Motorrad 35 Minuten
Wir Zweiradfahrer sind Gentlemen. Die S-Bahn hat drei Minuten Verspätung. Die geben wir, der radelnde und der motorradelnde „Rennfahrer“, der ÖPNV-Nutzerin noch oben drauf. Die Wetterau um Nieder-Wöllstadt duftet nach frischer-feuchter Zuckerrübenerde. Zu sehen ist davon wenig. Nebel, ziemlich dicht, wabert über die Felder. Der 20. September ist auf dem Motorrad der erste gefühlte Wintermorgen der langsam nahenden kalten Jahreszeit. Hinter Okarben sind die Fingerspitzen schon klamm, obwohl es vor der Ampel am Abzweig nach Petterweil nur im Schritttempo vorangeht. Der Vierzylinder schnurrt langsam links an der Autoschlange vorbei, und der Lenker, Schönwetterfahrer halt, bibbert. Noch viel lästiger ist der Nebel. Alle zehn Sekunden mit dem Lederhandschuh Tröpfchen vom Visier wischen. Auf der Umgehungsstraße nach Bad Vilbel bremst ein, natürlich Offenbacher, Betonlaster den Drang zur Arbeitsstelle stark. Überholverbot. Und da es der Morgen des politisch-moralisch korrekten Bikens ist, wird natürlich sehr brav hintendran geblieben. Seckbach gewinnt am Dienstag die Wertung des Frankfurter Stadtteils mit den meisten Sonnenstunden. Hilft so wenig wie die lange Unterhose unter der gefütterten Lederkombi. Am Colosseum die korrekte Spur mal kurz verlassen, um sich am Stau auf der Gerbermühlstraße vorbeizumogeln. Nach 35 Minuten und 24 Kilometern natürlich als Erster das Depot am Südbahnhof erreicht. Es ist nicht die Zeit für Triumphgeheul. Es ist Zeit für Aufwärmgymnastik. In der S-Bahn war es bei einem Becher Kaffee ganz bestimmt kuscheliger. (jah.)
Über die Geschwindigkeit, mit der wir vorankommen, täuschen wir uns gelegentlich: Wer bequem im Auto sitzt, dabei Musik oder Nachrichten hört, mag glauben, dass es flugs vorangeht. Wer aufs Rad steigt oder auf den Bus wartet, mag annehmen, dass sich die Fahrt womöglich ziehen wird. Aber stimmt das?
Die FR macht die Probe aufs Exempel: Wir testen mit drei Verkehrsträgern (Auto oder Motorrad, Öffentlicher Personennahverkehr und Rad) auf kurzer, mittlerer und größerer Distanz, wer wie schnell vorankommt. Heute fahren wir zum Abschluss von der Wetterau zum FR-Depot in Sachsenhausen.
Bahn 49 Minuten
Lange Unterhosen Mitte September? Nicht mit mir. Oder Helm? Ruiniert die Frisur. Nein, ich beneide die beiden Kollegen kein bisschen, als ich um 8.26 Uhr in Nieder-Wöllstadt in die S6 nach Frankfurt-Süd steige. Dem Motorradler wünsche ich einen dicken Stau, damit ich ihn als Siegerin vor dem Depot in Sachsenhausen empfangen kann. Dem Radler viel Spaß – gewinnen kann er ohnehin nicht. Ich setze mich zu dem langen Kerl mit den Kopfhörern. Auch er fährt Rennen – mit dem Finger, auf seinem Smartphone. 8.39 Uhr, Bad Vilbel im Nebel. Der Mann mit dem T-Shirt hat noch nicht kapiert, dass der Sommer endgültig vorbei ist. Die Bahn wird voll, Neuankömmlinge müssen ab Bad Vilbel-Süd stehen. Wie ein Buddha ruht mein Gegenüber in sich selbst. Frankfurt-Berkersheim. Wo die Kollegen jetzt wohl sind? Ich bin so aufgeregt, dass ich kaum die Zeitung lesen kann. Was hat Strauss-Kahn mit dem Zimmermädchen getrieben? Hinter mir brüllt jemand was von „Wärmetauscher“ ins Handy – und von einer Tabelle, die „wir am Mittag zusammen machen“. Sein Auto habe „wirtschaftlichen Totalschaden“ – sein Lachen klingt gequält. 8.49 Uhr. Oh nein, die Bahn verliert an Fahrt. Im Schritttempo ziehen rechts und links Kleingärten an den Fenstern vorbei. „Nächster Halt, Frankfurt West.“ Endlich. An der Galluswarte zeigt sich zaghaft die Sonne. Kurz vor der Einfahrt in den Tunnel wieder dichter Nebel, in dem Hochhäuser verschwinden. Etwas lang der Stopp am Hauptbahnhof, dann aber geht es flott bis zum Südbahnhof. Im Sturmschritt zum Depot. Dort steht der Motorradkollege und grinst. Schade. Hätte zu gerne gewonnen. (jur.)
Rad 63 Minuten
Okay, ich habe die Außenseiterrolle. Die bahnfahrende Kollegin empfahl schon am Tag zuvor den Nidda-Radweg und entspanntes Genussradeln. Doch nach einer Grundsatzentscheidung stehe ich in Sportkleidung am Bahnhof. Wollen wir mal sehen, wer nachher große Augen macht. Die letzten mitleidigen Blicke der Kollegen, dann geht es los. Die von mir gewählte Route ist ein Abschnitt der Strecke, den auch Frankfurts Iron-Männer abradeln. Der Nebel schlägt sich auf der Brille nieder, der Verkehr auf der B3 wird dichter. Also vorbei an den Autoschlangen in Bad Vilbel und ganz nach vorn an die Ampel. Immer in der Hoffnung, dass Motorradfahrer Ahäuser nicht die gleiche Idee hat. Der Nebel lässt den Blick auf einen langen Anstieg zu, bei Triathleten liebvoll „Heartbreak Hill“ genannt. In der Redaktion gibt es keine Dusche – arme Kollegen. Frankfurt kommt näher, die vielen roten Ampeln nerven und kosten Zeit. Dafür sorgen die Sprints dazwischen dafür, dass ich im Gegensatz zum Motorradfahrer nicht einfriere. Das Navi in der Tasche ist auf den kürzesten Weg gestellt und sagt den Kurs an. Auf die Karte zu schauen, wage ich nicht, auch so wird meine Reaktionsfähigkeit von einigen Taxis und Kleinbussen herausgefordert. Ja, ich habe verloren. Letzter Platz, okay. Aber der Abstand zur Bahnfahrerin ist beschaulich. Außerdem bin ich absolut wach und habe schon jede Menge frische Luft abbekommen. In der Redaktion verliere ich natürlich noch Zeit fürs Umziehen, wie der Motorradfahrer auch. Dafür brauche ich keinen Kaffee und bin fit für den Tag. Der schöne Radweg an der Nidda? Der kommt vielleicht als Heimweg dran. (prbw.)

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