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18. Juni 2012

Maredo-Prozess in Frankfurt: Kündigung für ein Steak und eine Olive

 Von Felix Helbig
Was intern bei Maredo abläuft, kriegen die Restaurantgäste nicht mit. Foto: Alex Kraus

Vor dem Frankfurter Arbeitsgericht beginnen am Dienstag die Prozesse gegen Mitarbeiter der Steakhaus-Kette Maredo. Sie sollen in der Filiale in der Freßgass massenhaft geklaut haben, sagt Maredo. Man habe sie loswerden wollen und ungerechtfertigt gekündigt, sagen die Mitarbeiter.

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Vor dem Frankfurter Arbeitsgericht beginnen am Dienstag die Prozesse gegen Mitarbeiter der Steakhaus-Kette Maredo. Sie sollen in der Filiale in der Freßgass massenhaft geklaut haben, sagt Maredo. Man habe sie loswerden wollen und ungerechtfertigt gekündigt, sagen die Mitarbeiter.

An einem dieser Abende mitten in der Woche steht Mohamad Gharib* schon wieder im Gewerkschaftshaus, grelle Neonröhren scheinen auf ihn hinab, eigentlich wäre jetzt wieder die Zeit gekommen, sich um seine Beilagen zu kümmern. Gharib ist 61, ein gedrungener Mann mit traurigen Augen, seine wenigen Haare hängen strähnig über die Stirn. Er weiß nicht mehr, wohin mit sich, mehr als 30 Jahre, eigentlich von seinem ersten Tag in Deutschland an, hat er bei Maredo auf der Freßgass gearbeitet, zuständig für die Beilagen. Bis zum 26. November des vergangenen Jahres. Gharib knetet die Hände.

Gedroht hätten sie ihm, sagt er, er unterschreibe nun seine eigene Kündigung oder die Polizei werde morgen vor der Tür stehen. „Die wissen gar nicht, was sie da tun. Das sind grausame Menschen“, sagt Gharib. Vier Jahre wären es noch bis zur Rente gewesen.

Die Steakhaus-Kette Maredo soll Mitarbeiter Video überwacht und unter Druck gesetzt haben.
Die Steakhaus-Kette Maredo soll Mitarbeiter Video überwacht und unter Druck gesetzt haben.
Foto: Alex Kraus

Im Frankfurter Gewerkschaftshaus trifft sich an jedem Mittwochabend die Maredo-Solidaritätsgruppe, sie besteht im Wesentlichen aus Maredo-Mitarbeitern, genauer: solchen, die es mal waren. Fast zwei Dutzend Frauen und Männer sitzen um hufeisenförmig angeordnete Tische, ein paar Gewerkschaftsfunktionäre sind dabei, ein Rechtsanwalt. Es geht um Protestaktionen, um neue Flugblätter, um Briefe, die man in andere Restaurants schicken will. Mohamad Gharib sitzt hinten in einer Ecke, seine Hände liegen gefaltet auf der Tischplatte. Seit einem halben Jahr treffen sie sich hier.

Das Gewerkschaftshaus, in vergangenen Jahrzehnten ein Ort intensiver Arbeitskämpfe, rückt so wieder ins Zentrum einer Auseinandersetzung, die es lange nicht gegeben hat. Von einem unmenschlichen Arbeitgeber ist an den Hufeisentischen die Rede, von Freiheitsberaubung und Nötigung, von Kampf und von Solidarität. „So etwas hat es zuletzt in den neunziger Jahren geben“, sagt Volkhard Mosler, der dem Kreisvorstand der Frankfurter Linken angehört – und dem Maredo-Solidaritätskomitee, so etwas gibt es nun auch wieder.

Am heutigen Dienstag beginnt vor dem Frankfurter Arbeitsgericht eine Serie von Prozessen gegen die gekündigten Mitarbeiter und Betriebsräte. Verhandelt werden schwere Vorwürfe der Betriebsleitung der Steakhaus-Kette in Düsseldorf gegen die Mitarbeiter, es geht dabei um Diebstahl und Betrug, um eine geheime Videoüberwachung und um verdeckte Ermittler, die in dem Steakhaus eingesetzt wurden.

"Da habe ich es mit der Angst zu tun bekommen"

Das Unternehmen wird eine Riege von Rechtsanwälten schicken, mit der Presse kommuniziert es seit Monaten nur noch über eine renommierte Berliner PR-Agentur. Auch dort ist von „dreisten Lügen“ und von „massenhaften Straftaten“ die Rede. Und von Beweisen.

Der 26. November vergangenen Jahres ist der Tag, an dem alles beginnt, so sehen es die Mitarbeiter. Es ist der Tag, an dem alles endet, so sieht es Maredo. Sandra Kalinova*, 53, hat eigentlich Spätdienst im Restaurant, sie geht noch mit Freundinnen am Main spazieren und dreht dann eine Runde auf dem Weihnachtsmarkt, aber sie solle früh auf der Arbeit sein, hat der Chef gesagt, es gebe viele Reservierungen. Als sie ankommt, stehen zwei Männer, die sie als Bodyguards bezeichnet, vor dem Eingang. Veronika Kreyer*, 42, wie Kalinova als Servicekraft angestellt, kommt wenig später, beide werden wie alle anderen Mitarbeiter ins Restaurant gebeten, dort ist es dunkel. Gäste sind keine da, aber Männer vom Maredo-Vorstand in Düsseldorf, ein Regionaldirektor, ein Revisor, der Betriebsleiter.

Sie habe sich erst einmal nichts dabei gedacht, sagt Kalinova, von einem Stromausfall sei die Rede gewesen, sie sollten sich hinsetzen, die Handys ausschalten. Dann sei die Tür von innen abgeschlossen worden. „Da habe ich es mit der Angst zu tun bekommen“, sagt sie. Kreyer sitzt neben ihr, sie schauen sich an. Dann beginnt etwas für sie, das sie bis heute an jedem Mittwochabend ins Gewerkschaftshaus gehen lässt, um dort an Hufeisentischen zu sitzen. Für Maredo endet etwas.

Das Unternehmen wirft den versammelten Mitarbeitern an jenem Novembertag in der Filiale auf der Freßgass vor, von den eigenen Waren gegessen zu haben, ohne das in der Kasse zu registrieren. Es gebe Beweise dafür, man habe schon vor Monaten eine Kameraüberwachung installiert, es gebe die Berichte zweier verdeckter Ermittler, die als Mitarbeiter eingeschleust worden seien. „Wir wurden einzeln in den ersten Stock geholt, um die Beweisvideos anzusehen, dann hat man uns mit den genauen Vorwürfen konfrontiert“, berichtet Sandra Kalinova. Man habe sie beschuldigt, an einem Tag eine Olive gegessen zu haben, an einem anderen Tag eine Pommes, an wieder einem anderen Tag eine Karotte. Einmal habe sie Kopfschmerzen gehabt bei der Arbeit, da habe der Chef ihr einen Espresso mit Zitrone angeboten, weil das helfe – dass sie ihn trank, habe man ihr nun auch vorgeworfen. Videos seien aber dann doch nicht gezeigt worden.

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„Stattdessen wurde uns vorgeschlagen, dass wir selbst unsere Kündigung unterschreiben und dann keine Strafanzeige bekommen“, sagt Kalinova. Unterschrieben habe sie nicht. Ein paar Tage später liegt bei Sandra Kalinova eine fristlose Kündigung im Briefkasten, ohne Begründung. Wieder ein paar Tage später noch eine, wieder ohne Begründung, diesmal aber mit einer Gehaltsfortzahlung von sieben Monaten, als Abfindung. Veronika Kreyer erzählt eine nahezu identische Gesichte. Cola soll sie getrunken haben. Vier Kündigungen erhält sie.
„Die Wahrheit ist, dass die Zapfanlage defekt war und ich sie ausprobiert habe“, sagt Kreyer. „Die Wahrheit ist, dass ich von Kunden beanstandete Waren getestet habe“, sagt Kalinova.

Nach den Berichten der Mitarbeiter spielen sich derweil unten im Restaurant dramatische Szenen ab. Niemand habe aufs Klo gehen dürfen, berichten einige, niemand habe telefonieren dürfen, sagen sie, irgendwann sei ein Kollege umgekippt. Unstrittig ist, dass der Tag mit einem Polizeieinsatz endet. Irgendwann stehen zwei Beamte vor der Tür. „Da war es vorüber“, sagt Kreyer. Kalinova sagt, sie verstehe dieses „Psychodrama“ nicht. „Wenn sie uns unbedingt loshaben wollten, dann hätten sie das auch anders machen können.“ Mohamad Gharib, der Mann für die Beilagen, bekommt als einer der wenigen nichts mit von alledem.

Aus religiösen Gründen nur "halal"

Er hat erst am folgenden Morgen wieder Frühschicht. Als er sie antreten will, funktioniert sein PIN-Code an der Eingangstür nicht mehr. Der Chef habe ihn dann mit ins Personalbüro genommen, damit er seine eigene Kündigung unterschreibe.

Den beiden Betriebsräte Mimoun Bouhout und Michael Weißenfeldt wurde ebenfalls gekündigt. Weißenfeldt soll seine Pflicht verletzt haben, weil er in verantwortlicher Position weggeschaut habe, als die Mitarbeiter stahlen. Weißenfeldt stützt die Aussagen der Kollegen. Es sei ja nicht verboten gewesen, etwas zu essen oder zu trinken, sagt er, es habe halt ordentlich „boniert“ werden müssen. „Eine Videoaufzeichnung, die zeigt, dass jemand etwas isst, beweist gar nichts“, sagt er. Ähnlich sei es mit den Protokollen der verdeckten Ermittler. Tatsächlich kursieren sie längst, viele Ereignisse sind darauf vermerkt: Frau Kalinova isst eine Olive. Frau Kreyer trinkt Cola. Herr Weißenfeldt ist dabei.

„Abgesehen davon, dass die Videoüberwachung ohne unser Wissen und Einverständnis installiert wurde, beweist das nichts“, sagt Weißenfeldt. Bei Mimoun Bouhout liegen die Dinge anders. Er ist 44, er arbeitet, das weiß er ganz genau, seit dem 8. Oktober 1984 bei Maredo in der Freßgass, sein ganzes Arbeitsleben schon. Er ist bis zum Chefgriller aufgestiegen und zum Betriebsratschef gewählt worden.

Nun wirft ihm Maredo vor, vom eigenen Fleisch gegessen zu haben. Bouhout kann sehr glaubwürdig versichern, dass das vollkommen unmöglich sei. Er esse aus religiösen Gründen nur Waren, die „halal“ seien, also nach islamischen Regeln geschlachtet.
Bouhout und Weißenfeldt werfen Maredo vor, sie loswerden zu wollen und dafür die Sache mit den Diebstählen ersonnen zu haben. Die Filiale in der Freßgass sei eine der ältesten im Land und eine mit der ältesten Belegschaft. „Viele von uns sind schon sehr lange dabei, viele sind deshalb in der höchsten Tarifgruppe und werden vergleichsweise gut bezahlt“, sagt Weißenfeldt.

Außerdem habe Maredo in der Freßgass als eines der wenigen von insgesamt 55 Maredo-Restaurants einen Betriebsrat. Der hatte sich zuletzt in einer von der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten eingesetzten Tarifkommission engagiert, die einen Mindestlohn von 8,50 Euro forderte und Einkommensverbesserungen von sechs Prozent durchsetzen wollte.

Gewerkschaft schütze "Diebe und Betrüger"

Die neue Belegschaft im Maredo-Restaurant an der Freßgass hat zwei Tage nach diesem 26. November die Arbeit aufgenommen. Die neuen Kollegen sollen nur 7,50 Euro verdienen.

Maredo in Düsseldorf weist all das vehement zurück. Durch die PR-Agentur in Berlin rät das Unternehmen davon ab, „den Geschichten von Dieben und Lügnern aufzusitzen“, es gebe mehrere Hundert Fälle, mehrere Tausend Straftaten, man habe so etwas noch nie erlebt.

Einen detaillierten Fragenkatalog beantwortet Maredo nicht, für so viele Fragen fehle Maredo-Geschäftsführer Uwe Büscher die Zeit, heißt es. Stattdessen lädt die PR-Agentur nach Düsseldorf ein, um die Videos anzusehen, ein Termin kommt dann aber doch nicht zustande, weil Geschäftsführer Büscher die Zeit fehle.

Die Landtagsabgeordnete der Linken, Janine Wissler, erhält derweil einen Brief von Büscher, sie hat als Oberbürgermeister-Kandidatin im Wahlkampf mehrfach mit den Maredo-Beschäftigten vor dem Restaurant in der Freßgass demonstriert. Im Februar schreibt ihr der Maredo-Geschäftsführer, er gehe davon aus, dass sie „über Details der Aktion nur unzureichend informiert“ sei.

Die Taten seien bewiesen. „Wir sprechen hier nicht von einer Lappalie. Wir sprechen von organisierter Selbstbedienung“, schreibt Büscher. Die Gewerkschaft schütze „Diebe und Betrüger“.

Vor dem Frankfurter Arbeitsgericht geht es heute nun um insgesamt 29 Mitarbeiter, denen Maredo gekündigt hat und die weiterbeschäftigt werden wollen. Es gibt Klagen von beiden Seiten, etliche Strafanzeigen. Gütetermine blieben ohne Ergebnis.

Im Gewerkschaftshaus steht Mohamad Gharib am Mittwochabend im grellen Licht der Neonröhren, er knetet die Hände. Man dürfe denen das nicht durchgehen lassen, sagt er leise. Er sei doch immer ein fleißiger Mitarbeiter gewesen.

*Namen von der Redaktion geändert

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