Frau Klärle, kann sich eine Großstadt wie Frankfurt komplett mit erneuerbaren Energien versorgen?
Eine große Stadt wie Frankfurt hat es schwer, sich komplett mit erneuerbaren Energien zu versorgen. Grundsätzlich ist das möglich. Aber für eine Großstadt ist es ein Kraftakt und nur mit einem ausgewogenen Energie-Mix möglich. Dazu gehören auch Windenergie und Geothermie als Stromproduzenten durch Tiefenbohrungen in 1000 Meter Tiefe und mehr, sowie Pumpspeicherwerke, um auch dann Strom zu haben, wenn Wind und Sonne nicht ausreichend zur Verfügung stehen. Letztlich wird es möglich sein, Städte und große Regionen mit erneuerbaren Energien zu versorgen, wenn die ländlichen Räume Energielieferanten für die Städte werden. Ländliche Räume, die sehr viele Flächen für Solaranlagen, viele Standorte für Windkraftanlagen und viel Platz für Biomasse-Anlagen haben, können weit mehr als 100 Prozent des eigenen Bedarfs produzieren und dann eine Stadt wie Frankfurt mitversorgen.
Martina Klärle hat seit 2007 die Professur für Landmanagement im Studiengang Geoinformatik an der FH Frankfurt inne. Im Oktober 2009 wurde sie von der Europäischen Vereinigung für erneuerbare Energien mit dem Solarpreis ausgezeichnet.
Mit einem Mix aus verschiedenen erneuerbaren Energien können auch große Städte wie Frankfurt ohne fossile Brennstoffe auskommen, meint sie. (ft)
Ist das auch ein indirektes Plädoyer für Desertec, die Versorgung Deutschlands mit Solarstrom aus der Sahara?
Nein. Desertec ist grundsätzlich besser als eine Ölquelle, aber man macht sich mit Desertec wieder abhängig von einer Leitung. Man macht sich etwas vor, wenn man meint, das sei effizienter. Man hat, wenn der Solarstrom hier in Deutschland produziert wird, kaum Transportverluste. Mit der heutigen Leitungstechnik, verliert man bei Desertec zwischen 30 und 60 Prozent des Stromes. Das ist die Menge, die man dort mehr produzieren kann wegen der höheren globalen Strahlungswerte in der Wüste.
Worauf sollte Frankfurt bei erneuerbaren Energien setzen?
Wir haben gerade im Forschungsprojekt „Erneuerbar Komm!“ für alle 75 Kommunen des Planungsverbandes Frankfurt/Rhein-Main eine Potenzialanalyse erstellt, die es ermöglicht, alle Flächen, die für die unterschiedlichen Energieformen zur Verfügung stehen zu identifizieren. Anschließend wird dann berechnet, wie viel Potenzial eine Gemeinde besitzt. Die Kommune selbst kann dann festlegen, welchen Anteil sie davon mobilisieren kann. Bei einer Stadt, wie Frankfurt liegt das Potenzial vor allem in den vielen Dachflächen. Frankfurt hat wenig Außenbereichsfläche für Windenergie und Biomassenutzung. Eine Stadt wie Frankfurt kommt mit der reinen Solarenergie aber bei weitem nicht aus, es sei denn, sie würde riesig große Flächen mit Solarmodulen bestücken. Eine Kernstadt wird es mit klassischen erneuerbaren Energieformen nicht schaffen. Sie braucht dann entweder Tiefengeothermie oder eine entsprechende Kooperation mit dem Umland. Darauf setze ich. Es gibt so viele kleinere Kommunen, die sehr viel mehr Flächen haben, auf denen sie Energie produzieren können, die aber selbst nicht so viel Energie brauchen. Wenn es zu einem intelligenten Stromausgleich kommt, das gilt übrigens auch für die Wärme, dann wird es möglich sein, große Regionen, wie Frankfurt/Rhein-Main, zu 100 Prozent mit erneuerbaren Energien zu versorgen.
Müssen wir auch bei der Energieversorgung stärker regional denken?
Ja, auch das hat das Forschungsprojekt „Erneuerbar Komm!“ gezeigt. Die Region kann sich unterm Strich sehr gut mit erneuerbaren Energien versorgen. Aber Frankfurt selbst, kann das ohne großen finanziellen Kraftakt nicht schaffen. Im Verbund mit den umliegenden, kleineren Kommunen würde das gehen.
Fraport wird Geothermie nutzen. Ist diese Form der Energiegewinnung auch für eine Stadt wie Frankfurt interessant?
Es gibt zwei Arten von Geothermie. Das eine ist die oberflächennahe Geothermie zur Wärmeversorgung, bei der die Bohrungen bis zu 100 Meter tief gehen. Dann gibt es Geothermie für die Erzeugung von Strom, bei der die Bohrungen bis zu 5000 Meter tief gehen. Diese sind im Moment sehr kostenintensiv, da muss sehr viel mehr Forschungs- und Entwicklungsarbeit geleistet werden, damit sich das rechnet. Das Potenzial von Geothermie ist aber sehr groß. Fraport nutzt es hauptsächlich zur Versorgung der eigenen Gebäude mit Wärme.
Welche Rolle kann die Windenergie spielen?
Hessen allgemein, insbesondere die Region um Frankfurt, nutzt die Windenergie kaum. Andere Bundesländer, wie Rheinland-Pfalz, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern decken zwischen 20 und 30 Prozent ihres Strombedarfs mit Windenergie. In Hessen sind wir bei etwa drei Prozent, in Baden-Württemberg und Bayern ist es ähnlich. Es ist offensichtlich, warum diese Länder bei gleichem Windvorkommen viel weniger Windenergie produzieren – man könnte es auch durch die Farbe der Landesregierung darstellen.
Wo geht der Pfad entlang, der uns in eine Zukunft führt, in der Großstädte nur mit erneuerbaren Energien versorgt werden?
Wesentlich ist, dass wir die Energieversorgung nicht auf die jetzigen Energiebetreibernetze reduzieren dürfen. Das heißt, wir haben hier den Energieversorger XY. Der hat sein Netz und bestückt die angeschlossenen Haushalte. Er ist abhängig davon, was er am Markt an Strom bekommt. Wichtig ist, dass sich die Netze, etwa in Süddeutschland und Norddeutschland, ausgleichen. Manchmal wird der Wind aus den Anlagen in Norddeutschland zu Abfall, weil die Grundlast der Kern- und Kohlekraftwerke abgenommen werden muss. Dann kommt eine Wind- oder Solarspitze, die nirgends abgenommen wird. Wir brauchen leistungsstarke Stromverteilungsnetze, so dass der Strom, der in Norddeutschland durch Windpeaks übrig ist, in Süddeutschland genutzt werden kann. Und umgekehrt ein Solarpeak, der in Süddeutschland entsteht, in Norddeutschland abgenommen werden kann. So funktionieren unsere Netze im Moment aber noch nicht. Die Netze müssen synchronisiert werden, um einen Ausgleich schaffen zu können. Man spricht hier von „Virtuellen Kraftwerken“.
Was ist darüber hinaus wichtig?
Wir brauchen einen intelligenten Strommix. Wir müssen genau wissen, wann gibt es Wind, wann Sonne. Wir haben den Deutschen Wetterdienst vor der Tür. Dieser hat exzellente Wetterprognosen, die im Minuten-Takt sehr verlässlich voraussagen, wann habe ich wie viele Wind-, wann wie viele Sonnenstunden. Diese Informationen können dann vorausschauend in die Virtuellen Kraftwerke eingepflegt werden. Das intelligente Netz würde dann sagen: “Hallo Biogasanlage und Wasserkraftwerk, hört mal auf, Strom zu produzieren, weil jetzt gleich ziemlich viel Strom aus Wind kommt. Wenn das funktioniert, wenn nicht nur ein Ausgleich zwischen den Regionen stattfindet, sondern auch zwischen den unterschiedlichen Energieformen, dann werden sich Bedarf und Verfügbarkeit angleichen.
Gibt es einen weiteren Punkt?
Ja, man muss erneuerbare Energien auch unterstützen wollen. Wir haben in Deutschland gleiche Gesetze, was die Standorte von Windkraftanlagen betrifft. Wir haben innerhalb Deutschlands aber sehr unterschiedliche Erfolge bei der Mobilisierung dieser Potenziale.
Wo kann Frankfurt in zehn oder 20 Jahren stehen?
Das technisch mobilisierbare Potenzial, das heißt die Technik und die Flächen, ist da. Wenn man die Flächen bestücken wollte, könnte man – unabhängig von den Kosten – die notwendigen Netze schaffen. Diese Netze müssen entwickelt werden, das geht nicht von heute auf morgen. Selbst wenn man alle möglichen Flächen und Anlagen zur Verfügung hätte – die Netze würden es nicht innerhalb eines Jahres schaffen auf Dezentralität umzuschalten. Wenn man an der Dezentralisierung der Netze arbeitet, die zur Verfügung stehenden Flächen nutzt und Investoren für die Anlagen zulässt – da gibt es genügend am Markt – könnte man in zehn bis 30 Jahren auf 100 Prozent erneuerbare Energie kommen.
Also gibt es eine nahe Zukunft, in der die Energie ausschließlich von erneuerbaren Energien kommt?
Für mich ist das keine Frage. Wir haben die Flächen identifiziert, wir wissen, wie groß die Flächen sind. Es ist nur die Frage, wie viel wir wollen. Wollen wir drei oder fünf Prozent unserer Freiflächen mit Solarparks bestücken? Wollen wir statt 400 lieber 5000 Windkraftanlagen haben? Wollen wir unsere Wehre zu energieproduzierenden Staueinrichtungen ausbauen? Wollen wir Geothermie voranbringen und Tiefenbohrungen zur Stromproduktion forcieren? Das heißt auch Geld in die Hand nehmen, wie wir es bei Kohle und Atom auch gemacht haben. Wollen wir den Bürgern weiterhin die Kosten für die erneuerbaren Energien auf die Stromrechnung packen und die Kosten für Kohle und Atom nicht?
Interview: Jürgen Schultheis

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