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Integratives Spiel- und Sportfest: Fest der Perspektiven

Beim Integrativen Spiel- und Sportevent belohnt der „Schlappekicker“-Preis der FR die guten Ideen der im Behindertensport engagierten Vereine. Rund 3000 Menschen kamen zum Fest.

        

Ausgezeichnet: die Schlappekicker-Preisträger und Katja Sturm, die Vorsitzende der FR-Aktion.
Ausgezeichnet: die Schlappekicker-Preisträger und Katja Sturm, die Vorsitzende der FR-Aktion.

Zuerst ist Timo dran. Der schlaksige Junge mit den blonden Haaren stemmt seine Hände auf die Räder und schiebt seinen Rollstuhl über die bewegliche Brücke aus Holz. „Gewicht nach vorne verlagern“, rät ihm eine der Helferinnen, als er genau in der Mitte steht. Danach rollt Torben, deutlich schneller als Timo, hoch und wieder herunter. „Ja, ich weiß“, sagt Torben und lächelt dabei ein wenig schief, als die Helferin gerade zu dem gleichen Tipp mit dem Körpergewicht ansetzen will. Am Ende rollt Timo zu seiner Mutter. Er steht aus dem Rollstuhl auf und läuft mit seiner kleinen Schwester davon. Torben bleibt sitzen. Weil er blind ist, und weil er seine Beine wegen einer spastischen Lähmung nicht bewegen kann.

Zwei Jungs, beide elf Jahre alt. Einer ist behindert, einer ist gesund. Vorher wussten sie nichts voneinander. Seit Sonntag ist das anders. Zwei Perspektiven, die das Integrative Spiel- und Sportfest in Kalbach zusammenführt.

Neben dem Parcours, denn der Rollstuhl-Sport-Club (RSC) Frankfurt aufgebaut hat, steht Andrea Schlicker und beobachtet aufmerksam. Sie kümmert sich beim Verein um die Kinder und Jugendlichen. Es gehe bei der Brücke aus Holz und all den anderen Stationen darum, dass gesunde Kinder ein Gefühl bekommen, sagt Schlicker. Für den Alltag behinderter Kinder. Einen hohen Bordstein, eine scharfe Kurve. Sie wünscht sich, dass Jungs wie Timo, nachdem sie aus dem Rollstuhl aufgestanden sind, die Welt ein klein wenig anders sehen. „Mit mehr Akzeptanz“, sagt Schlicker. „Denn Gesunde müssen sich nach Behinderten richten und nicht umgekehrt.“ Timo sagt am Ende, dass sei „gar nicht so ohne“ gewesen. Doch, er wollte wissen, das sagt er ganz bestimmt, „wie Behinderte sich dabei fühlen“.

3000 Menschen kamen zum Fest

In dem am Sonntagmittag von warmem Licht durchfluteten Sport- und Freizeitzentrum fliegen kleine Zöpfe auf Trampolinen durch die Luft; von links hallt es „Mami, Mami!“, rechts fahren drei kleine Mädchen mit einem Tridem kichernd und lachend eine Runde. In der Mitte der Halle sitzt Manfred Emmel in seinem Rollstuhl. Emmel, 66, ist Vorsitzender des RSC Frankfurt. Gemeinsam mit Dieter Kuch, der den Turn- und Sportverein 1875 Bonames leitet, organisiert Emmel das Fest der Perspektiven seit 20 Jahren. Am großen Stand hat Katja Sturm, die für die Frankfurter Rundschau die „Schlappekicker“-Aktion betreut, inzwischen den symbolischen Scheck verteilt. „Sie“, sagt Sturm über die fünf Vereine, „empfinden wir als ganz besondere Projekte.“ Emmel applaudiert, dann erzählt er vom allerersten Fest, das er auf die Beine stellte. Vielleicht 500 Leute waren damals, 1991, dabei. Ist Frankfurt seitdem behindertenfreundlicher geworden? Was hat sich in den Köpfen der Menschen getan? Emmel denkt nach. Natürlich seien 2011 wieder an die 3000 Leute nach Kalbach gekommen, am Samstag stieg das zehnte Integrative Tischtennis-Turnier des RSC mit 50 Teilnehmern, am Sonntag treten abseits des Festes in der Halle 80 Bogenschützen gegeneinander an. Die Aktiven sind da, meint Emmel, die Förderung auch. Mit 22000 Euro unterstützte die Stadt das Fest.

Doch es fehle was, das tiefer geht als Geld oder auch Barrierefreiheit in der Stadt. „Die letzten zehn Jahre habe ich die Behindertenbeauftragte hier nicht gesehen.“ Und 2011 sei das erste Mal die Stadt nicht mehr als Organisator beteiligt.

Dennoch, sagt Emmel, der Kern, sein persönlicher Auftrag, bleibe der gleiche: jungen, behinderten Menschen durch Erfolgserlebnisse im Sport helfen, ihr Selbstbewusstsein zu stärken. „Denn nur so lernen sie auch, Hilfe annehmen zu können.“

So wie Celina, die eben noch ganz oben unter Decke der Halle hing und nun flugs wieder herunter geklettert kommt. Sie freut sich so sehr, dass sie gleich nochmal die Strickleiter hoch möchte. Susanne Weger, eine von rund 100 freiwilligen Helferinnen und Helfern beim Fest, hakt der Zwölfjährigen den Haltegurt wieder ein. Das Mädchen hat eine geistige Behinderung und ist in ihrer Entwicklung auf dem Stand eines sechsjährigen Kindes. „Aber sie kann genauso Klettern wie alle anderen“, sagt Weger. Letztlich, fügt sie hinzu, sei es die Gesellschaft, die Behinderte zu Behinderten macht. „Weil wir sie so sehen.“

Autor:  Markus Bulgrin
Datum:  7 | 11 | 2011
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