Eigentlich mag Richard Grabon die Linie 17 nicht. Für einen Straßenbahnfahrer sei die Strecke schlicht zu kurz. 19 Minuten braucht er von der Pforzheimer Straße auf der Südseite des Hauptbahnhofs bis zum Rebstockbad. „Ich mag lieber die langen Strecken, die 11 zum Beispiel. Da geht die Zeit schneller rum“, sagt der 55-Jährige. An diesem Donnerstag aber freut sich Grabon auf die 17. Die Strecke bleibt die gleiche, auch das Fahrgastaufkommen. Aber sein Fahrzeug ist ein anderes. Abgerundete Ecken, beigefarbener Anstrich. Zwischen der unablässig am Hauptbahnhof einrauschenden Flotte moderner türkis-gestrichener Straßenbahnen wirkt Grabons Triebwagen der Baureihe O aus dem Jahre 1969 mehr als anachronistisch. Der Schaffner aber freut sich: „Nach all der Zeit ist es schön, mal wieder so einen Oldtimer zu fahren.“
Grabons „Oldtimer“ ist eigentlich schon ein Museumsstück. Seit Anfang 2005 sind die Wagen der Reihe O nicht mehr im Einsatz. Soweit sie nicht ins Ausland verkauft wurden, stehen sie in den Depots, genau wie ihre Vorgängermodelle. In den letzten beiden Wochen aber erleben die altgedienten Straßenbahnen ein unerwartetes Comeback. Neben dem O-Wagen auf der Linie 17 wurde auch auf der Linie 14 ein „Museumsstück“ eingesetzt – ein Triebwagen des Typs N aus dem Jahre 1963.
Der Oldtimer-Einsatz ist schiere Not
Mit nostalgischen Gefühlen hat die Rückkehr der N- und O-Wagen wenig zu tun. Es ist die schiere Not, welche die Frankfurter Verkehrsgesellschaft (VGF) dazu zwingt, die alten Schaltradbahnen wieder aus dem Depot zu holen. Derzeit befinden sich nämlich überdurchschnittlich viele moderne Fahrzeuge der Baureihen R und S in Reparatur. Schuld sind vor allem Zusammenstöße mit anderen Verkehrsteilnehmern. „So etwas ist eine absolute Ausnahme“, betont VGF-Pressesprecherin Dana Vietta, „aber bevor wir Fahrten ausfallen lassen, greifen wir lieber auf ältere Modelle zurück.“
Für die VGF ist das ein Missgeschick. Für Grabon ein Trip in die Vergangenheit. „Ich habe noch auf N-Wagen gelernt.“ 2001 war das, nach fast 20 Jahren als Busfahrer. Seine Fahrberechtigung führt sämtliche Straßenbahntypen von K bis S auf. 1981 hat Grabon bei der VGF angefangen. Ob es für ihn bessere Zeiten waren, lässt sich aus seiner Erzählung nicht heraushören. Auf jeden Fall waren es andere Zeiten, so wie es eine andere Stadt war, durch die der O-Wagen damals fuhr. Die Strecke führt vorbei an Hochhäusern, von denen noch kein einziges stand, als das Fabrikat der Duewag-Werke erstmals auf Frankfurter Schienen gesetzt wurde.
An der Endstation ist Handarbeit angesagt
Durch den hinteren Wagen geht ein heftiger Ruck, begleitet von einem lauten Rumpeln. „Das sind die Schaltstufen“, erklärt Grabon, während er mit der linken Hand an einer Kurbel, dem Schaltrad, dreht. „Das ist wie Gas geben, beim Auto.“ 19 Fahrstufen hat der O-Wagen zum Beschleunigen, 21 zum Bremsen. Grabon vollführt alle Bewegungen mit einer Sicherheit, als hätte er erst gestern das letzte Mal im Fahrstand des Oldtimers gesessen. „Die erste Runde ist die schwerste“, sagt er, „da muss man sich erst mal sortieren.“
Die Straßenbahn fährt durch die City-West. 1969 stand hier noch das Bockenheimer Industriegebiet. Das Opelrondell gibt es nicht mehr, dafür das Radisson-Hotel. Dahinter ist auch ein Großteil des einstigen Rebstockgeländes hinter neuen Fassaden verschwunden. „Früher alles Parkplätze für die Messe“, erinnert sich Grabon.
Endstation Rebstockbad. Normalerweise bedeutet das für Grabon knapp sechs Minuten Pause. Der O-Wagen aber verkürzt diese deutlich. Grabon läuft von einem Ende der Bahn zum anderen, zur exakten Kopie seines Fahrstands. Den hinteren Stromabnehmer auf dem Dach hat er eingefahren. Das Gegenstück an der Front muss er nun manuell hochklappen, die Fahrtzielanzeige umstellen und dann das Signal an der Haltestelle umschalten. Bei modernen Wagen läuft das meiste davon per Knopfdruck.
Zurück in der City-West wird es plötzlich eng. Die Sitzplätze sind belegt. Am Einstieg diskutieren Tobias, Marcel und Christoph über die Vorzüge. „Die Fahrt ist etwas rabiater“, sagt Marcel, während ihn die nächste Fahrstufe durchschüttelt. „Aber die Sitze sind bequemer als bei den Neuen“, glaubt Christoph. Das Gespräch hört auch Anneliese Scheurich mit. Die SPD-Stadtverordnete kann bei aller Nostalgie der Fahrt mit dem O-Wagen nicht viel abgewinnen. „Bei einem gesunden Menschen mag das nicht so schlimm sein. Aber für Ältere und Menschen mit Behinderungen schon“, so Scheurich. Hauptproblem ist der Einstieg mit seinen großen Stufen. „Und das obwohl die Strecke als Niederflurstrecke ausgewiesen ist.“
Nach rund 45 Minuten ist Grabon wieder in der Pforzheimer Straße. Wie lange er noch auf dem alten Wagen fahren wird, ist nicht abzusehen. „Ein tolles Gefühl“, sagt er. Dann setzt sich die 17 wieder in Gang zum Rebstock.

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