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18. Februar 2015

Juden in Frankfurt: "Das Wir und Ihr sorgt für Ausgrenzung"

 Von 
Michel Friedman im FR-Interview.  Foto: Christoph Boeckheler

Michel Friedman ist ein Kind von Holocaust-Überlebenden. Im Interview spricht er von seiner Angst vor Antisemitismus. Es wird darauf ankommen, wie die Mehrheit der Gesellschaft reagiert, sagt der Journalist.

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Herr Friedman, in den vergangenen Tagen kam es in Nachbarländern Deutschlands zu antisemitischen Gewalttaten. Müssen sich jetzt auch Juden in Frankfurt fürchten?

Seit vielen Jahren ist das jüdische Leben in Deutschland und Europa bedroht. Juden werden beleidigt, bespuckt, geschlagen und getötet, nur weil sie Juden sind. Im Internet tummeln sich Judenhasser, die sich menschenfeindlich äußern und die geistige Brandstifter sind. Es wird endlich Zeit, dass die Gesellschaft begreift, dass Judenhass – schamloser denn je – wieder zum europäischen Alltag geworden ist. Er ist mitten in der Gesellschaft angekommen. Wer jetzt überrascht tut, möchte blind sein.

Zur Person

Michel Friedman (58) ist Jurist, Journalist und Politiker. Als Kind von Holocaust-Überlebenden kam er mit neun Jahren nach Frankfurt.

Von 2000 bis 2003 war er Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Friedman ist verheiratet und hat zwei Söhne. fab

Aber nimmt man das auch in Frankfurt so wahr, wo das jüdische kulturelle Leben ja besonders lebendig ist?

Auch in Frankfurt erleben Kinder in der jüdischen Schule oder im Kindergarten, dass sie von Polizisten geschützt werden müssen. Von Normalität kann deswegen auch hier nicht gesprochen werden.

Benjamin Netanjahu fordert in Europa lebende Juden auf, nach Israel zu ziehen. Denken Juden in Frankfurt jetzt über Auswanderung nach?

Es gibt berechtigte Irritationen und Ängste innerhalb der jüdischen Gemeinde, sowohl in Frankfurt als auch in Deutschland insgesamt. Durch die andauernde verbale und körperliche Gewalt, der Juden auch im Jahre 2015 ausgesetzt sind, stellt sich selbstverständlich die Frage: Bleiben oder Gehen?

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Was muss sich ändern, damit sich die Mehrheit der Juden in Deutschland zum Bleiben entscheidet?

Es wird letztendlich auf die Reaktion der Mehrheitsgesellschaft ankommen, aber auch darauf, ob die Sonntagsreden der Politiker auch von Montag bis Samstag gelebt werden.

Was heißt das konkret im Alltag?

Das große Problem ist der Umgang im Alltäglichen. Wenn Sie im Alltag merken, dass immer noch Judenwitze gemacht werden, dass die Leute Israel und Juden verwechseln, dass die Gegenmannschaft auf dem Fußballplatz Judenmannschaft genannt wird … Das sind täglich Tausende Judenfeindlichkeiten, ohne dass die Menschen reagieren.

Und was denken Sie, warum nicht darauf reagiert wird?

Weil sich die Leute nicht betroffen fühlen. Wenn ich höre, dass nach den jüngsten Anschlägen führende Politiker sagen, „wir“ stehen auf „eurer“ Seite, dann frage ich mich: Wer ist dieses „wir“? An der Beantwortung dieser Frage wird sich letztlich zeigen, ob das jüdische Leben in Deutschland eine Zukunft hat. Denn das „Wir und Ihr“ sorgt für Ausgrenzung. Entweder sind das „wir“ wir alle – oder nicht nur die Juden, sondern alle werden ein Problem haben.

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