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10. Februar 2016

Juden in Deutschland: Bewegende Porträts von Jüdinnen

 Von 
Rafael Herlich porträtierte 50 jüdische Frauen in Deutschland.  Foto: Andreas Arnold

Der Fotograf Rafael Herlich, einer der wichtigsten Chronisten jüdischen Lebens in Deutschland, zeigt eine neue Ausstellung in Frankfurt. „Nashim“, hebräisch für „Frauen“, zeigt bewegende Porträts von 50 jüdischen Frauen - in Wort und Bild.

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Es ist sehr ruhig in der Lobby des großen Hotels. Um die Mittagszeit verlieren sich hier nur wenige Gäste. Ein Regenschleier lässt den Asphalt vor dem Eingang glänzen. Sturmböen rütteln an der Verankerung verbeulter Reklametafeln. Rafael Herlich liebt die Atmosphäre des Hauses, er kommt öfter hierher, um einen Kaffee zu trinken. Früher hat der 61-Jährige für das Management auch Fotoaufträge übernommen. Der Fotograf ist seit Jahrzehnten einer der wichtigsten Chronisten jüdischen Lebens in Deutschland – doch das reicht nicht als Brotberuf.

Vom 16. Februar an präsentiert er Fotografien aus seinem jüngsten Buch in einer großen Ausstellung im Haus am Dom in Frankfurt. „Nashim“, hebräisch für „Frauen“, versammelt 50 Biografien jüdischer Frauen in Deutschland, in Bildern und Worten. Entstanden sind bewegende Porträts, von sehr alten Überlebenden des Holocaust bis hin zu Mädchen, die an der Schwelle des Erwachsenenlebens stehen. Ein kämpferischer, geradezu trotziger Ton durchzieht die Texte, aber auch von seelischen Wunden ist die Rede, die sich niemals schließen werden. Bekannte Namen finden sich hier, wie Esther Bejarano, Akkordeonspielerin im Mädchenorchester von Auschwitz, oder die Frankfurterin Trude Simonsohn – aber auch viele Nicht-Prominente, denen Herlich ein Gesicht gibt.

Zur Person

Rafael Herlich wurde am 18. Februar 1954 in Tel Aviv in Israel geboren. Sein Vater, ein Holocaust-Überlebender, verließ bald darauf die Familie.

Im Alter von 18 Jahren kam Herlich nach Frankfurt, um wieder Kontakt mit dem Vater aufzunehmen, der nach Deutschland gegangen war.

Beim Fotografen Harald Joppen in Frankfurt absolvierte er eine Lehre und machte sich dann selbstständig.

Bald begann er, die Geschichte seiner Familie künstlerisch aufzuarbeiten, von der zahlreiche Angehörige in Konzentrationslagern ermordet worden waren.

Seine Fotografien waren in Ausstellungen etwa im Jüdischen Museum in Frankfurt oder im Hessischen Landtag in Wiesbaden zu sehen. Am 16. Februar wird im Haus am Dom in Frankfurt, Domplatz 3, die neue Ausstellung „Nashim“ (Frauen) eröffnet. jg

„Ich möchte starke Juden zeigen, selbstbewusste Juden“, sagt der Mann, der in Tel Aviv geboren wurde, „im Zentrum“, wie er stolz sagt. Und er fügt hinzu: „Ich versuche, durch meine Arbeit meine eigenen Erfahrungen zu bewältigen.“ Seit 40 Jahren wohnt und arbeitet er in Frankfurt, das ihm längst zur Heimat geworden ist. Aber er ist der Sohn eines Holocaust-Überlebenden – und teilt Traumata mit vielen in seiner Generation.

Als Rafael ganz jung war in Israel, verschwand sein Vater, tauchte ab in Deutschland. „Er hat mich verlassen, als ich ein Baby war.“ Die kranke Mutter vertraute das Kind zunächst den Großeltern an, auch Onkel kümmerten sich um den Heranwachsenden. „Ich war ein Einzelgänger, ich lernte zu überleben.“

Unbekannter Vater

18 Jahre lang blieb der Vater ein ferner Unbekannter. Dann kam ein Anruf aus Deutschland. „Mein Vater sagte, ich solle kommen, ich sei jetzt alt genug, um alles zu verstehen.“ Die beiden trafen sich in Deutschland, „doch mein Vater hat nicht viel erzählt“.

Wie viele andere Überlebende des Holocaust konnte er nicht sprechen über das Grauen, das ihn für immer gezeichnet und entwurzelt hatte. Erst später erfuhr der Sohn durch eine Cousine in Tel Aviv, was genau geschehen war. Sein Vater hatte im Konzentrationslager mitansehen müssen, wie seine Ehefrau und sein Baby erschossen wurden. Auch die Großeltern wurden im KZ ermordet.

Der Sohn blieb in Deutschland. Seine Leidenschaft wurde die Fotografie. Durch Zufall hatte er noch in Israel zum ersten Mal eine Kamera in der Hand gehalten. Der Bruder eines Freundes war Fotograf: „Ich war oft bei ihm im Studio.“ Herlich begriff: „Ich konnte die Kamera benutzen wie ein Mikrofon.“

In Frankfurt ging er bei dem Fotografen Harald Joppen in die Lehre. „Das war meine beste Schule, ich habe sehr viel von ihm gelernt“, sagt er.

Der Fotograf Herlich aber begann, nach den Spuren seiner Familie zu suchen, nach den Überlebenden und Toten des Holocaust. Er wollte verstehen, was geschehen war. In Polen besuchte er die Orte der Konzentrationslager, in denen sein Vater gequält worden war. Und er verstand. „Ich habe ihm verziehen.“ Mehr noch: „Ich bewundere ihn, er war ein ganz besonderer Mensch.“

Die Ausstellung „Nashim“: Anne Külow, Bundeswehr-Soldatin.  Foto: Rafael Herlich

Der Sohn fragt sich heute, „wie mein Vater damals weiterleben konnte“. Er ist verwundert darüber, „dass er nicht den Verstand verloren hat“. Ihm ist klar: „Durch das, was er erlebt hatte, konnte er keine Gefühle zeigen.“

Zwischen dem Frühjahr 2011 und dem Herbst 2014 unternahm der Fotograf drei ausgedehnte Reisen durch Polen. Er dokumentierte das wieder erwachte jüdische Leben in diesem Land heute, aber auch die Relikte der nationalsozialistischen Vernichtungslager. Eindrückliche Bilder: junge Juden mit der israelischen Fahne in Treblinka, ins Gebet vertieft vor dem Krematorium von Majdanek. In dem Buch „Sehnsucht“ sind die Dokumente dieser Reisen zu finden, vorangestellt die schwarz-weißen Fotografien seiner getöteten Großeltern Channa und Rafael.

Der Enkel aber zeigt sich entschlossen, auch nach vorne zu blicken und nicht nur zurück. Viele Nachfahren der Holocaust-Generation weigerten sich, Deutschland, das Land der Mörder, zu betreten. Nicht so Herlich. „Für mich ist Deutschland heute nicht das Land der Mörder.“ Schon 1982 hat er in Frankfurt geheiratet und mit seiner Partnerin drei Kinder großgezogen. „Ich werde hierbleiben, ich denke nicht daran, wegzugehen.“

Auch jetzt nicht, da Antisemitismus und Rassismus in Deutschland wieder erschreckend erstarken. Und im Nachbarland Frankreich schon Tausende von jüdischen Familien nach Israel auswandern.
Der Fotograf will sich nicht vertreiben lassen.

„Der neue Antisemitismus ist furchtbar“, sagt er. Der Jude vermisst einen breiten Widerstand im Land: „Ich hätte erwartet, dass viel mehr Menschen aufstehen und sagen: Es reicht!“ Das „wäre ein Zeichen“.

Herlich setzt die Kaffetasse ab. Wir haben uns zum Gespräch in eine stille Ecke zurückgezogen. „Mir ist wichtig: Ich bekam Respekt vor den Menschen in Deutschland – und ich bekomme Respekt.“ Das ist für ihn entscheidend. Langsam füllt sich unten das Hotel-Foyer mit Menschen, Koffer werden hereingeschleppt.

„Weiterleben – Weitergeben“

Die Bücher des Fotografen trugen stets programmatische Titel. 2009 erschien: „Weiterleben – Weitergeben“. In seiner jüngsten Arbeit schlägt der Autor den Bogen zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Dem Betrachter begegnet Trude Simonsohn, die alte Holocaust-Überlebende. Sie hält auf der Fotografie den Stern aus Stoff mit der Aufschrift „Jude“, den sie als junge Frau tragen musste. Da ist Anna Külow, die junge Bundeswehr-Soldatin im Rang eines Hauptmanns. Für sie waren die Verbrechen des NS-Regimes „ein Antrieb“, zur Bundeswehr zu gehen.
Der Fotograf bleibt Optimist. Trotz der widrigen Zeitläufte. „Ich suche das Leben“: Das könnte das Motto sein für seine Arbeit. Er erzählt aus seinem Leben und von dem Schicksal seiner Familie. „in den Schulen von Berlin bis Bodensee“.

Leah Frey-Rabine, Kantorin in Frankfurt.  Foto: Rafael Herlich

Er wirbt bei den jungen Menschen im Unterricht für das jüdische Leben und die jüdische Kultur. Mit durchweg positiven Erfahrungen – und einigen bösen Ausnahmen. Einmal saß ein junger Mann im Publikum, „der ahmte das Geräusch von ausströmendem Gas nach“.
Dass sich gerade Herlich so sehr für seinen Glauben stark macht, sieht er nicht ohne Selbstironie. „Ich bin tatsächlich gar nicht so fromm.“ Er würde zum Beispiel nicht auf die Idee kommen, alltäglich und in der Öffentlichkeit die Kippa zu tragen, die Kopfbedeckung männlicher Juden, wie er sagt. „Das tue ich nur in der Synagoge.“ Die er tatsächlich regelmäßig aufsucht. Aber er ist kein Orthodoxer.

Die Hoffnung des Künstlers bleibt noch immer, dass die übergroße Mehrheit der Menschen in Deutschland sich nicht anstecken lässt von dumpfen Parolen. „Ich erwarte, dass alle aufstehen gegen den Antisemitismus.“

Herlich spricht sehr eindringlich, nicht laut, aber rasch. Immer wieder wird er von seinen Gefühlen überwältigt, kommt ins Stocken, setzt neu an.

Im Jahr 2000 starb sein Vater. Erst danach erfuhr sein Sohn, dass er einen Halbbruder hat in Deutschland. Ein Kind seines Vaters aus einer späteren Beziehung. Er fuhr nach Essen. „Da stand ein junger Mann vor mir, zehn Jahre jünger als ich.“ Die beiden stellten fest: Auch der jüngere Bruder wusste wenig über seinen Vater.

Und er wusste wenig über den Holocaust – denn der Vater hatte mit ihm über seinen Glauben nicht gesprochen. Die beiden Brüder fuhren daher gemeinsam nach Israel und besuchten dort die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem, die an die Verbrechen des nationalsozialistischen Terrorregimes erinnert. Wieder ein Stück gelungener Familienarbeit für den älteren Sohn.

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