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23. November 2012

Israeli in Frankfurt: Immer dazwischen

 Von Antonia Yamin
In Deutschland ist Oren Halvani halb zu Hause. Foto: Christoph Boeckheler

Oren Halvani hat ein bewegtes Leben zwischen Frankfurts Graffiti-Szene, einer Schulzeit im Norden Israels und einem Studium in Darmstadt hinter sich. Das ist Vergangenheit, aber manchmal blickt Halvani sehnsüchtig zurück zu dieser wilden zeit.

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Wie viele Israelis in Frankfurt wohnen, lässt sich nicht genau sagen. Claudia Korenke von der Deutsch-Israelischen Gesellschaft hat immer wieder die Zahl 500 gehört, belegbar sei das aber nicht. Viele von ihnen leben aus beruflichen Gründen in der Stadt am Main. Doch einer hat eine ganz besondere Geschichte zu erzählen. Oren Halvani wurde in Israel geboren, aber die meiste Zeit seines bewegten Lebens lebte er hier.

Geboren wurde Halvani, der heute 34 Jahre alt ist, in Jerusalem. Als er sechs Jahre alt war, ließen seine Eltern sich scheiden, und seine Mutter heiratete einen jüdisch-russischen Augenarzt. Plötzlich findet Halvani sich in Eschersheim wieder. „Ich hatte eine sehr harte Zeit am Anfang“, erzählt er. „Ich verstand die deutsche Mentalität nicht. Alles war so anders als in Israel: das Essen, die Leute, die Sprache, das Wetter. Es hat Zeit gebraucht, bis ich mich zurechtfand.“

Frankfurter Graffiti-Szene

Schritt für Schritt lernt Halvani, wie man sich anpasst. Er macht seinen Realschulabschluss und eine Ausbildung als Fachinformatiker, aber er hat Probleme mit seiner Mutter. Die Beziehung verschlechtert sich so sehr, dass Halvani mit 18 Jahren für acht Monate von zu Hause ausreißt.

Zu dieser Zeit wird Halvani Teil der bunten, gefährlichen Graffiti-Szene. „Die Frankfurter Graffiti-Welt hat mich tief in sich aufgesogen“, sagt er. „Das nächtliche Sprayen, die wilden Hip-Hop-Partys und seltsame Gestalten bestimmten einige Jahre mein Leben.“ Die Szene habe ihm das Gefühl von Identität gegeben. „Untereinander sind die Graffiti-Maler eine eingeschworene Familie.“

Diese Phase im Leben von Halvani endet, als die Polizei bei ihm eine Hausdurchsuchung macht und er vor Gericht landet. Nur dank eines guten Anwalts kommt Halvani mit einer Geldstrafe und einer Lektion fürs Leben davon.

Alles verloren

In diesen Jahren entscheidet Halvani, mit seiner damaligen Freundin eine Familie zu gründen. Aber es kommt anders: Im Januar 2003, auf dem Weg zum Krankenhaus, um seinen neugeborenen Sohn zu besuchen, überschlägt sich Halvanis Wagen auf der A45.

Drei Wochen später beschließt seine Freundin, ihn zu verlassen. Er verliert alles, was ihm wichtig ist: seine Familie, die gemeinsame Wohnung, die Arbeit und seine Kunst. Halvani erkennt, dass er dringend eine Veränderung in seinem Leben braucht. Aber wie gelingt mit 26 Jahren eine 180-Grad-Wende?

Ein israelischer Freund rät Halvani, in Israel sein Abitur nachzumachen. „Zurück nach Israel zu ziehen, war schon lange ein unerfüllter Traum von mir“, erzählt Halvani. „Und da ich sowieso alles verloren hatte, dachte ich mir, dass es eigentlich gar keine schlechte Idee war.“ Er packt seine Sachen und zieht nach Karmiel, ein kleiner Ort im Norden Israels – und schafft in kurzer Zeit sein Abitur.

Auf nach Halb-Zuhause

Doch wieder gerät er in eine heikle Situation: Mit dem Ausbruch des Libanonkriegs 2006 gehen Raketen der Hisbollah in Karmiel nieder. „Es war beängstigend“, erzählt Halvani. „Am Tag meiner letzten Prüfung brach der Krieg aus, und Dutzende von Raketen schlugen ein.“ Drei Wochen lang muss er in einem Luftschutzkeller ausharren, bis sich die Lage entspannt. Als er wieder herauskommt, sieht Halvani, dass seine Schule komplett zerstört wurde.

Nach diesem traumatischen Erlebnis entscheidet sich Halvani, nach Hause zu fliegen, „Halb-Zuhause“, wie er Deutschland nennt. An der Technischen Universität Darmstadt macht er seinen Master in Informatik mit Nebenfach Linguistik. Heute arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Fraunhofer-Institut für Sichere Informationstechnologie – und promoviert nebenher.

„Jetzt bin ich endlich angekommen’“, sagt Halvani. „Ich verdiene Geld, habe eine neue Freundin und bekomme bald mein zweites Kind – eine Tochter.“ Nur manchmal, sagt er, blicke er noch mit einem weinenden Auge zurück auf jene Tage, als er Frankfurts Straßen unsicher machte. „Aber mir ist klar, dass dieser Lebensabschnitt hinter mir liegt. Die damalige Zeit hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin. Aber was war, wird nie wieder so sein.“

Als Stipendiatin der Herbert-Quandt-Stiftung war Antonia Yamin drei Monate Praktikantin in der Lokalredaktion der Frankfurter Rundschau.

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