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08. Januar 2016

Mauerseglerklinik: Vogel mit Facebook-Fangemeinde

 Von 
Mauersegler sind sehr nützliche Tiere.

Die Mauerseglerklinik in Frankfurt hilft verletzten Vögeln wieder auf die Flügel. Mauersegler Woody, der schon fast verloren schien, ist heute wieder fit und hat sogar eine eigene Facebook-Fangemeinde.

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Woody hat seine eigene Facebook-Fangemeinde. Denn Woody ist ein Kämpfer. Was Woody geschafft hat, müsste eigentlich fürs Kino verfilmt werden – seine Power würde Rocky, Teile 1 bis 5, locker in die Ecke stellen.

Im Juli hätte daran noch niemand geglaubt. Da kam der kleine Vogel in die Mauerseglerklinik, ein Hauch im Wind von nur 26,2 Gramm Lebendgewicht. Sein Schnabel war gebrochen, und ein Mensch, der es sicher gut meinte, hatte Woody auch noch wochenlang das falsche Futter gegeben. „Woodys Gefieder war in verheerendem Zustand, verkrustet und verklebt“, schildert Christiane Haupt. „Er war ein Bild des Elends … schien verloren …“

Mauersegler

Von Schwalben unterscheiden sich Mauersegler durch die Form der Schwanzfedern, die schmalen Flügel und durch ihre schrillen Rufe: Sriiih! Mauersegler werden bis zu 200 km/h schnell und legen auf ihren Reisen nach Afrika riesige Distanzen zurück.

Die Mauersegler-Initiative wünscht sich, dass Bauherren bei der Hausplanung an die schutzsuchenden Vögel denken. www.nabu-frankfurt.de/mauerseglerinitiative

Die Mauerseglerklinik freut sich über Geld- oder Sachspenden und Patenschaften. Eine Liste mit hilfreichen Dingen findet sich unter www.mauersegler.com. Das Video mit Woody, dem unbeugsamen Segler, gibt es unter facebook.com/Mauerseglerverein. ill

Aber dann packte Woody seinen Willen aus, wurde langsam kräftiger, machte Flugübungen – und gab seinen Helferinnen in der Frankfurt-Griesheimer Spezialklinik allen Grund, an ihn zu glauben. Wer jetzt im Internet das Video betrachtet, in dem er wild seine Grillenration einfordert, der kann Klinikchefin Haupt nur zustimmen: „Er hat eine unglaubliche Vitalität.“

Eigentlich gibt es zurzeit keine Mauersegler in Deutschland. Spätestens Ende August haben sich die kleinen Flugkünstler mit ihren schrillen „Sriiii“-Rufen auf den Weg in den Süden gemacht, um dort zu überwintern, wo es schön warm ist. Die 106 Vertreter der Gattung Apus apus in Griesheim – plus zehn Artgenossen, die aus Platzgründen bei einer Kollegin wohnen – dürften daher zurzeit die mit Abstand größte Mauerseglerkolonie nördlich der Alpen sein. Was sie vereint: Sie verpassten den Heimflug wegen Krankheit oder Verletzungen.

Christiane Haupt nimmt einen Vogel aus einer der unzähligen Boxen, träufelt mit einer Wasserspritze einen Tropfen auf seinen Schnabel, dann öffnet sie seinen Schlund und gibt mit einer Pinzette sieben oder acht Grillen hinein. Das war’s. Zunächst. Es folgt eine Ruhepause, dann gibt es weitere sieben bis acht Grillen. Und das Ganze wiederholt sich bis zu sechs Mal pro Tag und Vogel. „Dauert zwei bis drei Minuten pro Fütterung“, sagt Christiane Haupt. „Wenn man routiniert ist.“ Sie macht das seit 22 Jahren. Die Lage in diesem Jahr? „Schaurig. Wir sind restlos voll.“

Christiane Haupt mit einem ihrer Schützlinge.  Foto: Rolf Oeser

Die Tierärztin und ihr Team sind nicht die einzigen, die sich um die kleinen Segler sorgen. Auch Ingolf Grabow, Beauftragter der Staatlichen Vogelschutzwarte im Frankfurter Norden, setzt sich schier unerschöpflich für sie ein. Gerade hat er die Jahresbilanz der Frankfurter Mauersegler-Initiative vorgelegt: 255 Nistplätze an 32 Objekten installierte die Vereinigung aus Nabu- und BUND-Mitgliedern im abgelaufenen Jahr. Und seit der Gründung vor gut einem Dutzend Jahren bis heute: 2318 Nistplätze. Es ist kein Geheimnis, dass Grabow mit seinen 74 Jahren auch in diesem Jahr wieder den Großteil der Kästen und Einbauten selbst angebracht hat, ob mit der Leiter oder im Korb eines Kranwagens in schwindeliger Höhe.

2015 war ein verdammt hartes Jahr für die Mauersegler und ihre Freunde. Die Hitze grillte viele der Vögel derart in ihren schmalen Behausungen unter den Dächern, dass die Jungvögel oftmals verzweifelt hinaussprangen, auch wenn sie noch gar nicht flugfähig waren. Viele starben; Überlebende kamen in die Mauerseglerklinik, wenn sie Glück hatten. Bis zu 300 verletzte Tiere auf einmal mussten in der Etage untergebracht werden, insgesamt waren es 700 im ganzen Jahr.

Ingolf Grabow bringt einen Nistkasten an.  Foto: Christoph Boeckheler

Ein großes Problem: Bei Dachsanierungen werden immer wieder Nistplätze vernichtet – auch wenn das per Gesetz streng verboten ist und Strafe nach sich zieht. Zu allem Überfluss finden die Vögel nicht mehr genug Nahrung. „Es gibt zu wenig Insekten“, sagt Grabow. Sein plausibler Vergleich: „Früher musste der Autofahrer nach einer längeren Fahrt die Frontscheibe von Insekten-Leichen reinigen. Heutzutage bleibt die Scheibe sauber.“

Tierschutz-Termine

Die „Stunde der Wintervögel“ hat begonnen: Der Nabu und der bayerische Partnerverband LBV rufen für dieses Wochenende dazu auf, eine Stunde lang die Vögel im Garten oder in einem Park zu zählen. Die Ergebnisse helfen den Tierschützern bei der Arbeit. Näheres: www.nabu.de

Gegen Pelzkleidung demonstriert der Verein Deutsches Tierschutzbüro am heutigen Samstag, 9. Januar, ab 13.30 Uhr vor der Frankfurter Bogner-Filiale, Goethestraße 21. „Es wird Zeit, dass Bogner verantwortungsvolles und modernes Handeln zeigt und zukünftig auf Echtpelz in seinen Kollektionen verzichtet“, heißt es im Aufruf. Mehr unter www.tierschutzbuero.de

Auch Erdferkel gibt es in Frankfurt, aber zugegeben: Der nächste Vortrag im Zoo, „Schwein muss man haben! Erdferkel und Klimaschwankungen in der Kalahari“, beschäftigt sich mehr mit südlicheren Regionen. Biologin Nora Weyer spricht darüber amDienstag, 12. Januar, um 18 Uhr im Zoogesellschaftshaus. Der Eintritt ist frei. ill

Helfen können da nur bunte Stadtwiesen statt steriler Flächen. Gift im Wald und in der Landwirtschaft zerstört die Lebensgrundlagen der Kleinstlebewesen, mehr Blüten braucht die Natur. Und mehr Menschen wie Ingolf Grabow und Christiane Haupt. Ihnen bei der Arbeit zuzusehen, bei ihrer Hilfe mit riesengroßem Herzen für winzig kleine Sommerboten, für „Weltbürger“, wie Grabow sie nennt – das ist wie ein Märchen, in dem das Gute unbesiegbar ist.

Ailil aus Bukarest ist ein Gigant. Der Mauersegler, den die Aktivisten Mihaela und Alex aus Rumänien mit in die weltweit renommierte Frankfurter Klinik gebracht haben, wiegt an die 60 Gramm und hat eine Flügellänge von mehr als 20 Zentimetern – „der größte, den ich je gesehen habe“, sagt Christiane Haupt.

Seine Größe ist ihm womöglich auch zum Verhängnis geworden; er dürfte bei einem seiner ersten Flüge abgestürzt sein, weil er einfach zu schwer war. Einige Federn sind gebrochen. Die Ärztin hat ihm bereits neue verpasst, mit ihrer Spezialmethode, dem sogenannten Schiften. Dabei befestigt sie mit Sekundenkleber und Carbonstäben fremde Federn an den Flügeln. Aber es gibt für Ailil keine Federn in passender Größe. Vielleicht muss er warten bis zur nächsten Mauser. Dann kann es ein Jahr dauern, bis er wieder ankommt, wo ein Mauersegler hingehört: am Himmel.

Bei den geheilten und verarzteten Vögeln wartet Christiane Haupt nicht so lang. Die bringt sie persönlich in den Süden: nach Südfrankreich oder jetzt, im Winter, nach Fuerteventura. Drei Touren hat sie seit dem Herbst schon hinter sich, der nächste Flug mit einem Dutzend startklarer Mauersegler geht am 18. Januar auf die Kanaren.

Ob Woody dann dabei ist? Der kleine Kämpfer hat im Prinzip das Zeug dazu, er hat das Training im Flugzimmer mit Bravour absolviert, nur: Er will nicht weg. Ein paar Mal hat ihm die Mauerseglerklinik im Spätsommer das Fenster geöffnet, aber er entschied sich stets fürs Bleiben. Und wenn das so ist, sagt Christiane Haupt, dann bekommt er eben noch Zeit: „Kein Mauersegler wird hier gezwungen zu fliegen.“

Neuer Federsatz für einen verletzten Vogel.  Foto: Eva Brendel
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