Im Garten gegenüber blüht der Hibiskus, kräftiges Lila über weißem Kies, erst am Morgen hat Sania Jahn die Stühle wieder rausgestellt. Jahn, 37, war beim Einkaufen am Montagnachmittag, eine Festgesellschaft hatte sich angekündigt im Kleinen Gasthaus in Oestrich, doch als sie mit frischem Fisch, Fleisch und Gemüse zurückfahren wollte, ließ die Feuerwehr sie nicht mehr durch. Nur aus der Entfernung konnte sie Löschzüge sehen, die Wasserfontänen, gerichtet auf die Lagerhalle der Schaumstofffabrik Koepp, aber kein Feuer, keinen Rauch. Sie hätten zuerst gar nicht gewusst, was da los ist, sagt Sania Jahn, dass da Gas ausgetreten war bei Koepp, gleich gegenüber auf der anderen Straßenseite.
"Später haben wir die Kinder eingepackt und sind zu Freunden nach Winkel gefahren“, sagt Jahn. Erst am Dienstagabend kamen sie zurück, nachdem die Behörden erst gewarnt hatten, dann wieder entwarnt, dann wieder gewarnt. Jahn wird seitdem nervös, wenn es komisch riecht irgendwo.
Toluoldiisocyanat. Auch zwei Tage nach dem Unfall ist noch nicht klar, wie es passieren konnte, dass Giftgas aus einem Tank austritt, mitten in Oestrich-Winkel im Rheingau, zwischen den Reben, mitten in besten Lagen. Auch am Mittwoch richten sich die Fontänen der Feuerwehr noch immer auf die Lagerhalle, die Behörden geben zunächst weitgehende Entwarnung, dann wieder doch keine Entwarnung. Nach einer unkontrollierten thermischen Reaktion war die hochgiftige Chemikalie am Montag ausgetreten, in der Nacht darauf hatte es eine Verpuffung gegeben.
In Oestrich haben sie jetzt diese Begriffe gelernt, thermische Reaktion, Toluoldiisocyanat. „Aber wie das passieren konnte, weiß ja immer noch keiner“, sagt Sania Jahn im Kleinen Gasthaus.
In einer mobilen Einsatzzentrale auf der anderen Straßenseite sitzen am Mittwochmittag der Einsatzleiter Christian Ringel und Bürgermeister Paul Weimann zwischen Plänen und Berichten, es ist der größte Einsatz in der Geschichte des 11000-Einwohner-Weinstädtchens. Weimann mag der CDU in Oestrich-Winkel angehören, doch wie er da sitzt, erinnert er an Katastrophenbürgermeister aus dem Fernsehen, an Ray Nagin in New Orleans oder Rudolph Giuliani in New York, die im weißen Hemd mit Krawatte direkt am Einsatzort erschienen und die richtigen Dinge taten. Paul Weimann steht im weißen Hemd mit Krawatte am Einsatzort, er hat die Leitung übernommen, er sieht müde aus.
Die ersten Stunden nach dem Unfall seien schrecklich gewesen sagt er, nicht nur wegen der 26 Verletzten, die ja inzwischen alle wieder wohlauf seien, sondern auch wegen der Unsicherheit, was noch kommt. „Inzwischen wissen wir, dass keine Gefahr mehr besteht für Leib und Leben“, sagt Weimann. Zwar beginne nun die Entsorgung, schließlich befinde sich das giftige Material noch immer im Tank, aber es arbeite nicht mehr chemisch und Fachleute seien vor Ort. „Die Entsorgung kann durchaus noch einmal gefährlich werden“, sagt Weimann. „Aber das ist beherrschbar.“
Weimann ist seit 18 Jahren im Amt, er weiß, dass nun Fragen kommen, vor allem danach, was Giftgas eigentlich zu suchen hat mitten im Wohngebiet, mitten in besten Lagen. „Wir werden das in aller Ruhe diskutieren“, sagt er.
Die ersten Vorschläge machen schon die Runde, von Einhausung des Betriebs ist die Rede, von einer Schließung gar; man muss sich nur am Markt ins Eiscafé setzen, schon geht es los. Koepp wird für sich reklamieren können, zuerst da gewesen zu sein, die Firma ist seit 153 Jahren am Platz. Am Mittwoch lässt sie ein Flugblatt in alle Haushalte verteilen, von einem „unglücklichen Zwischenfall“ ist die Rede und davon, dass man die Einsatzkräfte bei der Abkühlung des Stoffbehälters „tatkräftig“ unterstütze. Die Chemikalie zersetze sich mit Wasser zu einem ungefährlichen Polyharnstoff, bei Messungen seien „keine Kontaminationen festgestellt“ worden. Bürgermeister Weimann sagt, man werde intensive Gespräche führen mit dem Betrieb. Zunächst müsse man feststellen, wie es zu dem Unfall kommen konnte. „Es ist noch zu früh, um über Konsequenzen zu sprechen.“
Von der mobilen Einsatzzentrale führt die Straße beinahe direkt am Rhein entlang und biegt dann ab in die Ortsmitte. Ein schweres Holztor am Friedensplatz führt auf das Weingut August Eser, geführt wird es in der zehnten Generation von der ersten Frau, sie heißt Désirée Eser und ist 34. Ihre Rieslinge gehören zu den begehrtesten im Rheingau, sie kommen aus Lagen rings um Oestrich. Eser sagt, genau solche beiläufigen Schlussfolgerungen machten ihr allmählich beinahe mehr Sorgen als der Unfall selbst. „Natürlich waren wir geschockt, als das passiert ist, aber es ist ja wohl so, dass es beim Einatmen gefährlich war. Meine Reben atmen ja nicht wie Menschen.“
Eser hofft nun, dass der 2012er Jahrgang nicht als Giftgas-Jahrgang bekanntwird, aber sicherlich werde man alles ganz genau untersuchen lassen, sagt sie. Gleich am Morgen nach dem Unglück ist sie ihre Reben abgelaufen, hat selbst nachgeschaut. Sie sahen alle ganz normal aus.
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