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Leben ohne Lesen: Kampf mit den Worten

Viele Analphabeten verbergen ihre Schwäche aus Scham. Am Weltalphabetisierungstag stellt die FR eine Frau vor, die sich Hilfe gesucht hat: Roswitha Vogel lernt mit 54 Jahren noch Lesen und Schreiben


Foto: Andreas Arnold

M...A...S...E...R...N“ Mühsam setzt Roswitha Vogel die Buchstaben zusammen, bis sich ein sinnvolles Wort ergibt. Ihre Lehrerin, Ines Wilhelmi, sitzt daneben und hilft.

Wäre die Schülerin in der Grundschule, gäbe es wenig Anlass, über sie zu berichten. Doch Roswitha Vogel ist 54 Jahre alt. Sie kann nicht richtig lesen und schreiben und gehört somit zu den 7,5 Millionen funktionalen Analphabeten in Deutschland.

Anfang des Jahres veröffentlichte die Universität Hamburg ihre sogenannte Level-One-Studie, kurz Leo. Darin wurde bestätigt, dass in Deutschland 14 Prozent der Bevölkerung im Alter zwischen 18 und 64 Jahren nicht richtig lesen und schreiben können. Bis dato waren Schätzungen etwa von der Hälfte ausgegangen.

Auch für Frankfurt mussten die Zahlen korrigiert werden. Ging man bisher von rund 31000 Analphabeten aus, lässt die Leo-Studie nun erahnen, dass in der Stadt mit der weltweit größten Buchmesse wahrscheinlich fast jeder zehnte Bürger von funktionalem Analphabetismus betroffen ist. Das wären doppelt so viele wie bislang angenommen.

die leo-studie

Weltweit können rund 800 Millionen Menschen nicht richtig lesen und schreiben. Zu den funktionalen Analphabeten zählen Erwachsene, deren Lese- und Schreibkenntnisse nicht reichen, um am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben.
7,5 Millionen Analphabeten gibt es in Deutschland. 2,3 Millionen von ihnen können nur einzelne Wörter lesen. 5,2 Millionen immerhin einzelne Sätze.
60 Prozent der funktionalen Analphabeten in Deutschland sind Männer. Weltweit gesehen sind die Frauen mit zwei Dritteln in der Mehrheit.
Unter den Erwerbstätigen sind 12,4 Prozent funktionale Analphabeten,
unter den Arbeitslosen 31,9 Prozent.
Der Weltalphabetisierungstag wird seit 45 Jahren am 8. September begangen. 2003 haben die Vereinten Nationen die Alphabetisierungsdekade ausgerufen. Bis Ende 2012 soll die Zahl der Analphabeten halbiert werden.
Weitere Informationen zum Thema gibt es unter www.albi-projekt.de,
www.alphabetisierung.de,
www.alphabund.de,
www.grundbildung.de.
Hilfe für Betroffene gibt es unter www.legakids.net, www.vhs-
frankfurt.de und am Alfa-Telefon unter 0800/53 33 44 55.

Roswitha Vogel ist eine von ihnen. Die Leidensgeschichte der gebürtigen Gelsenkirchenerin begann in der Grundschule. „Ich habe bei Diktaten sehr viele Fehler gemacht“, erzählt sie, „aber niemand hat mir geholfen. Ich bin einfach auf die Sonderschule abgeschoben worden.“ Mit 14 ging Roswitha Vogel von der Schule ab – ohne Abschluss. „Ich konnte damals meinen Namen schreiben, mehr nicht.“ Sie begann eine Lehre als Fleischfachverkäuferin, beendete sie aber nicht. Danach jobbte sie als Kellnerin, schlug sich mehr schlecht als recht durch die Arbeitswelt. Sie heiratete und bekam vier Kinder. Vor ihrer Familie hielt sie ihre Schwäche 15 Jahre lang geheim. „Ich habe mich geschämt“, erzählt sie.

Die meisten Analphabeten haben einen Schulabschluss

Dieses Problem plagt fast alle Betroffenen. Sie tabuisieren sich selbst, aus Angst, ein Tabu der Gesellschaft zu brechen. „Viele denken, Analphabetismus ist ein Problem der Migranten, aber das ist falsch“, sagt Ingrid Rygulla. Die Leiterin des Bereichs Alphabetisierung und Grundbildung an der Volkshochschule (VHS) Frankfurt berät Betroffene seit Jahren und kennt viele Vorurteile. In der Tat sind laut der Leo-Studie von den 7,5 Millionen Analphabeten 4,5 Millionen mit Deutsch als Muttersprache aufgewachsen. Noch bemerkenswerter ist aber, dass nur knapp 20 Prozent der Analphabeten in Deutschland keinen Schulabschluss vorweisen können. Die große Mehrheit hat zumindest einen Hauptschulabschluss. Die Schicksale sind ganz verschieden, erzählt Peter Hubertus vom Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung: „Ich habe eine Frau getroffen, die als Kind jede Grundschulklasse wiederholt hat. Nach neun Jahren hatte sie die in Deutschland geforderte Schulpflicht erfüllt und ging ab − nach der fünften Klasse.“

Inzwischen macht ihr das Lesen Spaß, das Buch lockt sie täglich

Das Beispiel lässt die Dimensionen des Problems erahnen: Die Pädagogen kennen sich zu wenig mit der Problematik aus. Selbst das Personal in den Beratungsstellen ist oft unzureichend ausgebildet, wie Rygulla bestätigt. Die VHS versuche deshalb seit Jahren, die Vernetzung der Multiplikatoren in den Jobcentern oder Schulen voranzutreiben.

Roswitha Vogel gehört in ihrem Kurs inzwischen zu den Fortgeschrittenen. Sie kann einfache Bücher lesen und ganze Sätze schreiben. Ihre Schrift erinnert noch ein wenig an die einer Grundschülerin, aber im Prinzip ist sie das ja auch. Ihr Lieblingsbuch ist das über die Hexe Lilli. Sie liest es gern ihrer Enkelin vor.

Alle Frauen in Roswitha Vogels Kurs haben unterschiedliche Biografien. Die jüngste Teilnehmerin ist 17 Jahre alt, die älteste 77. Was die Frauen eint, ist der Wunsch, freier leben zu können: ein Einkauf, ohne sich Bilder aus der Werbung merken zu müssen. Eine Stadtbesichtigung, ohne Angst, sich zu verlaufen.

Der Weg dorthin ist lang, aber nicht unbegehbar. „Ich bin stolz auf das, was ich geschafft habe“, sagt Roswitha Vogel. Mit ihren Erfolgen will sie andere ermutigen, sich Hilfe zu suchen. Für sie war der erste Schritt der wichtigste: „Es ist wie neu geboren werden.“

Autor:  Sandra Müller
Datum:  8 | 9 | 2011
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