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03. September 2014

Jesiden: Der Terror ist ganz nah

 Von 
Mitglieder der jesidischen Gemeinde protestierten gegen das brutale Vorgehen des "Islamischen Staates" (IS) am 14. August 2014 in Frankfurt.  Foto: Andreas Arnold

Der IS-Terror im Irak verändert auch den Alltag deutscher Jesiden. Um der Hilflosigkeit der Jesiden im Irak entgegenzuwirken, demonstriert die junge Generation gegen die IS-Gewalt.

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Am Wochenende nach seinen letzten Klausuren wollte Kemal eigentlich ausschlafen und sich dann in Ruhe überlegen, wie er die Semesterferien verbringen möchte. Doch nur Stunden, nachdem sich der Frankfurter Student schlafen legte klingelte sein Telefon immer wieder: verpasste Anrufe aus dem Irak und aus den USA. Mit einer Hiobsbotschaft wurde der junge Jeside am 3. August aus dem Schlaf und aus seinem Alltag gerissen.

Kämpfer der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS) hatten in der Nacht sein Heimatdorf Khanasor im Nordirakischen Sindschar überfallen, wie er von seinem Bruder aus Kalifornien erfuhr. Auch aus der Jesidischen Gemeinde Frankfurt-Offenbach waren wenig später Berichte über Gräueltaten in der Region zu hören. In weniger als zwei Stunden seien mehrere Menschen, vor allem Männer und Jungen, ermordet und das Dorf verwüstet worden.

„Wer kein Auto hatte, alt oder gebrechlich war, hatte keine Chance dem IS zu entkommen“, sagt Amer Ali, Aktivist der Jesidischen Gemeinde Frankfurt-Offenbach. Demnach seien Männer, die nicht zum Islam übertreten wollten vor den Augen ihrer Familien hingerichtet und Frauen mit ihren Kindern verschleppt worden, „Wir wissen bis heute nicht, wer überlebt hat und eventuell in Gefangenschaft ist“, sagt Ali.

Menschenleben hätten gerettet werden können

Unter den Bewohnern des jesidischen Dorfes Khanasor in Sindschar war auch Kemals jüngere Schwester, die als einzige aus seiner Familie vor Jahren nicht aus dem Irak ausgewandert ist. Durch einen Zufall habe sie rechtzeitig von dem IS-Sturm erfahren, berichtet Kemal. Der Student ist – wie viele weitere Mitglieder der jesidischen Gemeinde – der Meinung, dass die kurdischen Peshmerga die Dorfbewohner schon früher hätten warnen und „Menschenleben hätten retten können“, sagt Kemal entschlossen.

Kritisch sehen die Mitglieder der Jesidischen Gemeinde derzeit die geplanten Waffenlieferungen an die kurdischen Peschmerga-Milizen. In einem offenen Brief an das Kanzleramt haben mehrere jesidische Vereine gemeinsam mit dem Zentralrat der Jesiden an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) appelliert, Waffenlieferungen an Bedingungen zu knüpfen. „Wenn sich die Peschmerga nicht verpflichten, mit den Waffen die im Irak lebenden Minderheiten zu schützen, wird die Aktion mehr schaden als dass sie hilft“, befürchtet Kemal.

Doch auch die Flucht seiner Schwester hat der 27-Jährige als „sehr belastend“ erlebt. „Es war ein lähmendes Gefühl als ich mit ihr sprach“, sagt Kemal. Mit ihrem kleinen Kind und ihrem Mann konnte Kemals Schwester zunächst auf einem Lastwagen vor den IS-Kämpfern fliehen. Am Telefon berichtete sie, wie sie sich mit vielen weiteren Menschen in den Bergen von Sindschar versteckt gehalten habe und lange Zeit ohne Wasser und Nahrung auskommen musste. „Ich habe mich noch nie so hilflos gefühlt. So etwas lässt einem keine Ruhe. Man hat keinen normalen Alltag mehr.“ Um aus der Ferne etwas auf die humanitäre Lage der jesidischen Flüchtlinge aufmerksam zu machen, protestiert Kemal. Erst letztes Wochenende fuhr er nach Berlin. Täglich telefoniert er mit Freunden und Bekannten und Hilfsorganisationen im Irak. „Inzwischen ist meine Telefonrechnung dreistellig geworden. Aber ich muss etwas tun, wenn ich schon nicht vor Ort sein kann“, sagt er.

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Kemals Schwester war eine von rund 20 000 Jesiden, die nach Luftschlägen des US-Militärs Mitte August über einen Korridor aus dem Sindschar-Gebirge fliehen konnten. Inzwischen halte sie sich wie viele der geflüchteten Jesiden in Zakho, nahe der türkischen Grenze auf.

„Von den rund 600 000 irakischen Jesiden, die bis vor Kurzem in den Hauptsiedlungsgebieten Sindschar und Schaichan lebten seien die meisten in den Norden geflohen“, sagt Amer Ali. Eine halbe Million Jesiden soll in den Regionen um Zakho und Dohok im Norden Iraks derzeit auf der Flucht sein, wie Ali aus kurdischen Medien erfahren hat.

„Ich stelle es mir unmöglich vor, dass wir Jesiden jemals an diesem Ort zurückkehren, an dem wir so viel Leid erfahren haben. Alles ist zerstört und auf den Straßen liegen womöglich noch die Leichen der Dorfbewohner“, sagt Kemal.  Mit 22 Jahren wanderte der Jeside aus, um ein sozialwissenschaftliches Studium  in Deutschland zu beginnen und in einem „freien Land zu leben“, wie er sagt. Kemal hat früh beschlossen, dass seine Zukunft nicht im Irak liegen werde. „Als Jesiden wurden wir bevor es den IS gab  diskriminiert. Wie kann ich da eine Bindung zu diesem Land aufbauen?

In Deutschland fühlt er sich sicher, wie er sagt. Dennoch wollte er nicht mit echtem Namen genannt werden. Vorsichtig ist auch Amer Ali. Meine Frau hat den Kindern bereits gesagt, in der Schule lieber nicht zu sagen, dass sie Jesiden sind.

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