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06. September 2014

Katastrophenschutz: Bis zur Erschöpfung

 Von 
Einsatzkräfte bergen einen Verletzten. Die Verletzungen sind nur aufgemalt.  Foto: Monika Müller

Ein Lastwagen rammt einen Linienbus: Katastrophenschützer üben im Osthafen den Ernstfall. Und dies nicht nur an einem Unfall. Während der Großübung folgt Einsatz auf Einsatz.

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Man stelle sich vor, in Frankfurt sind die Olympischen Sommerspiele. Tausende Athleten, Zehntausende Besucher bevölkern die Stadt. Dann passieren zehn schlimme Unfälle. Zwei davon sind katastrophal. Um sich auf diese Situationen vorzubereiten, haben Rettungskräfte und Katastrophenhelfer am Samstag im Osthafen geübt, von morgens bis abends.

Dreimal knallte es, Feuerbälle explodierten, als in einem Getreidesilo der aufgewirbelte Staub Feuer fing. „Je kleiner die Oberfläche von aufgewirbelten Teilchen, desto schneller brennen sie“, erklärt Feuerwehrsprecher Andreas Mohn. Dichter. Weißer Theaternebel stieg aus dem stillgelegten, ehemaligen Getreidesilo im Osthafen.

Die Mimen hatten sich im und am Gebäude in Stellung gebracht. Die Mimen sind Schauspieler, mit aufgemalten Verletzungen: ein abgerissener Arm, ein gebrochenes Bein, eine blutende Schläfe und verbrannte Haut. „Das sieht fast aus, wie ein Kunstwerk, das kann so bleiben“, sagte eine Darstellerin. Mit Laugenstange, Marmelade und Wurstpelle habe sie ihre Fleischwunde gestaltet.

Mit Blaulicht und Sirenengeheul rückten die Rettungskräfte kurz nach dem Feuerknall an, sortierten sich. Sie wussten erst seit wenigen Minuten, was sie erwartete, wie bei einem Einsatz im echten Leben.

Der Einsatzleiter rief Befehle. Erst die Verletzten bergen, dann den Brand löschen, ist die Devise.

Eine Mimin schrie vor Schmerzen, als die Rettungskräfte sie hochheben wollten. Ihr Bein konnte sie nicht bewegen. Die Wucht der Explosion hatte sie vor die Lagerhalle geschleudert. Die Helfer wuchteten sie auf ein Tragetuch, trugen sie heraus aus dem Rauch. In der sicheren Zone sortierten die Rettungskräfte die Verwundeten in Farbenzonen. Im grünen Umfeld waren die leicht Verletzten. Die Frau mit dem Beinbruch kam ins gelbe Feld. Ein Schwerverletzter im roten Feld musste gleich abtransportiert werden, in ein fiktives Krankenhaus.

Die Explosion hatte einen Mann ins nahe gelegene Hafenbecken geschleudert. Weil es eine Übung ist, und er sich nicht unterkühlen sollte, trug  er wasserdichte Kleidung. Ein Schiff der Primus-Linie auf Hafenrundfahrt musste abdrehen, damit die Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) mit ihren Booten heran konnte. Den  Geborgenen wickelten die Helfer in Decken ein, maßen den Puls und die Atmung und sprachen ihn an, um zu sehen, ob er bei Sinnen war. 

Zitternd auf den Gleisen

Der weiße Rauch quoll immer dicker aus der Lagerhalle. Rettungskräfte mit Atemschutz krochen auf allen vieren durch das verwinkelte  Gebäude, tasteten mit den Händen nach Verletzten. „In einer Lagerhalle weiß man nie, ob nicht ein Loch im Boden ist“, sagt Rohr. Einfach durchlaufen ging nicht. Schnell hätten  sich die Retter selbst verletzten können.

Davor waren auch die Einsatzkräfte nicht gefeit. Ein Helfer, der gerade noch mit Atemschutzmasse bei Nullsicht durchs Gebäude gekrochen war, lag zitternd auf den Gleisen. Zu viel Stress, zu wenig Flüssigkeit getrunken. In den Schutzanzügen staute sich die Hitze. Ein Notarzt beugte sich über ihn. Auch bei Übungen ist immer ein Rettungswagen für Realfälle anwesend.

Zwei Stunden nach der ersten Katastrophe geschah schon der nächste Großunfall. Ein mit Ammoniak beladener Lastwagen rammte einen voll besetzten Linienbus. Die ätzende Flüssigkeit lief aus, die Mimen husteten, weinten, schrien um Hilfe. Das  eigentlich unsichtbare Gas waberte als Theaternebel durch die Luft. Er drang, von einer Klimaanlage angesogen, in ein Bürogebäude ein, und kontaminierte die Menschen dort. Stundenlang waren die Rettungskräfte im Einsatz.

Es waren frische, neue Leute des Nachmittagsteams. Während am Vormittag der Nebel über Frankfurt gelegen hatte,  hatten die frühen Einsatzkräfte  ihr Schicht um 7.30 Uhr begonnen. Erste Aufgabe: Einer  150 Kilogramm schwere Rollstuhlfahrerin war im Treppenhaus schlecht geworden. Der Aufzug ging nicht.

Dann folgte Einsatz auf Einsatz. Zwei betrunkene Obdachlose hatten eine Kippe auf der Matratze in einem Container brennen lassen, ihre Unterkunft stand samt Mobiliar in Flammen. Ein Waldarbeiter wollte einen klemmenden  Ast aus einem Häcksler befreien, und steckte mit beiden Händen fest. Eine Schwangere erlitt beim Spaziergang eine Sturzgeburt. Ein Autofahrer erbrach plötzlich Blut, ein Arbeiter erlitt einen Stromschlag. Ein Seecontainer fiel einem Mann beim Umheben auf die Beine. Gar nicht so unrealistisch. Nebenan setzten die Logistiker von Contargo einen Container nach dem anderen um. Ordnungsdezernent Markus Frank (CDU), der auch für den Hafen zuständig ist, schaute sich den Großeinsatz beim Silobrand an und lobte das Zusammenspiel der teilnehmenden  Organisationen.

Rund 400 Helfer im Einsatz

Gegen 13 Uhr bekamen die Retter den Silobrand unter Kontrolle. Mit Ventilatoren hatten sie den Rauch herausgewirbelt. Im Keller fanden die Katastrophenhelfer des Technischen Hilfswerks (THW) weitere Verletzte, mussten aber erst die Gitterstäbe vor dem Fenstern  mit Schneidbrennern zerteilen, um sie bergen zu können Ein THW simulierte, was ein Feuerwehrmann schon erlitten hatte:  einen Zustand der Erschöpfung. Vier Kollegen trugen ihn in die Verletztenzone.

Als die Sicht in der Halle klarer wurde, bargen die Feuerwehrleute die zwei letzten Menschen aus dem Gebäude. Die Frau regte sich nicht mehr. Der  Mann bewegte noch den Arm. Drei Minuten kann der Mensch im Rauch liegen, bevor das Hirn starke Schäden erleidet. Die beiden lagen seit einer Stunde in der verrauchten Lagerhalle.

An der Katastrophenschutzübung beteiligt waren: Feuerwehr, Malteser, Rotes Kreuz, Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft, Johanniter, Arbeiter-Samariter-Bund, Technisches Hilfswerk. Zusammen arbeiteten rund 400 ehrenamtliche und hauptamtliche Helfer.

 

 

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