Aktuell: Zuwanderung Rhein-Main | Fotostrecken | Polizeimeldungen
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Frankfurt
Berichte und Bilder von allen wichtigen Ereignissen in Frankfurt

09. Februar 2012

Muslime in Frankfurt: Kopftuch als Gradmesser demokratischer Kultur

Entspannt sich beim Kochen und Singen: Koranexperte Ömer Özsoy.  Foto: Michael Schick

Auf einen Kaffee mit Ömer Özsoy: Der Frankfurter Islamprofessor spricht im FR-Interview über Begegnungen auf dem Parkplatz, studentische Glaubenszweifel und muslimisches Rechtsempfinden.

Drucken per Mail

Auf einen Kaffee mit Ömer Özsoy: Der Frankfurter Islamprofessor spricht im FR-Interview über Begegnungen auf dem Parkplatz, studentische Glaubenszweifel und muslimisches Rechtsempfinden.

Eine Kerze auf der Fensterbank, zwei auf dem kleinen Tisch. Ein unerwartet heimeliger Anblick ist das in dem etwas abgenutzten Universitätsbüro. „Die brennen bei mir immer“, sagt Islamprofessor Ömer Özsoy zur Begrüßung. Die Kerzen haben einen praktischen Sinn: Sie helfen dem rauchenden Forscher gegen allzu verqualmte Luft. Manche muslimische Besucher, sagt Özsoy, „finden die Lichter zu christlich“. Er nicht.

Zur Person

Ömer Özsoy, 48, ist Direktor des „Instituts für Studien der Kultur und der Religion des Islam“ an der Goethe-Uni, an dem islamische Theologie gelehrt wird. Das Frankfurter Institut wächst rasant: 300 Studierende sind eingeschrieben, zu den 30 Mitarbeitern kommen 2012 noch 20 hinzu.

Die Frankfurter und die Gießener Uni gehören zu den Standorten für islamische Theologie, deren Aufbau die Bundesregierung finanziell massiv fördert. Durch die neuen Zentren soll sich ein moderner Islam entwickeln und Lehrer für muslimischen Religionsunterricht sollen ausgebildet werden.

Die Exegese des Korans ist Özsoys Fachgebiet, hier gilt er als international renommierter Experte. Er gehört zur „Ankaraner Schule“, einer Reformbewegung islamischer Theologen, die den Austausch mit westlichen Wissenschaften sucht. In Frankfurt hat er seit 2006 eine Stiftungsprofessur, die von der türkischen Religionsbehörde Diyanet in Ankara finanziert wird. Die umstrittene türkische Entwicklungshilfe dürfte jetzt bald überflüssig werden.

Professor Özsoy, Sie leben seit 2006 in Frankfurt, aber Ihr Lehrstuhl wird von der Türkei finanziert. Sind Sie Gastarbeiter? Oder Einwanderer?

Ich habe mich immer als akademischer Gastarbeiter verstanden, der sich für eine bestimmte Frist zur Verfügung gestellt hat. Aber jetzt hat die Uni mir ein Angebot für eine unbefristete Professur gemacht, das ich gern annehmen würde. Da muss ich noch mal überlegen, was ich bin (lacht). Aber an meiner persönlichen Wahrnehmung hat sich nichts geändert. Es gibt auch Momente, wo mir die Realität sehr aufgedrängt wird, dass ich Ausländer bin. Das sind Momente außerhalb der Uni, wo ich nicht als Professor wahrgenommen werde, sondern als jemand, der ausländisch aussieht und nicht ganz so gut Deutsch spricht. Da werden Sie dann schnell auf das Ausländerklischee reduziert.

Wo zum Beispiel?

Meine Frau und ich waren einkaufen, ich konnte nicht richtig einparken, weil ein Wagen schräg geparkt hatte und sonst nichts mehr frei war. Ich bin also in das Geschäft gegangen, um den Fahrer zu suchen, aber dann kam jemand auf mich zu und fing gleich an: „He du, hier ist Deutschland, nicht die Türkei! Da darfst du nicht so parken!“ Das war sehr massiv, ich habe Anzeige erstattet. Die Polizei konnte den Mann zwar nicht ausfindig machen, aber ich war doch fasziniert, dass sie meine Anzeige sehr ernst genommen hat. Auch die anderen Passanten auf dem Parkplatz haben sehr erfreulich reagiert, sie haben den Mann gleich angesprochen und gesagt, dass das so nicht geht. Das stimmt mich hoffnungsfroh für diese Gesellschaft, auch wenn ich sie insgesamt als wenig tolerant empfinde.

Sie haben zwei Söhne, fühlen die sich hier heimisch?

Inzwischen ja. Mein älterer Sohn hat im Wintersemester angefangen, in Kaiserslautern Architektur zu studieren. Der jüngere steht vor der Aufnahmeprüfung am Hoch’schen Konservatorium, in klassischer Gitarre und Gesang, er will auch Theologie studieren. Darüber bin ich sehr erleichtert, denn ich hatte oft die Sorge, dass ich mit meinem Wechsel nach Deutschland ihre Zukunft kaputt gemacht habe.

Warum?

Sie waren in der Türkei sehr gute Schüler, und als sie hier waren, wurden sie auf einmal sprachlos. Sie saßen in der Klasse, ohne etwas zu verstehen. Dabei hatte ich extra die besten Schulen gesucht, deshalb sind wir sogar nach Hofheim gezogen. Die Kinder waren dann erst ein Jahr auf einer Gesamtschule, um Deutsch zu lernen, dann kamen sie auf das Gymnasium. Aber es hat sich gezeigt, dass das ein Fehler war: Denn gerade die besten Schulen haben gar keine Infrastruktur für den Umgang mit ausländischen Schülern, die Sprachprobleme haben. Das kommt da nicht vor. Aber das haben wir erst mit der Zeit erfahren.

Sie bauen gerade eines der ersten Hochschulzentren für islamische Theologie in Deutschland auf. Finden Sie da noch Zeit, in die Moschee zu gehen?

Stimmt, die Aufbauarbeit fordert uns sehr. Eigentlich wollten mein Professorenkollege Abdullah Takim und ich nach und nach alle Moscheen im Raum Frankfurt besuchen, das ist uns aber leider bisher nicht gelungen. Für die Freitagsgebete gehen wir meist in die Frankfurter Ditib-Moschee, weil wir die Leute dort kennen. Freitags treffen wir in der Moschee viele unserer Studenten, mit denen wir manchmal auch zusammen essen. Sehr oft bin ich in der Hofheimer Moschee. Der Imam da ist Seat Uzeirowski, er hat bei mir in Ankara islamische Theologie studiert. Er ist nach Deutschland gekommen, um hier zu promovieren, ein hervorragender Mann.

Da ist er ja eher eine Ausnahme. Die meisten Imame hier sind Import-Imame, sprechen kein Deutsch und arbeiten ziemlich abgeschottet…

Das ist einer der Gründe, warum jetzt so schnell Zentren für islamische Theologie entstehen. Aber darin steckt auch ein Missverständnis. Wir in Frankfurt stehen auf dem Standpunkt, dass die Imam-Ausbildung nicht primär Sache des Staates ist, also nicht etwa der Goethe-Uni. Das müssen die islamischen Verbände leisten, wie die Kirchen, die neben den theologischen Fakultäten ihre Priester und Pfarrer in eigenen Seminaren ausbilden. Die Universitätstheologie muss darauf achten, dass die Ausbildung auch den wissenschaftlichen und theologischen Standards entspricht.

Kann Ihr Institut seine Kompetenz auch direkt in die Moscheen vor Ort einspeisen?

Das geschieht über die Studierenden. Sie kommen aus verschiedensten Moscheeverbänden, und wir sind zuversichtlich, dass sie zur Brücke in den religiösen Alltag der Gemeinden werden. Ich weiß, dass muslimische Dachorganisationen wie Ditib, VIKZ und Milli Görüs ihre jungen Leute stark motivieren, Theologie zu studieren. Nicht nur in Frankfurt, aber auch hier. Wir streben an, dass mehr theologische Kompetenz in die Verbandsstrukturen einfließt.

Teilen von Milli Görüs werden fundamentalistische Haltungen nachgesagt. Und man hört, dass manche Studierende an Ihrem Institut sich schwertun mit dem wissenschaftlichen Hinterfragen von Religion. Wie gehen Sie damit um?

Ich war als Student auch skeptisch gegenüber dem kritischen Ansatz unserer Professoren. Daher verstehe ich manche Zweifel. Unser Ziel ist es, dass die Studierenden lernen, die Quellen des Islam selbstständig zu rezipieren. Am Ende müssen sie verstehen, dass Theologie als rationale Selbstreflexion des Glaubens nur durch kritisches Hinterfragen möglich ist.

Wann werden die ersten Lehrer für islamische Religion bei Ihnen den Abschluss machen?

Wir warten auf die Entscheidung aus Wiesbaden über die Einführung des Religionsunterrichts. Nach dem hessischen Konzept bilden wir in Frankfurt Lehrer für die Sekundarstufe aus und die Uni Gießen für die Primarstufe. Wir haben die fachwissenschaftliche Kompetenz hier, außerdem hat das Land uns einen Lehrstuhl für islamische Religionspädagogik zugesagt. Ich denke, dass 2013, vielleicht schon 2012, in Frankfurt ein Lehramtsstudium für Islamunterricht angeboten wird.

Wer bestimmt denn, welchen Islam die Kinder lernen?

Ich sitze am Runden Tisch der Landesregierung zum islamischen Religionsunterricht, an dem auch die großen Moscheeverbände beteiligt sind. Da haben sich innerislamische Runden entwickelt, die wir Frankfurter Professoren moderieren. Unser Anliegen war, aus theologischer Perspektive zu zeigen, dass die verschiedenen Verbände, sogar Sunniten und Schiiten, gar keine unterschiedlichen Theologien vertreten, sofern es um die Grundsätze des Islam geht. Und die sollen die Kinder ja lernen. Und das ist uns gelungen. Die Verbände am Runden Tisch haben vereinbart, dass der Verband, der als Ansprechpartner des Landes ausgewählt wird, die anderen einbindet. Das ist, soweit ich weiß, bundesweit einmalig. Wir haben auch gemeinsam ein Kerncurriculum erarbeitet und dem Land vorgelegt.

Klingt harmonisch, aber es gibt auch Probleme. Im April kamen 1500 Muslime in Frankfurt zu einer Ansprache des Salafisten Pierre Vogel. Hat Sie das überrascht?

Nein. Ich spreche aber ungern über Personen, lieber über Ansätze. Es sind ja weniger religiöse Motive, die einen Ansatz für Jugendliche attraktiv machen. Es hängt eher davon ab, ob die Prediger die Sprache der jungen Menschen sprechen, ob sie eine ähnlich dramatische Biografie haben wie die Jugendlichen. Das macht die Prediger attraktiv. Auch weil sie abweichende Meinungen vertreten, im Widerstand stehen.

Wie gefährlich ist Salafismus?

Das kann ich nicht beurteilen, weil ich nicht weiß, ob diese Leute auf Gewalt zurückgreifen würden. Für mich ist Salafismus eine zeitgenössische Lesart des Islam, die kritisch hinterfragt und analysiert werden muss.

Aber wie geht man mit Leuten um, die sagen, Handabhacken oder Steinigung seien islamkonform?

Das sind aber nicht nur Salafisten. Dass die rechtlichen Regelungen des Islam wortwörtlich umgesetzt werden müssten, ist in der Moderne zum Mainstream des sunnitischen wie schiitischen Islam geworden. Wir wollen als Theologen zeigen, dass es in der Tradition auch andere Interpretationsmöglichkeiten gibt. Die Steinigung hat gar keine Grundlage im Koran, aber das Handabhacken steht dort. Wenn es so im Koran steht, müssen wir es einordnen. Das tue ich als Koranexperte, indem ich darauf hinweise, dass die Aussagen und Regelungen für die Zeit ihrer Entstehung gedacht waren. Da stehe ich dann manchmal ziemlich allein, auch, wenn es um das Kopftuch geht…

…weil Sie sagen würden, das Kopftuch ist keine Pflicht für muslimische Frauen?

So würde ich es nicht sagen, denn das Kopftuchtragen ist eine der authentischsten Traditionen der Muslime, was theologisch nicht unwichtig ist. Aber ich würde sagen, dass Frauen zu der Zeit, als die Textpassage offenbart wurde, schon Kopftuch getragen haben. Und dass der Koran nicht verlangt, dass Frauen, die kein Kopftuch getragen haben, eines tragen müssen. Es ging in dieser Passage offensichtlich darum, dass die Frauen mit ihren Tüchern auch ihr Dekolleté bedecken sollten. Und ich will das ehrlich schildern, was im Koran gesagt wird.

Und dafür werden Sie kritisiert?

Ja, dann heißt es in der Türkei, er verrät in Deutschland den Islam. Und hier heißt es, das ist doch ein türkischer Professor, der wird von der Türkei bezahlt. Denn hier frage ich, warum Gesellschaften, die beanspruchen demokratisch zu sein, das Kopftuch verbieten.

Das Kopftuch ist hier nicht generell verboten.

Wenn eine Muslima Lehrerin oder Beamtin werden will, dann schon. Damit steht die Zukunft vieler meiner Studentinnen schon in Frage. Auch in der Türkei stand ich in dieser Frage in ständiger Opposition. Fast alle Studentinnen trugen dort Kopftuch, obwohl es damals staatlicherseits verboten war. Das war übrigens ein Grund, warum ich nach Deutschland gekommen bin. Ich konnte das nicht mehr ertragen.

Aber hier gründet die staatliche Skepsis gegenüber dem Kopftuch ja darin, dass der Staat weltanschaulich neutral sein muss.

Weltanschauungen sind nicht nur die klassischen Religionen, sondern auch Hedonismus oder Kapitalismus. Da habe ich dann Probleme zu verstehen, warum religiöse Symbole verboten werden, weil sie angeblich Schülern eine bestimmte Lebensweise aufdrängen, zugleich aber überall Werbebilder mit nackten Körpern zu sehen sind, nicht ganz zufällig eher von weiblichen Körpern. Aber ich werbe umgekehrt als muslimischer Theologe auch bei meinen Glaubensgenossen um Toleranz. Der Koran sagt ja ganz offen: Wenn Gott gewollt hätte, dass alle gläubig sind, dann wäre das so. Meinem Verständnis nach ist die Vielfalt der göttliche Plan.

Leichtere Frage zum Schluss: Was machen Sie in der Freizeit?

Dann mache ich Musik mit meinem Sohn. Ich spiele gerne Saz, das ist ein Saiteninstrument, allerdings nicht gut. Wir singen auch gemeinsam. Oder wir treffen Freunde, gehen ins Kino, gehen im Taunus oder am Main spazieren. Ich koche auch gerne, das entspannt mich sehr. Ich habe leider sehr wenig Zeit, aber manchmal sage ich einfach: Kommt, steigt ein, wir fahren los. Und dann geht es ohne Ziel in irgendeine Richtung, und wir landen in einem Dorf oder einer kleinen Stadt, und dort trinken wir einen Kaffee.

Das Interview führten Ursula Rüssmann und Timur Tinç

[ Lesen Sie jetzt das EM-Spezial der FR - digital oder gedruckt sechs Wochen lang ab 27,30 Euro. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten und Reportagen aus dem Herzen des Rhein-Main-Gebiets - alles über Frankfurt und seine Stadtteile.

Twitter
Südliche Stadtteile
Östliche Stadtteile
Nördliche Stadtteile
Westliche Stadtteile
Bahn-Verkehr

Die Lage im Bahnverkehr live:

- Frankfurt a.M. (Hbf) aktuelle Abfahrt und Ankunft,
- An- und Abfahrt für alle Stationen,
- Reiseverbindungen als Live-Auskunft (Prognosen).

Anzeige

Premium-Fotostrecke
Frankfurt von oben

Mit dem Hubschrauber unterwegs über der Mainmetropole: Fliegen Sie mit!
Zur Premium-Fotostrecke Frankfurt von oben.

Eintracht: Berichte | Spielplan | Team | FR-Videos

ANZEIGE
- Partner