Die Falken sind wieder da. Sobald sich der Besucher dem Bauzaun nähert, stößt ein Raubvogel vom Henninger Turm herab, streicht mit langsamen Schwingenschlägen aufmerksam über das verlassene Gelände, auf dem meterhoch Unkraut wuchert. Die verwitterten Leuchtbuchstaben am Sockel des Gebäudes verkünden: He ng r u. Wie ein Gebiss mit Zahnlücken.
Eigentlich waren die Wanderfalken im November 2012 unter Aufsicht des Naturschutzbundes an die Spitze des nahen Ferrero-Hauses am Hainer Weg umgesiedelt worden. Doch sie sind nun mal, wie Ingolf Grabow vom Naturschutzbund schon damals sagte, „sehr standorttreu“.
Bald hilft ihnen das nicht mehr. Denn dann rücken „die Mondmänner“ an, wie Rainer Marquart sie nennt. Das sind die Fachleute, die mit ihren weißen Schutzanzügen die Aufgabe haben, hinter einer Sicherheitsschleuse die gefährlichen Schadstoffe im Turm sicher zu entsorgen. Wie viele Gebäude der 1960er Jahre enthält auch das Frankfurter Wahrzeichen unter anderem Asbest. „Die Mondmänner“ müssen die schadstoffhaltigen Bauteile im Inneren des Turms vorsichtig herauslösen und in luftdichte Säcke verpacken. Dann treten sie den Weg zur Sondermülldeponie an.
Die Henninger Brauerei wurde im Jahre 1655 gegründet. Nach dem Aufkauf verschiedener Konkurrenzfirmen trug sie ab 1935 den Namen Henninger Bräu AG.
Im Jahre 2000 kam nach mehreren Besitzerwechseln das Aus für das Traditionsunternehmen, die Gebäude der alten Brauerei wurden abgerissen.
Der mehr als 70 Jahre alte Marquart fungiert seit vielen Jahren als Sprecher der Milliardärsfamilie Hopp, deren Kopf Dietmar Hopp ist, Mitbegründer des Computerunternehmens SAP. Sein Sohn Daniel zeichnet seit 1998 für das ehemalige Henninger-Gelände in Sachsenhausen verantwortlich. Marquart erinnert sich wehmütig daran, dass er „als junger Mann oft da oben“ war. Auf dem Henninger Turm nämlich, der damals mit seinem Drehrestaurant an der Spitze die Leute von nah und fern anlockte. Die Hopps, sagt Marquart, sind sich wohl der Tradition dieses Ortes bewusst.
Deshalb sucht man derzeit einen Betreiber, der von 2016 an wieder ein Restaurant führt – an der Spitze des 138 Meter hohen Wohnhochhauses, das den Henninger Turm ersetzen soll. Unten im Vestibül des Wohngebäudes will man Erinnerungsstücke ausstellen, die von der Geschichte der im Jahre 2000 geschlossenen Henninger-Brauerei erzählen. Und das Hochhaus mit seinen Luxus-Eigentumswohnungen wird in Kürze unter dem Label „Henninger Turm“ vermarktet: „Wir bleiben beim Namen.“
Forderungen aus der Frankfurter Kommunalpolitik, es sollten doch auch preiswerte Mietwohnungen im Hochhaus untergebracht werden, erteilen die Hopps eine Absage. „Wir werden Mietwohnungen auf anderen Teilen des ehemaligen Henninger-Geländes schaffen“, sagt Marquart. Am 11. Januar steht das Treffen mit den Architekten Jochem Jourdan und Bernhard Müller an, die mit ihrem Team den Wettbewerb für das neue Wohnquartier gewonnen haben. Parallel zum Bau der 800 Wohnungen wird die denkmalgeschützte Henninger Villa aus dem Jahre 1875 saniert, in der früher der Brauerei-Vorstand residierte. In dem seit mehr als zehn Jahren leerstehenden Gebäude könnten ebenfalls Wohnungen entstehen. Zum Fluglärm durch die nahe Landebahn sagt Marquart: „Ich bin oft auf dem Gelände und merke da nichts.“
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