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Interview mit Siemens-Chef Peter Löscher: Klimaschutz fast zum Nulltarif

Peter Löscher, Siemens-Vorstandschef, spricht im FR-Interview über die CO2-neutrale Stadt, Erfolge beim Umweltschutz und langfristige Ziele  bei der Verminderung des Kohlendioxidausstoßes.

Siemens-Chef Peter Löscher
Siemens-Chef Peter Löscher
Foto: dpa

Herr Löscher, wann ist die erste große deutsche Stadt CO2-neutral?

Die weltweit erste CO2-freie Stadt Masdar-City in den Vereinigten Arabischen Emiraten ist schon im Planungsstadium - quasi auf der grünen Wiese - so angelegt worden. In Deutschland gibt es ausschließlich gewachsene Strukturen. Bis die erste Stadt hierzulande vollkommen CO2-neutral ist, wird es wohl noch lange dauern. Aber radikal herunterfahren können wir den Ausstoß schon in den nächsten Jahren. Die Stadt München zum Beispiel hat sich das Ziel gesetzt, die CO2-Emissionen bis 2030 im Vergleich zu 1990 um 50 Prozent zu senken. In einer Studie haben wir errechnet, dass bis zur Mitte Jahrhunderts eine Reduzierung um 90 Prozent möglich ist.

Wo liegen die Haupthindernisse auf dem Weg zu diesem Ziel?

Es sind Investitionen in effiziente, energiesparende Technik nötig und die sind zugegebenermaßen in Summe recht hoch. Aber sie zahlen sich durch die mit ihnen einhergehenden Energieeinsparungen wieder aus! Siemens hat das zum Geschäftsmodell gemacht. Wir ermitteln beispielsweise für eine Kommune Einsparpotenziale die sich durch eine gezielte Modernisierung der bestehenden Infrastruktur ergeben. Die zur Modernisierung notwendigen Mittel bringen wir in Form eines Finanzierungsangebots unserer Tochter Siemens Financial Services gleich mit. Die Bezahlung erfolgt dann in Raten aus den Mitteln, die durch die Energieeinsparungen freigesetzt werden. Diese Einsparungen können wir aufgrund der vorhergehenden Analyse unserer Energiesparkommissare vertraglich garantieren. Dadurch tragen die Kunden kaum ein wirtschaftliches Risiko. Das ist Klimaschutz quasi zum Nulltarif!

Energieerzeugung, Produktion, Verkehr, Bauen – in welchem Bereich haben wir den größten Nachholbedarf?

Vor allem in zwei Bereichen lässt sich mit heutiger Technik schon sehr viel machen. Zum einen bei der Energieeffizienz von Gebäuden und zum anderen bei der Energieerzeugung. 40 Prozent der weltweiten Energie wird in Gebäuden verbraucht. Bereits einfache Maßnahmen wie eine effektive Dämmung oder eine Strom sparende Beleuchtung können die Effizienz erheblich steigern. Nehmen Sie moderne LED-Lampen. Die brauchen 80 Prozent weniger Strom als eine herkömmliche Glühbirne. Bei der Energieerzeugung geht es natürlich um den verstärkten Einsatz erneuerbarer Energien wie Windkraft oder Solarstrom. Aber auch konventionelle Anlagen bieten viele Möglichkeiten. Im Mai dieses Jahres haben wir zum Beispiel in Irsching bei Ingolstadt ein modernes Gas- und Dampfturbinenkraftwerk in Betrieb genommen. An der Projektgesellschaft ist übrigens auch die Mainova AG aus dem Rhein-Main-Gebiet beteiligt. Die Anlage hat einen enorm hohen Wirkungsgrad. Würden weltweit alle Gaskraftwerke auf diesem Niveau arbeiten, ließen sich 320 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr einsparen. Um das zu kompensieren, bräuchten Sie eine Waldfläche von der Größe Finnlands!

Wann können wir uns überwiegend oder ausschließlich mit Energie aus erneuerbaren Quellen versorgen? Welche Prozentanteile werden wir für die jeweiligen Energiequellen haben?

Wir werden auch in den kommenden Jahren einen breiten Energiemix brauchen. Der Anteil der erneuerbaren Energien wird dabei aber stetig zunehmen. 2009 lag er vor allem aufgrund der Nutzung der Wasserkraft weltweit bei rund 19 Prozent. Die fossilen Energieträger, also Öl, Kohle und Gas, steuerten zwei Drittel bei. Wir rechnen damit, dass Wasser, Wind, Sonne und Biomasse bis 2030 immerhin auf einen Anteil von etwa einem Drittel kommen. Aber auch dann dürften die fossilen Energieträger noch etwas mehr als die Hälfte zur weltweiten Energieerzeugung beitragen.

Was muss die Industrie unternehmen, damit in der Produktion weniger CO2 erzeugt und die Herstellung von Gütern nachhaltig wird?

Wir müssen mit gutem Beispiel vorangehen und schauen, wo wir Energie, Wasser und Material sparen können. Siemens investiert bis Ende 2012 rund 100 Millionen Euro, um seine Werke grüner zu machen. Das Unternehmen prüft derzeit rund 300 seiner weltweit wichtigsten Standorte in puncto Umweltschutz und Energieverbrauch auf Herz und Nieren. Das Ziel: Eine Verbesserung der Energie- und CO2-Effizienz um 20 Prozent bis Ende 2011. Aber Nachhaltigkeit beginnt nicht erst an unseren Werkstoren. Auch bei unseren Zulieferern lassen sich deutliche Verbesserungen erreichen. Deshalb wollen wir diesen Check künftig auch unseren Lieferanten anbieten. Allein bei unseren 1000 wichtigsten Lieferanten lassen sich der CO2-Ausstoß pro Jahr um 1,5 Millionen Tonnen und die Energiekosten um etwa 170 Millionen Euro pro Jahr senken.

Welche Bedeutung hat Elektromobilität in Metropolregionen für Klimaneutralität und Nachhaltigkeit?

Elektromobilität ist die Zukunft! Sie ist unverzichtbar, wenn wir die Städte klimafreundlicher gestalten wollen – wobei wir natürlich auch darauf achten müssen, dass der Strom für die Autos aus erneuerbaren Energiequellen kommt. Hier lassen sich sogar zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Mit dem verstärkten Einsatz von Windkraftwerken schwankt die Strommenge. Um Spitzen in der Erzeugung besser ausgleichen zu können, arbeiten wir bei Siemens an Verfahren, um die Batterien von Elektroautos als Zwischenspeicher nutzen zu können. Die Energieversorgungsunternehmen hätten so einen gewissen Puffer für überschüssige Energie, und den Fahrzeugbesitzern stünde beim „Verleihen“ ihrer Batteriekapazität eine Geldeinnahmequelle zur Verfügung, die ihnen helfen könnte, die relativ teuren Batterien zu finanzieren.

Verliert Deutschland den Anschluss im internationalen Vergleich?

Deutschland kommt in dieser Hinsicht mittlerweile gut voran. Die Bundesregierung fördert derzeit in acht Modellregionen den Ausbau der Elektromobilität. In München ist Siemens beispielsweise an einem Pilotprojekt mit BMW und den Stadtwerken beteiligt. Siemens liefert die Technologie für eine neue Generation der Ladeinfrastruktur – auch für ein künftiges Schnellladen –, und die Stadtwerke stellen grünen Strom bereit. Bei vielen Komponenten der Elektromobilität ist Deutschland bereits Weltspitze: Wir bauen die effizientesten Kraftwerke, Systeme für eine verlustarme Stromübertragung über lange Strecken und sind auf der Automobilseite bei Elektromotoren und der Fahrzeugelektronik führend. Die größte Herausforderung liegt bei der Batterietechnik.

Lesen Sie auf der folgenden Seite, wann Häuser zu Kraftwerken werden.

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Datum:  11 | 10 | 2010
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