Herr Denkel, in die Diskussion über die Perspektiven von Frankfurt und Rhein-Main scheint Schwung gekommen zu sein. Was kann man mit der Bestandsaufnahme der Hertie-Stiftung zur Befindlichkeit der Menschen als Stadtplaner anfangen?
Es wäre für uns gut gewesen, diese Beschreibung des Ist-Zustandes für unsere Studie „Frankfurt für alle“ vor zwei Jahren bereits zu haben. Weil wir aber über dieses Material nicht verfügen konnten, haben wir uns auf Frankfurt konzentriert und unsere Schlüsse für konkrete Projekte gezogen: Die Sanierung der Heinrich-Lübke-Siedlung in Praunheim als von uns entworfenes Modell für eine energieeffiziente Sanierung einer 70er Jahre Siedlung startet demnächst.
Michael Denkel ist Stadtplaner
im Büro von Albert Speer und Partner in Sachsenhausen.
„Frankfurt für alle“ hieß die vor gut anderthalb Jahren erschienene Studie, für die Denkel mitverantwortlich zeichnet.
Was heißt das für den Umgang mit der Hertie-Studie?
Auch für die Hertie-Studie gilt: Man muss aus den Erkenntnissen Schlüsse ziehen. Grundsätzlich brauchen wir ein Konzept für die Region, nur scheut man gegenwärtig seitens der Verantwortlichen jede weitere konzeptionelle Arbeit, um auf breiter Basis Ideen zu sammeln.
Konkrete Problemfelder spielen in der Hertie-Studie keine Rolle. Leider gehen die Autoren auf Projekte nicht ein.
Dennoch sind die Informationen über Befindlichkeiten der Menschen für uns bedeutend. Das macht doch die Beteiligung der Bewohner der Lübke-Siedlung deutlich. Bei dem Sanierungsprojekt im Mainfeld läuft das noch nicht so gut. Dabei muss man allerdings auch klar sehen: Die Lübke-Siedlung hat mehr Potenzial, im Mainfeld ist es viel schwieriger, etwas zu machen. Denn die dortigen Punkthäuser bilden keine Räume, städtebaulich ist das aus heutiger Sicht weniger gelungen. Im Mainfeld kann nur etwas klappen, wenn sich die Kommunalpolitik an die Gestaltung des Mainufers traut, um damit wirklich ein neues Quartier schaffen zu können.
Da dürften die Kleingärtner und Angler vor sein.
Das mag sein, aber weder die Einen noch die Anderen sollten einer nötigen Entwicklung des Mainfelds zum Fluss hin im Wege stehen. Man kann über die Größe der Kleingärten nachdenken. Und auch die Frage stellen, ob diese Parzellierungen noch zeitgemäß sind. In New York nutzt man Brachflächen, um Gärten der Gemeinschaft zu schaffen, in denen man Gemüse anbaut. Das kommt bei den Bewohner ausgesprochen gut an. Ich plädiere damit nicht dafür: Kleingärten weg. Aber man sollte das Areal anders strukturieren. Ganz ähnlich wie es bei einer Einhausung der A661 möglich würde.
Mit der Überbauung der Autobahn drängt sich die Frage nach der Zukunft der Mobilität in der Stadt auf. Erkennen Sie Ansätze eines Umdenkens, um die Last des Autoverkehrs zu reduzieren?
Ich wäre nicht überrascht, wenn wir in den nächsten zehn Jahren eine Maut für Frankfurt kriegen. Man kann trefflich darüber streiten, ob das der Weisheit letzter Schluss ist. Aber das Spektrum der Möglichkeiten muss so weit gehen: Wir brauchen einen Paradigmenwechsel. Aus unserer Sicht soll es Autoverkehr in der Stadt geben, aber ruhiger und mit weniger Schadstoffen.
Also zuallererst mit Tempo 30?
Damit ist noch nicht viel für die Verringerung der Schadstoff-Emissionen getan, aber für die Reduktion des Lärms wäre viel gewonnen. Umweltdezernentin Manuela Rottmann sollte sich von Tempo 30 nicht abbringen lassen. Bei Lärm und Schadstoffen muss ganz schnell etwas passieren. Da sitzt uns im Übrigen auch die Europäische Union im Nacken.
Was muss denn quantitativ passieren?
Wir plädieren nicht grundsätzlich für die strikte Reduktion des Autoverkehrs. Da sollte es durchaus Freizügigkeit geben. Wir werben vielmehr dafür, das Tempo zu reduzieren und den ruhenden Verkehr zu verdrängen. Um den Rückzug der Städter nicht zu beschränken, hat man es möglich gemacht, dass überall Autos abgestellt werden. Damit aber verschenken wir den öffentlichen Raum. Die Autos muss man in Quartiersgaragen bringen, um heutige Parkflächen anders nutzen zu können. Dann bräuchte man wohl auch keine City-Maut.
Interview: Matthias Arning

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