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Frankfurt
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06. April 2013

Klaus Schöffling: „Gute Bücher werden bleiben“

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Fesselnd: Klaus Schöffling liebt die multikulturelle Szene rund um die Kaiserstraße.  Foto: Alex Kraus

Der Verleger Klaus Schöffling feiert bald das zwanzigjährige Bestehen seines Hauses. Er glaubt an die Zukunft der Literatur und hat einen guten Riecher. Mit seiner Belletristik steht der Frankfurter heute in Deutschland in der ersten Reihe.

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Frankfurt. –  

Mit ohrenbetäubender Sirene und flackerndem Blaulicht bahnt sich ein Rettungswagen seinen Weg. Kreuzt den Gegenverkehr auf der Kaiserstraße, so dass andere Fahrer hupend ausweichen müssen. Biegt in die Moselstraße ein, bremst abrupt am Rand vor einem querstehenden Auto, um das sich Polizeibeamte und Männer in Zivil drängen. Neugierige strömen aus den nahen Kneipen und Bordellen. Eine Schlägerei im Bahnhofsviertel am hellen Nachmittag? Klaus Schöffling lässt sich grinsend auf das Ledersofa in der Cafebar „Express“ zurückfallen. „Es wird immer ein Bohei gemacht, aber eigentlich passiert hier nicht viel“, sagt er und trinkt seinen Espresso. „Gut, einmal hat einer bei uns im Verlag geklingelt, der hatte ein Messer in der Brust – aber der wollte gar nicht zu uns, sondern zum Arzt ein Stockwerk obendrüber.“

Das ist so eine Geschichte nach dem Geschmack des 58-jährigen. Kurz und knochentrocken. Der Verleger, der sein Gesicht zu großen Teilen hinter einem mächtig wallenden eisgrauen Bart verbirgt, macht nie viele Worte. Er wirft seinem Gegenüber im Gespräch knappe, oft ironische Brocken hin. Im November jährt sich die Gründung seines Verlagshauses zum zwanzigsten Mal. Es steht heute mit seiner Belletristik in der ersten Reihe in Deutschland. „Da wollten wir hin und da sind wir hingekommen.“ Mit gerade mal einem Dutzend Mitarbeitern, 30 bis 35 Titeln im Jahr. „Das reicht.“ Warum nicht mehr, warum nicht größer? „Für 30 Titel können wir Qualität sicherstellen.“

Mit Johnny Klinke zur Schule gegangen

Der gebürtige Frankfurter schaut wieder hinaus ins Bahnhofsviertel. In der Stadt ist er stets geblieben. Berlin? Ach Gott, Berlin. „Das ist mir zu mühsam, zu groß, zu unübersichtlich.“ In Frankfurt im Gagern-Gymnasium zur Schule gegangen, „zusammen mit Johnny Klinke“, dem Revolutionär, der heute Gastronom und Entertainer ist. Für Schöffling schien auch schon eine Karriere festgelegt: „Ich sollte machen, was mein Vater gemacht hat, der war der Chef von der Inneren Medizin an der Uniklinik – dazu hatte ich keine Lust.“

Die Cafébar, deren Stühle mit Zebrafell-Imitat überzogen sind, füllt sich langsam. Junge Russinnen kommen herein. Das Multikulturelle hier gefällt dem Verleger total. Er schwärmt vom „Kakadu“ an der Kaiserstraße, einem Australier mit Känguru-Burger. „Richtig gut, die verstehen ihr Handwerk.“

Vom Gagern-Gymnasium ist er damals bald geflogen, „wegen erweiterter Frechheit“. Es war die Hoch-Zeit der Schülerbewegung. Das Abi bekam er schließlich in Bad Vilbel, an einer Schule, die er nur das „Auffangbecken“ nennt. Er las viel, „das ganze linke Zeug“, also auch Marx-Engels-Gesamtausgabe, die hellblau-dunkelblauen Bände, „Lohnarbeit und Kapital“.

Der Arzt-Sohn wusste genau, das er was mit Büchern machen wollte. Da gab es damals in Frankfurt nur eine Adresse: Den Suhrkamp Verlag im Westend – inzwischen ist der nach Berlin geflüchtet. Der junge Klaus Schöffling war selbstbewusst genug, sich nur dort zu bewerben. Vorher las er noch „drei, vier Bände von Hesse“ – denn er wusste, dass Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld Hesse liebte. Unseld pflegte Lehrlinge persönlich einzustellen, „in seinem Zimmer im vierten Stock.“ Prompt kam die Frage nach der Lektüre – und Klaus Schöffling konnte mit Hesse glänzen.

Draußen vor der Cafébar haben sich junge Roma-Frauen zum Betteln niedergelassen. Doch die Passanten drängeln sich achtlos vorbei, schieben Fahrräder, schleppen Einkaufstüten. In diesem Teil der Kaiserstraße gibt es noch edle Läden, Klamotten, teure Schuhe.

Er will sein eigenes Ding machen

Was lernte Schöffling bei Suhrkamp? „Alles.“ Von 1975 bis 1982. Wie man mit Autoren umgeht, wie man ein Programm durchsetzt, wie man aus der Backlist neue Funken schlägt – indem man bekannte Texte neu kombiniert. Er hob den Finger bei Unseld und meldete den Anspruch an, ins Lektorat zu wechseln. Und schaffte es, war bei Insel für Taschenbücher zuständig. Doch insgeheim wusste Unseld längst: „Der Junge will sein eigenes Ding machen.“

Und so geschah es dann schließlich. Am Anfang mit finanzieller Unterstützung der Schriftstellerin Eva Demski, die er aber inzwischen längst ausgezahlt hat. Es ist schwierig, ein Erfolgsrezept für einen Verlag zu beschreiben. Viele versuchen es, viele scheitern. Der Verleger kommt an dieser Stelle doch tatsächlich ins Grübeln. „Man braucht Glück“, sagt er schließlich. Ach so. Und: „Sie müssen wissen, wo sie hinwollen.“ Nämlich „möglichst schnell weg vom Image des kleinen Verlages – da werden sie nicht ernst genommen.“

Er schaffte es. Ganz ohne Studium übrigens, ohne akademische Ausbildung. Setzte von Anfang an auf deutsche Gegenwartsliteratur. Burkhard Spinnen, der mit Büchern wie „Kalte Ente“ über die Abgründe der Familie von Anfang an Erfolg hatte. Die Bände aus den 90er Jahren besitzen heute Kult-Status. „Die haben gut funktioniert“, sagt Schöffling stolz. Später kamen Autorinnen wie Juli Zeh, Jennifer Egan, aber auch Autoren wie Klaus Modick und Jochen Schimmang. Wobei der Verleger ein klares Konzept verfolgt. „Es muss einen geben, der das Sagen hat – kollektiv geführte Verlage haben immer nur ein paar Jahre funktioniert.“ Punktum. Klar, er diskutiert Vorschläge von Mitarbeitern für Bücher. Aber: „Ich mach das Programm.“

Ein Loblied auf Frankfurt

Wir gehen raus, ins Getümmel des Bahnhofsviertels. Gemächliches Tempo. Ein Loblied auf Frankfurt. „Ich hab hier alles, was ich brauche: Eine tolle Uni, tolle Tageszeitungen“. Das Bahnhofsviertel war auf dem besten Weg zum Verlags-Quartier. Dann kam der Rückschlag: Eichborn, schräg gegenüber an der Kaiserstraße, musste Insolvenz anmelden. Die Reste des einst stolzen Hauses sammelten sich schließlich – in Berlin. Aber es gibt immer noch Weissbooks am Hauptbahnhof, den Verlag der Autoren in der Taunusstraße, den Gutleut Verlag an der Kaiserstraße. Und eben Schöffling.

Der Verleger bleibt jetzt nachdenklich stehen vor den Schaufenstern der riesigen „World of Sex“. Puppen in schwarzem Lackleder. Von Büchern ist hier nichts zu sehen.
Er erinnert sich noch gut an den Sonntag, als er in der Badewanne lag und die Gedanken schweifen ließ. Er hatte sich früher intensiv mit Exil-Literatur, mit Schriftstellern beschäftigt, die fliehen mussten vor dem nationalsozialistischen Terror. Er dachte an „Kaiserhofstraße 12“, den Roman, in dem sich Valentin Senger in den 70er Jahren mit dem Schicksal seiner jüdischen Familie in Frankfurt auseinandersetzte. Was war eigentlich aus diesem Buch geworden? Schöffling rief Sengers Witwe Irmgard an. „Vergriffen“, lautete die knappe Auskunft.

So entwickelte der Verleger die Idee, an „vergessene“ Bücher zu erinnern, Bücher, deren Gegenstand auch Frankfurt ist. 2010 wurde zum ersten Mal das Literatur-Festival „Frankfurt liest ein Buch“ organisiert, eben mit der „Kaiserhofstraße 12“. Die Neuauflage des Klassikers erschien im Schöffling Verlag.

Am 15. April beginnt die vierte Folge der Veranstaltungsreihe, die in diesem Jahr um den Roman „Ginster“ von Siegfried Kracauer kreist. Eine dichte Folge von Lesungen, Diskussionen, literarischen Spaziergängen. Der Ideengeber ist hochzufrieden.“ Die Stadt steht hinter uns.“ Auch wirtschaftlich macht sich die Sache bezahlt. Mehr als 15.000 mal hat sich die „Kaiserhofstraße“ in der neuen Auflage verkauft.

Der Verlag ist sein Lebenswerk

Schöffling verschränkt die Arme vor seinem grauen Sakko. Er ist jetzt in einem Alter, in dem man sich schon mal fragt: Was hast Du noch vor im Leben? In seiner Wohnung hat er eine Welt aus Büchern um sich gesammelt. In jeder Ecke, jedem Winkel. Er zählt sie nicht mehr. „Zwischen 15.000 und 20.000 Bände“ könnten es sein. Aber Bücher sind eben nicht das Leben.

Wir kehren in die Cafébar zurück. Espresso kommt auf den Tisch. „Soll ich Rosen züchten?“, fragt er grinsend. Nein, das ist es nicht. Der Verleger- wird übergangslos wieder ernst. „Im Laufe der nächsten fünf Jahre muss jemand da sein, der die Sache weiterführt“. Die Sache: Das ist der Verlag, sein Lebenswerk.

Dass Schöffling wirklich loslässt, kann man sich kaum vorstellen. Zum Schreiben drängt es ihn auch nicht: „Da habe ich keinen Ehrgeiz – man muss sehr gut wissen, was man kann.“ Er macht sich nichts vor, was die Zukunft der Branche angeht. „Es werden noch viele Buchhandlungen sterben.“ Die Anzahl der E-Book-Reader verdoppele sich alle halbe Jahre. Gute Bücher aber, besser: gute Stoffe bleiben.

So wird der Verleger Klaus Schöffling weiterarbeiten. Weiter eine dreistellige Zahl von Manuskripten im Jahr sichten, mit vielen Büchern im Gepäck in ein Haus am Lago Maggiore fahren. Er liebt es so. Mit einem genüsslichen Seufzen trinkt er seinen Espresso aus.

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