Aktuell: Zuwanderung Rhein-Main | Fotostrecken | Polizeimeldungen
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Frankfurt
Berichte und Bilder von allen wichtigen Ereignissen in Frankfurt

04. September 2013

Homosexualität: "Heterosexualität ist die Norm"

 Von 
Heiko Rode (links) und Alexander Lotz wollen die vielfältigen Lebenskonzepte in der Schule nicht verschweigen.  Foto: Andreas Arnold

Schwule Lehrer müssen gerade an hessischen Schulen einiges aushalten. Heiko Rohde und Alexander Lotz sprechen über Ignoranz bezüglich der unterschiedlichen Lebenskonzepte und Homophobie im Schulalltag.

Drucken per Mail

Herr Lotz, Herr Rohde, wissen Ihre Schülerinnen und Schüler, dass Sie schwul sind?

Heiko Rohde: Inzwischen. Als ich 2006 an die Feldbergschule in Oberursel kam, outete ich mich aber erst mal nicht. 2008 heiratete ich dann und beschloss, dass ich mit dem Thema selbstverständlicher umgehen will. Also antwortete ich auf die Frage eines Schülers dann auch wahrheitsgemäß. Es gab eine Lehrerkonferenz dazu: ob man Schülern das sagen soll.

Alexander Lotz: Als ich vor drei Jahren ans Goethe-Gymnasium kam, wusste ich, ich würde mich auf jeden Fall outen. Allerdings wollte ich nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen. Doch gleich in der zweiten Unterrichtsstunde gab’s schwulenfeindliche Bemerkungen. Da hab’ ich es dann angesprochen. Das ging wie ein Lauffeuer durch die Schule. Die Schüler riefen „Schwuchtel“ und so was hinter mir her. Einige Schüler haben sogar einen fingierten E-Mail-Account auf den Namen unseres Schulleiters eingerichtet und mir von dort Mails mit „schwule Sau“ geschrieben. Eine Kollegin meinte, das sei eben der Weg, den ich gewählt hätte.

Rohde: Viele meinen, der Fehler liege bei demjenigen, der darüber redet.

Deshalb outen sich viele Lehrer wohl auch erst gar nicht.

Rohde: Viele homosexuelle Kollegen verschließen das Private. Aber ich meine, dann vergibt man sich die Chance, Vorbild zu sein. Wenn der Schulleiter mit seiner Frau zu einer Veranstaltung kommt, ist das in Ordnung. Wenn ich mit meinem Mann komme, heißt es schnell, ich ginge mit meiner Homosexualität hausieren. Schüler sollten einfach lernen, dass es unterschiedliche Lebenskonzepte gibt.

Abgeschottet von der Realität

Lotz: Es ist manchmal ja auch schwierig. Schule scheint bei dem Thema eine Insel zu sein, die abgeschottet von der Realität existiert. Statistisch gesehen, müsste ich zwei bis drei homosexuelle Schüler in der Klasse haben …

Rohde: … es gibt so viele Homosexuelle wie Linkshänder …

Lotz: … aber man sieht sie in der Schule nicht, sie haben Angst, sich zu outen. Alle Schüler unterliegen einem enormen Druck, sich der Mehrheit anzupassen. Sie sollen sich wie ein „richtiger“ Junge, wie ein „richtiges“ Mädchen verhalten. Ausgrenzung kann dann in Homophobie umschlagen. Deshalb müssen wir unbedingt etwas gegen diese Atmosphäre an den Schulen tun.

Dass das Wort „schwul“ ein beliebtes Schimpfwort ist, trägt sicher nicht zur besseren Atmosphäre bei.

Lotz: „Schwul“ wird an der Schule ständig benutzt. Hausaufgaben sind schwul, Arbeitsblätter, alles Mögliche. Es ist immer negativ besetzt.

Rohde: Wer sich dann als schwul outet – oh Gott, das geht gar nicht.

Lotz: Deshalb muss man die Schüler dazu bringen, das Wort zu hinterfragen. Wenn es fällt, dann spreche ich die Schüler an. Wir versuchen dann, ein alternatives Wort für das zu finden, was sie sagen wollten. Schüler gehen gedankenlos damit um, schließlich scheint ja auch an Schulen niemand da zu sein, den sie damit verletzen könnten.

Rohde: Ich sag meinen Schülern immer: „Sag doch vielleicht ,suboptimal‘ stattdessen.“ Okay, dann lachen sie natürlich. Aber so lange mir die Schüler noch sagen, dass es eklig wäre, zwei Jungs auf dem Schulhof Händchen halten zu sehen, so lange wird es Diskriminierung geben. Bei Jugendlichen kann das zu Selbstmord führen. Homosexuelle Schüler haben ein vier- bis siebenmal höheres Suizidrisiko.

Wird das Thema Homosexualität denn im Unterricht aufgegriffen? Herr Lotz, Sie unterrichten ja Biologie

Lotz: Im Lehrplan wird es nur am Rande erwähnt. Es gibt maximal zwei Biologie-Schulbücher in Hessen, in denen Homosexualität vorkommt. Es geht ansonsten immer nur um Geschlechtsorgane und Fortpflanzung. Heterosexualität ist die Norm. Ich versuche den Schülern im Unterricht aufzuzeigen, dass es sexuelle Vielfalt gibt. Daraufhin haben Kollegen aber das Gerücht verbreitetet, ich würde nur schwule Sexualität unterrichten.

Und gab es dann Beschwerden von Eltern?

Lotz: Ja, es haben sich Eltern an die Schulleitung gewandt, und ich musste meine Unterrichtsmaterialien vorlegen – in eine solche Situation kämen heterosexuelle Kollegen gar nicht.

Lehrpläne müssten überarbeitet werden

Rohde: Es müssen einfach die Lehrpläne überarbeitet werden – und zwar nicht nur in der Biologie. Auch in anderen Fächern. In Holland ist es ganz normal, dass in Mathe-Textaufgaben auch Peter und Paul sich ein Haus kaufen …

Lotz: Es gibt Zigtausend Ansatzpunkte, das im Unterricht zu thematisieren. Doch Lehrer werden dafür weder aus- noch fortgebildet.

Sind denn Kollegen dem Thema gegenüber überhaupt aufgeschlossen?

Lotz: Ich denke, nahezu alle Kollegen sind davon überzeugt, dass Schwule und Lesben nicht diskriminiert werden sollen. Vielen fällt es aber schwer, Homosexualität im Unterricht zu thematisieren. Das kann unterschiedliche Ursachen haben: Berührungsängste zum Beispiel. Oder eben das fehlende Wissen. Manche haben auch eine eigene homophobe Haltung – die ihnen zum Teil gar nicht wirklich bewusst ist.

Rohde: Die Kollegen sind eine der Hauptherausforderungen für uns, da sie sich eben ausbildungsbedingt nicht damit befassen. Daher kommen dann manchmal auch merkwürdige Sachen wie: „Ich hab’ da mal ne Frage wegen Aids – du kennst dich doch da aus.“ Damit sich an der Situation in Schulen was ändert, müssen wir Impulse setzen, um politisches Verständnis werben.

Das ist in Hessen so. Gehen denn andere Bundesländer mit dem Thema anders um?

Lotz: In Berlin hat man eine Untersuchung durchgeführt, wie verbreitet Homophobie an Schulen ist. Das Ergebnis war katastrophal. Jede Schule dort hat nun einen Ansprechpartner zu sexueller Vielfalt. Andere Bundesländer haben das übernommen. Hessen nicht.

Interview: Sandra Busch

[ Lesen Sie jetzt das EM-Spezial der FR - digital oder gedruckt sechs Wochen lang ab 27,30 Euro. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten und Reportagen aus dem Herzen des Rhein-Main-Gebiets - alles über Frankfurt und seine Stadtteile.

Twitter
Südliche Stadtteile
Östliche Stadtteile
Nördliche Stadtteile
Westliche Stadtteile
Bahn-Verkehr

Die Lage im Bahnverkehr live:

- Frankfurt a.M. (Hbf) aktuelle Abfahrt und Ankunft,
- An- und Abfahrt für alle Stationen,
- Reiseverbindungen als Live-Auskunft (Prognosen).

Anzeige

Premium-Fotostrecke
Frankfurt von oben

Mit dem Hubschrauber unterwegs über der Mainmetropole: Fliegen Sie mit!
Zur Premium-Fotostrecke Frankfurt von oben.

Eintracht: Berichte | Spielplan | Team | FR-Videos

ANZEIGE
- Partner