Polizisten schießen in Deutschland im Schnitt fast jede Woche mit ihren Dienstwaffen auf Menschen. Nach Angaben der Bundesländer haben Beamte in den Jahren von 1998 bis einschließlich 2009 deutschlandweit 547 Mal gezielt auf jemanden gefeuert. In der Mehrzahl der Fälle sind die Schüsse nicht tödlich: In den genannten Fällen gab es 87 Tote und 309 Verletzte. Meistens handelten Polizisten in einer klaren Notwehrsituation.
Für den „polizeilichen Schusswaffengebrauch“, so der Fachbegriff, gelten eindeutige gesetzliche Regeln. Die Beamten dürfen ihre Waffen nur in Extremsituationen einsetzen. Neben Notwehr als häufigstem Grund ist das Schießen im Ernstfall auch erlaubt, wenn etwa schwere Verbrechen oder die Flucht eines gefährlichen Täters nicht anders zu verhindern sind. Immer muss die Verhältnismäßigkeit gewahrt bleiben. Falls noch möglich, muss der Gebrauch der Waffe angedroht oder ein Warnschuss abgefeuert werden - wenn es die Umgebung zulässt.
Die Notwehrsituationen, in denen sich Polizisten mit der Waffe verteidigen dürfen, beeinflussen auch das Schießtraining und die Bauart der meisten Polizeiwaffen. So üben Schutzpolizisten regelmäßig sogenannte Deut-Schüsse - gemeint ist damit das Ziehen der Waffe und das sofortige Abdrücken ohne genaues Anvisieren des Ziels. Denn oft müssen sich die betroffenen Beamten in eben jenen Sekundenbruchteilen verteidigen, wenn ihre Pistole noch im Holster steckt. Aus diesem Grund ist es für Schutzpolizisten in einigen Bundesländern Pflicht, die Pistole schussbereit zu tragen - also durchgeladen. Im Fachjargon heißt das „streifenfertig“. Im Ernstfall wird nur noch abgedrückt.
Der Ernstfall hinterlässt auch immer seine Spuren bei dem Schießenden: Der Polizist Oliver Tschirner hat 2009 in einer Masterarbeit an der Hochschule der Deutschen Polizei in Münster Polizisten befragt, die im Dienst einen Menschen getötet haben. Eines seiner Ergebnisse: Viele Polizisten sind nach einer solchen Tat ein Leben lang traumatisiert. Nur ein Drittel kehre bald in den Dienst zurück. Beim zweiten Drittel gelten die Folgen als langwierig, oft müssen die Kollegen in den Innendienst wechseln. Das letzte Drittel leide fortwährend an den Folgen und sei auf lange Sicht therapiebedürftig. (dpa)

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