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19. Februar 2013

IvI Institut für vergleichende Irrelevanz: Räumung wider Willen

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IVI-Besetzer demonstrieren am Abend des 18. Februar. Foto: Andreas Arnold

Während die Zukunft des autonomen "Instituts für vergleichende Irrelevanz" im Frankfurter Westend weiter ungewiss ist, wird das just besetzte Sigmund-Freud-Institut am Abend des 18. Februar schon wieder geräumt. Der Direktor beruft sich auf eine Entscheidung des Landes.

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Am frühen Montagabend stehen etwa 80 frustrierte junge Leute vor dem Sigmund-Freud-Institut in der Myliusstraße. Soeben wurden sie vom Geschäftsführenden Direktor des Instituts, dem Sozialpsychologen Rolf Haubl, aufgefordert, das besetzte Haus unverzüglich zu räumen. Die Polizei ist in den Seitenstraßen aufgefahren, die Besetzer beugen sich dem Druck. Studierende und Aktivisten tragen das übliche Hausbesetzer-Equipment selbst aus dem Gebäude: Megafone, Kabeltrommeln, Stühle, Transparente. „Das tut weh“, sagt einer.

Seit Samstag war das Sigmund-Freud-Institut (SFI) besetzt gewesen. Studierende und Aktivisten aus dem Umfeld des Instituts für vergleichende Irrelevanz (IvI) waren in das wegen Umbaus geschlossene Haus gezogen, nachdem am Freitag das Räumungsurteil gegen das seit zehn Jahren besetzte IvI verkündet worden war. Die Mitglieder des „Aktionsbündnisses 15. Februar“ waren umsichtig und höflich aufgetreten, hatten betont, das Gebäude verantwortlich nutzen und nichts kaputt machen zu wollen. „Es gab hier keine Sachbeschädigung“, betont eine Aktivistin aus der Gruppe.

Versuch der Gegen-Uni

In kurzer Zeit hatten die Besetzer ein umfangreiches Vortragsprogramm zusammengestellt, sie wollten aus dem SFI eine autonome Gegen-Uni machen. Mit Rolf Haubl, der als Direktor des SFI das Hausrecht innehat, hatte man sich auf eine Zwischennutzung bis mindestens Samstag geeinigt. Neben der Solidarität mit dem IvI ging es den Besetzern darum, auf die aus ihrer Sicht stattfindende Verdrängung gesellschaftskritischer Psychologie und Psychoanalyse aus den Seminaren der Uni Frankfurt hinzuweisen.

Doch jetzt ist plötzlich schon am Montagabend Schluss. Entsprechend düster blickt Rolf Haubl drein, während die Aktivisten das Haus räumen. Er sei nicht glücklich über das, was hier passiere, sagt er. „Aber wir sind eben nicht die Eigentümer des Hauses. Das Land – vermutlich der Innenminister – ist unserer Einschätzung nicht gefolgt, dass es sich um eine friedliche Zwischennutzung handelt.“ Er sei mit der Besetzung des Hauses einverstanden gewesen, sagt Haubl, zumal die Studierenden friedlich und vernünftig gewesen seien und selbstverantwortlich Themen studieren wollten, die sowieso im SFI diskutiert würden. „Studierende, die so etwas probieren, würde ich zu denen zählen, die interessegeleitet studieren“, sagt Haubl.

Ersatz im Jügelhaus

Deshalb habe er den Besetzern jetzt auch Ersatzräume im Jügelhaus angeboten, wo das SFI derzeit untergebracht ist. Er könne das Interesse der Studierenden verstehen, „eigene Räume zu haben, in denen man autonom lehren und lernen kann“, so Haubl. Seiner Beobachtung nach gäbe es solche Räume in der Stadt und an der Universität immer seltener.

Für die frustrierten Besetzer und ihre Sympathisanten ist unterdessen völlig klar, dass der hessische Innenminister Boris Rhein (CDU) hinter der plötzlichen Räumung steht. „Das SFI wird unter Druck gesetzt, die Räumung durchzusetzen, obwohl die mit uns kooperieren wollten“, sagt Tom David vom „Arbeitskreis Kritische Psychologie“, der noch am Nachmittag einen Vortrag im SFI gehalten hatte – zur Aktualität der Kritischen Psychologie.

Asta-Vorstand David Malcharczyk, der am Vormittag eine Pressekonferenz im besetzten SFI moderiert hat, findet noch deutlichere Worte. „Wir sind absolut geschockt“, sagt er. Das Innenministerium habe die Leitung des SFI offenbar erpresst und reagiere wie üblich mit Hysterie, „wann immer in Frankfurt etwas in Bewegung ist und Impulse jenseits des Primats der Ökonomie gesetzt werden“. Vermutlich sei man im Innenministerium schon beunruhigt, weil nach einer eventuellen IvI-Räumung wütende Proteste folgen könnten. „Da ist das letzte Wort aber sicherlich noch nicht gesprochen“, sagt Malcharczyk.

Ein Sprecher des Innenministeriums betont dagegen am Montagabend im Gespräch mit der FR, man habe das SFI keinesfalls aufgefordert, das Gebäude räumen zu lassen. Das Hausrecht liege beim Direktorium des Instituts.

45 Minuten Wut

Um ihrer Wut Ausdruck zu verleihen, ziehen die Aktivisten unterdessen mit einem kleinen Demonstrationszug in Richtung Campus Bockenheim. Auf der Bockenheimer Landstraße staut sich der Verkehr, Polizisten auf Motorrädern halten Busse an, um der Spontandemo Platz zu schaffen. Die Demonstranten skandieren Parolen wie „Kein Tag ohne autonomes Zentrum“ und „Nehmt ihr uns das IvI ab, besetzen wir die ganze Stadt.“ Nach etwa 45 Minuten zerstreut sich die Gruppe.

Elena Ebel vom Aktionsbündnis 15. Februar ist immer noch wütend über die Räumung. „Ich find’s unverschämt“, sagt sie. „Da waren wir schon Schmusekätzchen-Hausbesetzer und dann macht das Land alles kaputt.“ Sie habe darauf vertraut, dass die Abmachungen mit dem SFI gültig seien. Man wisse noch nicht, wie es jetzt weitergehe, sagt Ebel. Sie freue sich, dass es die Möglichkeit gebe, die geplanten Veranstaltungen ins Jügelhaus zu verlegen. „Aber eigentlich wollten wir ja auch zeigen, wie viel Leerstand es in Frankfurt gibt.“

Die Besetzung des Sigmund-Freud-Instituts bleibt damit eine kurze Episode. Vormittags hatten die Besetzer noch in einer Pressekonferenz erklärt, sich um eine gesellschaftskritische Psychologie bemühen zu wollen, die an der Goethe-Uni kaum noch gelehrt würde. Sie hatten begonnen, sich einzurichten. Und auch eine neue Institution ist schon wieder Geschichte: Einen kleinen Raum hatten die Besetzer „Rolf-Haubl-Lounge“ getauft.

Weitere Informationen und das Programm finden sich auf aktion152.blogsport.de

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