkeit und Menschenwürde bewahrt bleiben. Qualitäten, auf die laut Katrin Markus die Kontrolleure des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen ebenso wenig achten wie die Mitarbeiter der Heimaufsicht, die ebenfalls mindestens einmal pro Jahr in jedem Heim nach dem Rechten zu schauen hat. Rund 17 Prozent der insgesamt 747 Einrichtungen der stationären Langzeitpflege in Hessen haben sich Markus zufolge in das Heimverzeichnis eintragen lassen. Nicht nur hochpreisige Häuser wie das Wiesbadener, und nicht jedes bekam auch den Grünen Haken: „Die Durchfallquote liegt bei 10 Prozent.“
Julia Klöckner, Staatssekretärin der Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU), stellte heraus, wie wichtig es für Kinder und Enkel sei, Hilfe bei der Suche nach der richtigen Einrichtung zu haben. Das Ministerium habe das Haken-Projekt mit 1,5 Millionen Euro gefördert. Hessens Gesundheitsminister Stefan Grüttner (CDU) hob hervor, dass der Wohlfühlfaktor allein den pflegenden Mitarbeitern zu verdanken sei, deren große Verdienste generell monetär stärker anerkannt werden müssten. Manfred Mauer vom Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste begrüßte die „neue Kultur der Transparenz“, die in den Grünen Haken oder die Pflegenoten mündeten. Die Neuerungen seien beispielhaft: „In welcher anderen Branche wird extern geprüfte Qualität noch veröffentlicht?“
Auch die Verbraucherschützer loben die neue Transparenz bei der Pflege. Der Grüne Haken sei eine gute Ergänzung für die Pflegenoten oder die Prüf-Ergebnisse der Heimaufsicht, die in Hessen nicht veröffentlich werden. Sie setzten einen anderen Schwerpunkt, erläuterte Sabine Strüder von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz der Frankfurter Rundschau.
Allerdings könnten die vielen neuen Bewertungs-Angebote auch zur Verwirrung der Verbraucher führen, meint Strüder. Weil es auch möglich ist, dass ein Haus zwar den Grünen Haken, aber schlechte Pflegenoten bekommt. Kritisch bewertet sie zudem, dass auf der Internet-Seite nur jene Kriterien auftauchen, die erfüllt wurden. Wo die bewertete Einrichtung versage, sei nicht vermerkt. Zudem fragt sich die Pflegeexpertin, wie das Projekt weiterlaufen soll, wenn im August die Förderung des Bundesministeriums ausläuft. Dann müssen die Heime die Begutachtung selbst bezahlen. Auch Biva-Geschäftsführerin Markus geht davon aus, dass nicht alle Einrichtungen an dem Projekt teilnehmen werden.

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