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15. Dezember 2012

Intendant der Oper Frankfurt Bernd Loebe: „Ich will keine Show-Effekte“

Der Intendant nimmt seinen Kaffee mit auf die große Opern-Bühne.  Foto: Christoph Boeckheler

Auf einen Kaffee mit Bernd Loebe. Der Intendant der Frankfurter Oper wird 60 Jahre alt. Er vermisst Leidenschaft bei den Kritikern und will auf Missstände hinweisen.

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Herr Loebe, wie ist Ihre Gemütsverfassung heute?
Gefasst.

Sie feiern jetzt Ihren 60. Geburtstag und sind zehn Jahre Intendant in Frankfurt …
Seit ich in dieser Altersregion bin, versuche ich jedem Tag etwas Positives abzugewinnen und Freude aus meinem Beruf zu gewinnen. Das wird mir hier in Frankfurt relativ leicht gemacht. Ich erlebe, wie das Haus brummt, das Publikum in die Oper strömt, sich fremde Menschen bei mir persönlich bedanken. Was manchmal untergeht: Auch der Zusammenhalt in der Oper ist groß. Darauf bin ich als Intendant unmittelbar angewiesen.

Ihr erstes Geld haben Sie mit dem Austragen von Zeitungen verdient. Denken Sie manchmal noch daran zurück?
Ja, mit 16 habe ich Zeitungen verkauft. Dann Ski-Schuhe. Dann habe ich in einem türkischen Reisebüro gearbeitet und dort das Geld für die vielen Schallplatten verdient, die ich mir ständig gekauft habe. Ja, ich denke immer wieder an meine Jugend in Frankfurt zurück. Ich glaube, im Alter geschieht das ohnehin häufiger.

Schon damals hat Sie die klassische Musik fasziniert.
Auf jeden Fall. Es war für mich auch eine Flucht aus dem Alltag heraus in eine ganz andere Welt. Eine Welt der Emotionen, der Leidenschaft, auch der Analyse. All das bringt ja die Oper an einem guten Abend zusammen.

Wer war damals Ihr Lieblings-Komponist?
Es gab keinen ausgesprochenen Liebling. Aber ich war fasziniert von der Oper überhaupt, weil da so viele Dinge ineinandergreifen müssen. Ein Schlüssel des Erfolgs ist heute, dass ich für jeden im Haus jederzeit ansprechbar bin. Ich gelte ja als Intendant der Sänger. Einerseits freut mich das, weil die Bedeutung der Sänger so wahrgenommen wird. Andererseits: Wir haben auch viele gute Inszenierungen, ich habe guten Kontakt zu Regisseuren und Bühnenbildnern. In meinen zehn Jahren als Intendant habe ich aber vor allem die Rolle des Opernorchesters gestärkt, ich kann mich auf Sebastian Weigle stützen, einen fantastischen Generalmusikdirektor, und auf sehr gute Gastdirigenten. Der Dirigentenberuf ist ein sauschwerer, das wird oft unterschlagen.

Sie waren Kritiker und beim Hessischen Rundfunk für klassische Musik zuständig.
Mein eigentliches Studium habe ich als Kritiker bei der FAZ absolviert. Ich war frustrierter Jurastudent und bin den damaligen Redakteuren Dietmar Polaczek und Gerhard R. Koch im Rückblick sehr dankbar, dass sie mir die Möglichkeit gegeben haben zu schreiben. Ich habe mir als frecher Hund schnell einen Namen gemacht mit meinen Kritiken.

Was heißt das, frecher Hund?
Wenn ich das heute so lese im Rückblick, dann graut es mir. Ich habe schon manchmal die gewitzte Formulierung über die Realität gesetzt. Das ist ja eine grundsätzliche Journalisten-Krankheit.

Ist die heute verbreitet bei den Opern-Kritikern?
Mehr als früher. Die Liebe zum Genre verschwindet mehr und mehr. Man könnte auch den schlimmsten Verriss noch so formulieren, dass eine Liebe zur Oper durchschimmert. Das vermisse ich heutzutage sehr. Die Qualität der Musikkritik hat in den vergangenen zwanzig Jahren sehr nachgelassen.

Weil die Kenntnisse schwinden?
Ja, vielleicht. Aber vor allem die Leidenschaft ist weniger vorhanden.

Wie gehen Sie mit Kritiken um?
Ich nehme mir stets vor, mich nicht zu ärgern.

Es gelingt Ihnen aber nicht.
Nee, ich schaffe es nicht. Günther Rühle, der frühere Intendant des Frankfurter Schauspiels, hat mir neulich gesagt: Wenn Sie sich nicht mehr ärgern, dann müssen Sie aufhören. Da ist was dran.

Sind Sie nachtragend?
Ich glaube schon. Ich bin wie ein Elefant, der so was nicht so locker wegstecken kann. Ich vergesse nicht. Ich kann auch hinterher nicht trotzdem freundlich zu dem betreffenden Kritiker sein. Das sollte eigentlich jeder Intendant können. Eigentlich müsste man nach einem Verriss erst recht auf einen Kritiker zugehen. Mir gelingt das nach wie vor nicht. Und in den verbleibenden Jahren meiner Tätigkeit werde ich da auch keinen Ehrgeiz mehr entwickeln.

Sie haben sich verpflichtet, bis 2018 in Frankfurt zu bleiben. Sie haben allen Angeboten widerstanden, woanders hinzugehen.
Als Frankfurter hänge ich einfach an der Stadt. Ich kann als Intendant in dieser Stadt aber auch frei agieren, natürlich in einem finanziellen Rahmen, den wir uns erkämpft haben. Aber ich bin frei: beim Spielplan, bei den Engagements, bei den Dirigenten. Ich habe alles in der Hand. Das ist sehr verführerisch. Vielleicht wird der eine oder andere sagen: Der hat zu viel Macht. Aber wir reden intern. Und wenn ich das Gefühl habe, zu autistisch, zu diktatorisch das Haus zu führen, versuche ich, mich selbst zu bremsen.

Sie sind kein Team-Mensch.
Es ist eine seltsame Mischung. Das künstlerische Profil wird von mir eindeutig vorgegeben. Aber sie können ja mal eine Umfrage machen im Haus: Ich glaube, ich bin sehr beliebt. Bühnenarbeiter geben mir am Anfang der Spielzeit die Hand und sagen: Ich freue mich auf die Spielzeit. Meine Tür ist offen. Jeder, der Probleme hat, kann zu mir kommen. Ich bin so eine Art Vaterfigur.

Aber Sie grummeln ganz schön und drohen auch mal damit, Frankfurt zu verlassen, wenn es um Kürzungen im Etat geht.
Ich muss die Interessen des Hauses vertreten und die der Mitarbeiter, die ich nicht rausschmeißen will, weil sie ja gut arbeiten. Und ich vertrete die Interessen des Publikums. Dadurch komme ich mit der Stadt manchmal in eine schwierige Gemengelage.

Es werden Kürzungen kommen. Der Zuschuss der Stadt soll 2014 schrumpfen.
Wenn das so ist, werde ich aus den genannten Gründen wieder aktiv werden.

Sie weichen mit Ihrem Spielplan ganz bewusst von gängigen Werken ab und präsentieren viele unbekannte, sperrige, vergessene Opern.
Ich habe die Möglichkeit, sieben neue Produktionen im Jahr zu machen …

Nicht vier oder fünf wie andere Häuser …
Die anderen Opern gleichen sich Frankfurt mehr und mehr an. Wir haben eine Vorbildfunktion. Ein Theater, das nur vier Neuproduktionen im Jahr zeigt, wird nicht genug wahrgenommen. Wir haben bei den „Königskindern“ von Humperdinck mehr als 80 Prozent Auslastung gehabt. Wir werden bei Debussys „Pelléas et Mélisande“ bei vielleicht 95 Prozent landen. Unser Publikum ist neugierig.

Ist das ein kritisches Profil, ein linkes Profil für einen Opern-Intendanten?
Mir ist klar, dass man ein volles Haus nur bekommt, wenn man die bürgerliche Mitte anspricht. Aber wir können doch versuchen, mit einer feinen Analyse auf soziale Probleme und Missstände hinzuweisen. Nicht mit einer Hauruck-Methode. Das ist ein großes Anliegen für mich. Wir werden in den nächsten Jahren eine ganze Reihe von Uraufführungen hier haben. Wir werden „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ von Helmut Lachenmann endlich auch mal szenisch präsentieren. Wir werden mit einer jüngeren Generation von Regisseuren arbeiten, die durchaus Stachel setzen.

Sie haben als Vorsitzender der deutschsprachigen Opernkonferenz Ihre Kollegen dazu aufgefordert, mehr zeitkritische Stoffe anzupacken.
Ja, aber. Wir haben jetzt diese Uraufführung der Oper „Babylon“ von Jörg Widmann in München gesehen, Libretto Peter Sloterdijk, das war Thema der jüngsten Opernkonferenz in Stuttgart vor einer Woche. Das in München, das war ein teures Spektakel. Mit dem Geld könnte ein Haus im deutschen Osten ein Jahr lang sein Programm finanzieren. Ich denke, in der Zeit der schmaleren Kassen haben wir eine Verantwortung, mit dem Geld der Steuerzahler sorgsam umzugehen.

Sie wollen keine Show-Spektakel.
Nein, auf keinen Fall. Keine Show-Effekte. Mir geht es um intelligentes, differenziertes Theater, das einen emotional berührt und vielleicht ein wenig klüger nach Hause gehen lässt.

Es geht um Qualität.
Es geht immer um Qualität. Es langt nicht, dass wir uns hier auf die Schulter klopfen. Wir müssen uns immer an der Qualität messen lassen und dürfen nicht in Selbstgefälligkeit erstarren.

Sie haben mehrfach den Titel der Oper des Jahres nach Frankfurt geholt, auch das Opernorchester ist ausgezeichnet worden. Wie wichtig sind diese Titel?
In dem einen wichtigen Magazin waren wir viermal Oper des Jahres, in dem anderen einmal. Ich selber nehme das nicht so ernst. Bei der letzten Umfrage haben gerade mal vier Stimmen die Kölner Oper zur Oper des Jahres gemacht. Trotzdem wurde der Intendant entlassen. Ich weiß genau, was ich machen müsste, um jedes Jahr Oper des Jahres zu werden. Wir können aber kein Theater für die herumreisenden Kritiker machen, um denen ein lustvolles Leben zu ermöglichen. Wenn es denen nicht gefällt, müssen wir damit leben.

Im Vergleich zur politischen Situation in Köln oder Berlin leben Sie doch hier auf einer Insel der Seligen.
Wenn Sie diese politische Konstruktion im Römer als Insel der Seligen bezeichnen, bewundere ich Ihren Optimismus. In Wahrheit ist das eine gefährliche Gemengelage. Dabei nicht Opportunist zu werden, ist eine Kunst. Ich muss mit der schwarz-grünen Koalition auskommen und mit dem SPD-Oberbürgermeister.

Sie müssen Herrn Feldmann mal davon überzeugen, dass er in die Oper kommt.
Ich werde ihn jetzt nicht weiter unter Druck setzen, das wird nur das Gegenteil bewirken. Irgendwann kriege ich ihn in die Oper. Vielleicht kleben wir ihm einen Bart an, damit er nicht erkannt wird.

Sind Sie ein glücklicher Mensch?
Wir haben hier etwas auf die Beine gestellt. Ich hatte auch schon vorher an der Oper in Brüssel eine wunderbare Zeit. In meinem Leben ist verdammt viel gut gelaufen. Dafür bin ich sehr dankbar. Zur Zeit schaut ganz Deutschland auf die Kulturstadt Frankfurt. Wir sind ein Modell. Wir dürfen diesen Standard jetzt nicht zurückfahren. Dafür kämpfe ich.

Das Interview führte Claus-Jürgen Göpfert

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