Aktuell: FR-Recherche: Medikamententests an Heimkindern | Zuwanderung Rhein-Main | Fotostrecken | Polizeimeldungen
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Frankfurt
Berichte und Bilder von allen wichtigen Ereignissen in Frankfurt

24. Oktober 2014

Karma-Konsum-Konferenz: „Es gibt zu viele Produkte“

 Von 
Trendforscher Harrach glaubt an den Wunsch nach Einfachheit und die Rückkehr zur Natur.  Foto: Michael Schick

Trendforscher Christoph Harrach spricht im Interview über Karma, Einfachheit und sinnstiftende Jobs. Der Yogalehrer und Blogger forscht derzeit an der TU-Berlin über die Bedeutung nachhaltigkeitsorientierter Mitarbeiter für Unternehmen.

Drucken per Mail

Herr Harrach, Sie glauben, dass die Wirtschaft der Zukunft auf Kooperation statt auf Konkurrenz setzen wird. Wie weit sind wir noch von diesem Wandel entfernt?
Da ist noch ein langer Weg. Veränderungen vollziehen sich derzeit in vielen kleinen und mittelständischen Unternehmen, aber die Wirtschaft tickt noch anders. Wir bewegen uns als unternehmerische Graswurzel-Bewegung in einer Subkultur, in der es viele Innovationen gibt. Weltweit ist Social Entrepreneurship, also das soziale Unternehmertum, durchaus ein großes Thema, die Auswirkungen auf den Gesamtmarkt sind aber noch nicht deutlich sichtbar.

Bei der Ökologie gibt es mehr Fortschritte?
Ja, Bio ist inzwischen schon fast Mainstream. Wir befinden uns in einer industriellen Revolution, in der Wachstum als Paradigma abgelöst wird. Es gibt ja diesen Tipping-Point, das heißt, wenn eine kritische Masse groß genug ist, systemimmanente Veränderungen herbeizuführen, verändert sich die gesamte Ordnung. Ich glaube fest daran, dass sich das System ändern wird.

Wie lange noch bis zu diesem Systemwechsel?
Es wäre schön, wenn ich das wüsste, aber dafür müsste ich in die Glaskugel schauen. Ich kann nur feststellen, dass das Thema in der Wirtschaft immer mehr an Bedeutung gewinnt. Es gibt eine weltweite Bewegung für mehr Nachhaltigkeit. Immer mehr Akteure – Unternehmer, Konsumenten, bürgerschaftliches Engagement – handeln auch danach.

Sie sprechen in diesem Zusammenhang von Neo-Grünen oder Lohas. Was sind das für Menschen?
Lohas kommt ja aus dem Englischen und ist ein Akronym für Personen, deren Lebensstil von Gesundheitsbewusstsein und nachhaltigen Prinzipien geprägt ist. Es handelt sich nach den Ökos und Hippies der 70er Jahre, die Pioniere waren, um die zweite Generation, die grundlegende Veränderungen anstrebt. Studien gehen von 7 bis 25 Prozent aus, je nach Definition. Es gibt unterschiedliche Strömungen.

"Viele Menschen wollen einfacher leben"

Was ist gerade aktuell?
Es geht nicht mehr allein um ökologische Konsumgüter, sondern um die Erkenntnis, dass es ganz einfach zu viele Produkte gibt. Viele Menschen wollen einfacher leben, das zeigt sich beispielsweise daran, dass Zeitschriften rund um Landleben, um Rückbesinnung und das Selbermachen enorm boomen. Das Thema der diesjährigen Karma-Konsum-Konferenz lautet ja deswegen auch Simplifizierung.

Wen wollen Sie ansprechen? Große Konzerne, um die Sie geworben haben, sind nicht vertreten. Woran liegt das?
Entscheider in Großunternehmen können mit unserer Art, Wirtschaft zu denken, mit Post-Wachstum etwa oder gar der notwendigen Schrumpfung in einigen Bereichen, nichts anfangen. Solche Ideen sind noch zu weit von ihrer Realität entfernt. Unsere Hoffnung im vergangenen Jahr war, dass wir Konzerne mit Graswurzel-Unternehmen zusammenbringen, das hat leider nicht funktioniert. Wir erreichen nur Menschen, die unternehmerisch sozial-ökologische Probleme lösen wollen.

Mit welchem Ziel?
Wir möchten Impulse setzen, vernetzen und alle bestärken, die anders leben wollen. 90 Prozent der Deutschen haben laut einer Studie des Umweltbundesamtes ökologisches Bewusstsein. Viele wissen, dass es gut ist, weniger zu fliegen, weniger Fleisch zu essen, Kinderarbeit zu verhindern. Doch dieses Potenzial führt nicht automatisch zu Handlungen. An dieser klassischen Lücke setzen wir mit positiven Beispielen an. Wir zeigen konkrete Wege auf.

Wie sehen die zum Beispiel aus?
Erfolgreiche Öko-Unternehmer wie etwa Premium Cola oder Taoasis schicken Referenten. Der Karma-Konsum-Gründerpreis, der von einer hochkarätig besetzten Jury zum achten Mal vergeben wird, zeichnet innovative Geschäftsideen aus. Die Bewerber haben sich alle dem Wandel verschrieben, entwickeln neue Modelle etwa der Zusammenarbeit und der Gewinnermittlung. Ich glaube, dass der Mensch im Herzen Gutes tun will und wir ihm nur Möglichkeiten geben müssen, dies einfacher umzusetzen. Veränderungen im Privaten werden dann auch in die Berufswelt überschwappen.

Der Konsument kann selbst entscheiden, im Beruf muss man sich einordnen.
Schon, aber die Unternehmen stehen zunehmend im Wettbewerb um die klügsten Köpfe. Und bei denen ist die Nachhaltigkeitsorientierung am stärksten ausgeprägt. Das Thema wird damit gerade vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels für Firmen wichtig werden, angefangen von der vegetarischen Kantine über sinnstiftende Arbeit bis hin zu sozialem Engagement.

Mehr dazu

Man hat oft den Eindruck, dass Nachhaltigkeit als Marketing-Instrument überstrapaziert wird. Wie kann der Verbraucher ehrliche Versuche von Greenwashing unterscheiden?
Das ist schwierig, selbst für Experten. Es gibt einige verlässliche Siegel, wer dagegen verstößt, betrügt. Aber ob jetzt eine teure Kampagne eines Atomkonzerns für Öko-Strom Greenwashing ist oder ob engagierte Konzern-Mitarbeiter das Thema intern nach vorn bringen wollen, lässt sich schwer unterscheiden.

Die Teilnehmer der Karma-Konsum-Konferenz werden Bio-Danza machen. Sie laden zur öffentlichen Meditation. Laufen Sie mit solchen Aktionen nicht eher Gefahr, belächelt zu werden?
Ich nehme keine Rücksicht darauf, was andere denken könnten. Mich interessieren Faktoren, die den Wandel bewirken. Und Bio-Danza ist eine Möglichkeit, positive Energien aufzuladen, das stärkt Menschen für Veränderungen.

Der Firmenname Karma-Konsum klingt auch eher esoterisch.
Das stimmt, wir wurden auch schon in diese Richtung verdächtigt. Andererseits ist Karma auch schon Mainstream. Der Begriff kommt aus dem Yoga, was inzwischen sieben Millionen Deutsche praktizieren. Es geht schlicht um das Ursache-Wirkung-Prinzip. So entstand der Titel für die erste Konferenz im Jahr 2007. Übertragen auf den Konsum bedeutet das Verantwortung. Wer etwa billiges Fleisch kauft, ist in der Konsequenz am Gammelfleisch-Skandal beteiligt. Inzwischen geht es uns aber nicht mehr primär um Konsumentenverantwortung, sondern um gerechteres Wirtschaften.

Also eher eine Karma-Business-Konferenz?
Ja, aber die kennt ja keiner in der Szene.

Interview: Regine Seipel

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten und Reportagen aus dem Herzen des Rhein-Main-Gebiets - alles über Frankfurt und seine Stadtteile.


Auch unterwegs auf dem Laufenden:
„FR News“ –
die App für Ihr Smartphone.

Für iPhone und Android-Handys.
Jetzt downloaden!

In eigener Sache

FR erweitert den Regionalteil

Aus der Produktion unseres neuen Regionalteils.

Darf’s ein bisschen mehr sein? Kein Scherz, vom Wochenende an bekommen Sie in Ihrem Lokal- und Regionalteil mehr Frankfurter Rundschau als bisher. Und etwas anders wird sie auch, ihre FR.  Mehr...

Twitter
Südliche Stadtteile
Östliche Stadtteile
Nördliche Stadtteile
Westliche Stadtteile
Bahn-Verkehr

Die Lage im Bahnverkehr live:

- Frankfurt a.M. (Hbf) aktuelle Abfahrt und Ankunft,
- An- und Abfahrt für alle Stationen,
- Reiseverbindungen als Live-Auskunft (Prognosen).

Anzeige

Premium-Fotostrecke
Frankfurt von oben

Mit dem Hubschrauber unterwegs über der Mainmetropole: Fliegen Sie mit!
Zur Premium-Fotostrecke Frankfurt von oben.

Eintracht: Berichte | Spielplan | Team | FR-Videos

ANZEIGE
- Partner