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26. Oktober 2012

Herbst Vogelzug: Mit den Kranichen zieh'n

 Von Thomas Stillbauer
Kraniche in der Abendsonne. Foto: dpa

Tausende trompetende Vögel werden an diesem Samstag am Himmel sein und gen Süden fliegen. Sollte sich das Wetter an die Prognosen halten. Wird's schlimmer, landen auch die Kraniche.

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Tausende trompetende Vögel werden an diesem Samstag am Himmel sein und gen Süden fliegen. Sollte sich das Wetter an die Prognosen halten. Wird's schlimmer, landen auch die Kraniche.

Auf der Straße nach Süden

mit den Kranichen zieh’n

Ohne Pläne zu schmieden

Einfach nur geradeaus

Auf der Straße nach Süden

Mit der Sonne als Ziel

Auf der Straße nach Süden

Fühle ich mich zu Haus

(Tony Marshall, 1978)

Armes Bayern. Landauf, landab winken die Menschen jauchzend den Kranichen hinterher, die aus dem Nordosten Richtung Südwesten ziehen. Nur bei den Bajuwaren findet sich kaum ein Punkt auf den Landkarten der Vogelbeobachter. Tja – Pech gehabt. Bayern liegt traditionell nicht auf der Route der Kraniche. Hessen schon, Frankfurt als internationales Drehkreuz ganz besonders.

Kraniche gucken

Am Riedberg lässt es sich gut nach ihnen schauen, auch im Vortaunus, in der Wetterau, in der Lahnaue – überall, wo offenes Gelände den Blick freigibt. Kranich-Sammelplätze zur Rast sind mitunter im Vogelsberg und am Kühkopf. Am Freitag standen einige Hundert bei Utphe in der Wetterau. Wer hingeht, hält bitte 500 Meter Abstand, um die Tiere nicht zur Flucht zu zwingen. Sie brauchen ihre Kraft für die Reise.

Grus grus – so heißt der Kranich wissenschaftlich – fliegt in größeren Gruppen Hunderte Kilometer am Tag. Die Tiere bilden ein großes V, um im Windschatten zu fliegen und Kraft zu sparen. In der Führungsarbeit wechseln sie sich ab. Die Züge erreichen Geschwindigkeiten über 100 km/h, reisen aber überwiegend im Gleitflug bei etwa 60 km/h.

Viele Informationen gibt es im Internet unter www.kranich.de. Eine Übersicht, wo Kraniche ziehen, liefert www.ornitho.de – dort sind alle willkommen, die Beobachtungen melden wollen. Kranichzähler werden können Begeisterte auch unter www.nabu.de.

Jetzt fliegen sie wieder. Und wenn das Wetter sich an die Prognosen hält, wird dieser Samstag ein großer Samstag für die Freunde des Kranichzugs. Es soll nachts kalt werden, unter null Grad, der Wind weht aus Nordost – genau das Startsignal, auf das Zehntausende Vögel an ihren Sammelplätzen in Mecklenburg-Vorpommern gewartet haben. „Da ist jetzt die Hölle los“, sagt Stefan Stübing von der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON). Am Freitag kamen schon viele. „Und dieser Samstag ist der Tag, an dem massiv etwas passieren wird.“

Am Edersee beispielsweise, in Bebra, auch am Knüllköpfchen im Schwalm-Eder-Kreis werden die Leute stehen und schauen, und üblicherweise am Nachmittag erreicht das riesige Vogel-V den Taunuskamm, Frankfurt und Offenbach. Gut, liebe Kraniche, dass ihr schon fliegt, denn am Sonntag wird die Uhr umgestellt – dann wird’s früher dunkel. Dann kann man euch am späten Nachmittag womöglich nicht mehr sehen.

Zuerst Trompeten

Aber hören. Und wie. Das Trompeten der Kraniche ist meist das Erste, was man von ihnen mitbekommt. Dann wirft der Mensch den Kopf in den Nacken – und kann den Blick gar nicht mehr abwenden. „Dieses urige Gefühl kommt in einem hoch“, beschreibt der Frankfurter Vogelschützer Ingolf Grabow: „Man fühlt sich an den Anfang der Zeiten zurückversetzt. Das ist schon immer so gewesen, alle Leute freuen sich, wenn sie die Kraniche am Himmel hören.“

Und es gibt sie jetzt viel häufiger zu hören und zu sehen als noch vor 30 Jahren. „Der Bestand hat in Deutschland und Westeuropa enorm zugenommen“, sagt Stübing. Daran hat die Arbeitsgemeinschaft Kranichschutz (WWF und Nabu, unterstützt durch die Lufthansa) großen Anteil: Sie kümmert sich um Sammel-, Rast- und Brutplätze für die Tiere. Erlenbruchwälder wurden als Refugium unter Schutz gestellt – das alles half den Kranichen bei der Vermehrung. In den 70er Jahren war es ganz selten, dass man über Frankfurt mal einen Kranich sah, erinnert sich Grabow. Heute gehört der Vogel im Frühjahr und im Herbst zum vertrauten Bild. Und ist der Kranichbestand gesund, freut sich der Mensch.

Keineswegs doof

„Bei mir ist es das unbändige Interesse an allem, was fliegt, und das Gesamtpaket Kranich, was mich fasziniert“, sagt Stefan Stübing. Anders als die meisten Riesenvögel brütet Grus grus am Boden und nimmt in Kauf, dass er sich mit Fuchs und Wildschwein auseinandersetzen muss. Kranichpartner sind sich ein Leben lang treu. In den Urlaub – sprich: ins Winterquartier – fliegt immer die ganze Familie zusammen, und zwar auf Sicht. Wenn dichter Nebel kommt, muss der Kranich herunter auf die Erde und warten, bis er wieder klar sieht. „Obwohl er so ein toller Vogel ist“, lästert Stefan Stübing. Unter Freunden darf man das.

Aber warum trompetet er denn nun, der Kranich? Ingolf Grabow: „Das sind Kontaktrufe – hier bin ich, hier bin ich!“ Aber er ist überzeugt davon, dass sie sich noch mehr als das mitteilen. „Sie versichern sich des Truppenzusammenhalts“, glaubt Stefan Stübing. Das sei besonders bei Nacht und Nebel wichtig. „Warum sie auch tagsüber rufen, bleibt schleierhaft. Man könnte denken, das ist völlig unnötig.“ Der Diplom-Biologe weiß von Kranichketten, die in Südeuropa trompetend vor sich hinzogen, bis sie Menschen am Boden gewahrten. „Plötzlich waren sie ganz still“, sagt Stübing. In diesen Regionen kommt es durchaus vor, dass man auf sie schießt. Erst in einiger Entfernung ging das Konzert der Kraniche weiter. Doof sind sie schließlich nicht.

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