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Wohnen im Alter: Mühsamer Alltag

Ältere Menschen wollen gerne lange in ihrer Wohnung leben. Dazu bedarf es allerdings vieler Hilfen und gemeinsamer Anstrengungen. Und auch der Umgang mit Demenzkranken erfordert neue Ideen. Marianne K. bewältigt noch das Leben in ihrer Wohnung

Sie weiß sich zu helfen: die 76-jährige Marianne K.
Sie weiß sich zu helfen: die 76-jährige Marianne K.
Foto: Andreas Arnold

Eine Esskastanie streckt ihre grünen Früchte in die Sonne. Drei- und viergeschossige Mehrfamlienhäuser begrenzen Rasenflächen mit Teppichstangen. Es ist lebhaft an diesem Morgen in der Siedlung der Nassauischen Heimstätte in Enkheim. Ein Mann mit Krücke geht Richtung Barbarossastraße zur Bäckerei, eine Frau schiebt ihren schwarzen Rollator über den Bürgersteig. Mütter mit Kindern auf dem Arm halten am Straßenrand ein Schwätzchen.

Zu Marianne K.s Haustür führt eine Stufe, ihr Rollator steht schmal zusammengeklappt unter den Briefkästen im Hausflur. Ins dritte Stockwerk muss sie hoch, um ihre Zwei-Zimmer-Wohnung zu erreichen. Schwer bepackt mit Einkaufstaschen klappt das nicht mehr. „Vieles kann ich nicht mehr machen“, sagt die 76-Jährige, die schon zwei Mal am Fuß operiert wurde und starke Schmerzen wegen ihrer Osteoporose hat.

Hilfen für Alte

In einer altersgerechten Wohnung lebt nicht einmal jeder zehnte ältere Frankfurter.
Dies ergab die neue Bedarfsanalyse seniorengerechtes Wohnen, die das Sozialdezernat mit 5000 Frankfurtern über 50 Jahren erstellte.
Erheblichen Handlungsbedarf liest die Sozialdezernentin aus der Studie. Breite Förderprogramme für altersgerechten Wohnungsbau und Förderung von Umbauten wie Aufzügen und bodengleichen Duschen müssten die Konsequenz aus deren alarmierenden Zahlen sein.
Für die Unterbringung alter Menschen in Pflegeheimen gibt die Stadt rund 50 Millionen Euro im Jahr aus. Ihren Verbleib in den eigenen vier Wänden möglichst lange zu unterstützen hat also auch einen finanziellen Aspekt. ( ssl)





Doch man ist versucht, das zu vergessen, wenn man ihr zuhört wie sie erzählt mit dieser Herzlichkeit und inneren Zurückhaltung, die Menschen aus Westfalen eigen ist.

Vor mehr als 50 Jahren lockte die Arbeit in der Gießerei Slotosch ihren Mann, den Gießerei-Kranfahrer aus Hagen in den Frankfurter Osten. Marianne K., die Krankenschwester gelernt hat, heuerte in der Metro an, wo sie ein Vierteljahrhundert in der Registratur wirkte. Das Katharinenkrankenhaus war ihr mit den zwei kleinen Kindern zu weit weg, denn damals gab es weder Bus noch Bahn dorthin.

Eine kleine Frau mit wachem Blick und den glatten Wangen eines jungen Mädchens. Wie sie die Treppen runter zum Rollator bewältigt? „Das muss ich“, lacht sie, streckt den Arm aus und ballt eine Faust. „Ich wohn hier gerne, muss ich Ihnen ehrlich sagen. Die Nachbarschaft stimmt, wenn ich mal krank bin, kaufen die mir was ein.“ Sie ist die dritte Mieterin in ihrer Wohnung, die anderen nebenan sind Erstbezieher, sie kennen sich seit Jahrzehnten.

Und dann ist da noch „Frau Schwarz von der Awo, die ist immer für mich da.“ Weil ihr Sohn nicht für jeden halben Liter Milch die 150 Kilometer hin und zurück fahren kann, nutzt Marianne K. seit vier Jahren den kostenlosen Einkaufsservice, den die Vorsitzende der Arbeiterwohlfahrt, Barbara Schwarz, in Bergen-Enkheim ins Leben rief. Mindestens einmal in der Woche, manchmal auch öfter, kaufen Freiwillige, die meist selbst Rentner sind, für alte Menschen im Stadtteil ein. Ein Projekt, das anderswo in Frankfurt wohl nicht zu finden ist, sagt Schwarz, denn sie erhält aus anderen Stadtteilen „viele Anrufe“. Doch dort können ihre drei Helfer nicht auch noch einkaufen gehen.

Marianne K. geht voraus ins Bad. Eine Pflegestufe hat sie noch nicht beantragt. Den hohen Kunststoffhaltegriff, die rutschfeste Matte und den Hocker mit Saugnäpfen, die es ihr ermöglichen, in der Badewanne noch zu duschen, hat ihr Sohn zusammen mit einem weiteren Haltegriff auf der anderen Seite der Wanne selbst angebracht.

Barbara Schwarz, die auch als ehrenamtliche Sozialpflegerin im Stadtteil wirkt, hat beim Sozialrathaus eine Förderung fürs Putzen der Wohnung beantragt. Und auch den Kontakt zum ehemaligen Standesbeamten vermittelt, der Marianne K. half, einen Schwerbehindertenausweis zu beantragen.

Schuhe nur aus dem Sanitätshaus, Taxifahrten zum Arzt, um den Fuß untersuchen und verbinden zu lassen, alles aus eigener Tasche bezahlt. Und die teuren Medikamente, „was hab ich schon für Geld in der Apotheke gelassen.“ Bis zum Bäcker „gehe ich auf alle Fälle“, sagt Marianne K. Und der Kiosk neben dem Bäcker „hat Kartoffeln aus Karben, die sind lecker“.

Jeden Samstag kommen Sohn und Schwiegertochter: „Bei den beiden darf ich auch nicht alt werden, die wollen, dass ich mich bewege.“ Aber Marianne K. hat sich auch schon auf die Zukunft eingestellt. „Ich muss mal hier fort“, sagt sie unvermittelt. „Zu meinem Sohn geh ich nicht, der wohnt in einem Dorf. Die Awo hat auch Altenheime, man kann auch mal böse fallen, Sie sehen es doch, wie alles gehen kann.“

Autor:  Susanne Schmidt-Lüer
Datum:  5 | 9 | 2010
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