Wenn Selbstbild und Fremdwahrnehmung zu weit auseinanderklaffen, dann stimmt etwas nicht. Das gilt für die Einzelperson, trifft aber auch auf Institutionen zu. Die Kirchen sehen ihre vornehmste Aufgabe darin, den Glauben an Jesus Christus als sinnstiftend und lebensdienlich zu vermitteln. Doch wie die Umfrage zu religiösen Einstellungen im Land Hessen belegt, kommt diese Botschaft bei den allermeisten Adressaten nicht mehr an.
Macht nichts, mögen manche Kirchenführer sagen. Es gehe in existenziellen Fragen schließlich nicht um Masse, sondern um Klasse; nicht um Breite, sondern um Tiefe. Ein solches elitäres (Selbst-)Verständnis des Christentums sprach aus den Reden Benedikts XVI. auf seinem Deutschland-Besuch und insbesondere aus dem Aufruf zur „Entweltlichung“. Hörte die Kirche darauf, würde sie mutwillig überhören, was die Menschen ihr zu sagen haben. In der jüngsten Studie bekunden die Befragten ein erstaunlich hohes Maß an Zustimmung zur Institution Kirche: Gut, dass es sie gibt! Nur bezieht sich dies eben nicht auf kirchliche Lehre und Moral. Hier wählen die meisten selbst aus, was ihnen passt und nehmen das kirchliche Sortiment – wenn überhaupt – nur sehr selektiv wahr.
150-prozentige „Kirchenchristen“ werden diese Menschen nie werden. Aber soll die Kirche sie verloren geben? Wie zu allen Zeiten, braucht das Christentum auch heute eine Bandbreite an Zugehörigkeit und Teilhabe: von hoher Identifikation mit der theologischen und rituellen Tradition bis zu äußerst punktuellen Berührungen mit kirchlichem Leben. Eine Absage an das „Weltliche“ aber verbannt die „treuen Fernstehenden“ bestenfalls auf das Armesünderbänklein. Der Theologe Hans-Joachim Höhn wittert darin eine „klerikale Anmaßung“: Sie mache die Welt schlecht, um mit der eigenen Weltfremdheit gut dastehen zu können.
Die ersten Reaktionen auf die Studie über den Glauben der Hessen zeigen zusätzlich die umgekehrte Gefahr: Die Kirchen richten sich mit den Ergebnissen ein, um nicht daran verzweifeln zu müssen.

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