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30. Januar 2012

Nachtflugverbot: Zweifel an Lärmgutachten

 Von Johannes Schmitz
Alles ist beleuchtet: die neue Landebahn am Flughafen Frankfurt bei Nacht.  Foto: dapd

Seine Arbeiten zum Fluglärm sind Grundlage für die Genehmigungen von Nachtflügen in ganz Deutschland. Nun hegen viele Forscher Zweifel an den Fluglärm-Studien von Professor Scheuch. Sie seien in „wesentlichen Punkten frei erfunden“, sagt etwa Professor Greiser.

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Seine Gutachten sind bisher die Basis für die Genehmigung vieler Nachtflüge in ganz Deutschland – auch für den Großflughafen Rhein-Main. So hat der Dresdner Professor Klaus Scheuch die sogenannte Frankfurter Fluglärm-Synopse federführend mit verfasst, die wesentlich zu den bisher geltenden Lärmgrenzwerten beigetragen hat. Diese Grenzwerte sind den Gegnern nächtlicher Flüge über Wohngebieten deutlich zu hoch. Eine Wahrnehmung, die zunehmend von wissenschaftlichen Studien bestätigt wird.

Jetzt wird Scheuchs wissenschaftliche Seriosität in Frage gestellt. Der Frankfurter Arzt Rainer Rahn hat dessen Gutachten kritisch geprüft und erhebt schwere Vorwürfe. Scheuchs Frankfurter Flughafen-Synopse aus dem Jahr 2001 beruht nach Angaben Rahns auf dem „Freien Erfinden von passenden Werten“, auf der „Falschzitierung von Lärmwerten“, auf der „Verfälschung der Inhalte zitierter Literatur“ und auf der „Falschen Zitierung der Literatur, so dass die zitierten Grenzwerte nicht nachprüfbar sind“. Die Liste der Fehler ist demnach noch länger.

Streit um Großflughafen

In Frankfurt wird die dritte Landebahn Nordwest des Rhein-Main-Flughafens im Oktober 2011 in Betrieb genommen. Seither ist der Protest wegen der zusätzlichen Lärmbelästigung erheblich angewachsen. Auch Hessens CDU denkt allmählich um. Innenminister Boris Rhein, zugleich CDU-Kandidat für die Frankfurter OB-Wahl am 11. März, spricht von einem Nachtflugverbot „ohne Wenn und Aber“.

Jeden Montagabend treffen sich die Gegner der Landebahn zur Demonstration im Terminal 1 des Flughafens. Regelmäßig sind es mehrere tausend Menschen aus der gesamten Rhein-Main-Region, die dort protestieren. Sie fordern die sofortige Stilllegung der Landebahn und ein erweitertes Nachtflugverbot von 22 bis 6 Uhr. Derzeit wird der Rhein-Main-Flughafen zwischen 23 und 5 Uhr so gut wie nicht angeflogen.

Auf knapp vierzig Seiten führt Rahn, der jahrelang für die Fraktion der Flughafen Ausbau Gegner (FAG) im Frankfurter Stadtparlament saß, mittlerweile in die FDP gewechselt ist, aber nach wie vor politisch gegen den Flughafen kämpft, viele Beispiele auf. Diese sollen seine Vorwürfe belegen. Dabei geht er auch auf die Kritik ein, die Scheuch an den Untersuchungen des Epidemiologen Professor Eberhard Greiser äußert. Greiser hat Studien im Umfeld des Kölner Flughafens durchgeführt, bei der die Krankenkassendaten von mehr als 800.000 Menschen ausgewertet wurden – weltweit die bisher größte Arbeit zum Thema. Das Ergebnis: Nächtlicher Fluglärm erhöht das Risiko auf Bluthochdruck, Herzinfarkte, Schlaganfälle und Depressionen. Greiser konnte nachweisen, wie das Risiko mit der Zunahme des Lärms ansteigt.

Gutachten sind Meinungen

Bei seiner abwertenden Darstellung von Greisers Arbeit sei Scheuch „in mehrfacher Weise verfälschend vorgegangen“, so Rahn. Auf die Anfrage dieser Zeitung, zu Rahns Vorwürfen Stellung zu nehmen, reagierte der Sozialmediziner Scheuch nicht. Aber auch Rahn selber stand für Nachfragen zu seiner Streitschrift gegen Scheuch nicht zur Verfügung.

Rahn hatte sich im Oktober des vergangenen Jahres mit seinen Vorwürfen an die TU Dresden gewandt, an der Scheuch bis zu seiner Emeritierung lehrte. Der Ombudsmann der Hochschule, Professor Achim Mehlhorn, sah aber keinen Grund, gegen Scheuch aktiv zu werden. Mehlhorn führte aus, „dass ein Gutachter nach bestem Wissen und Gewissen seine Wahrheit finden muss“. Ein Gutachten sei eine Meinungsäußerung, die bekanntlich frei sei. Zudem könne er als Ombudsmann seine Bemühungen nicht auf „Anwendersysteme“ ausweiten. Im Klartext: Was Scheuch außerhalb der Universität macht, fällt nicht in deren Zuständigkeitsbereich.

Mit seinen Vorwürfen steht Rahn nicht allein da. Auch Professor Greiser hat sich klar zu Scheuchs Arbeit geäußert: „Die Fluglärm-Synopse ist in den wesentlichen Punkten frei erfunden“. Und der Kardiologe-Professor Martin Kaltenbach, Mitbegründer der deutschen Herzstiftung, sieht „grobe Fehler“ in Scheuchs Arbeit.

Bei der Auseinandersetzung der Mediziner handelt es sich keinesfalls um einen reinen Gelehrtenstreit. Die Gutachten der Lärmforscher bestimmen wesentlich mit, ob Richter und Politiker Nachtflüge genehmigen oder verbieten. Folgen sie Scheuch und einigen seiner Ko-Autoren, wie Professor Gerd Jansen, haben sie weniger Bedenken um die Folgen des Lärms. Folgen sie Greiser und anderen, erkennen sie an, dass Fluglärm in der Nacht krank machen und in letzter Konsequenz sogar das Leben verkürzen kann.

Die beiden wissenschaftlichen Lager stehen sich unversöhnlich gegenüber. Das wissen auch die beiden miteinander streitenden Interessengruppen, die hinter den Medizinern stehen und diese mit Gutachten beauftragen.

Neue wissenschaftliche Erkenntnisse

Kritische Mediziner wie Greiser werden vom Flughafenverband als zunehmend gefährlich für das eigene Geschäft eingestuft. Die Arbeitsgemeinschaft deutscher Verkehrsflughäfen hat intern bereits vor drei Jahren festgehalten: „In der jüngeren Vergangenheit ist zu beobachten, dass verschiedene Fluglärmgegner, insbesondere die Bundesvereinigung gegen Fluglärm, eine wachsende Zahl von Wissenschaftlern dazu motivieren, sehr kritische Gutachten zu Fluglärmwirkungen vorzulegen.“ Die Flughafenbetreiber hätten die Sorge, „dass eine Verschiebung der Wahrnehmung nicht im öffentlichen Raum, sondern auch vor Gericht beziehungsweise im politischen Raum stattfindet“.

Mit den Vorwürfen gegen Scheuch, einen der wichtigsten Gutachter für die Befürworter von Nachtflügen, hat der Streit eine neue Stufe erreicht. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse liegen vor. „In der Gesetzgebung aber wird diese Feststellung bisher kaum berücksichtigt“, schreibt Herzforscher Kaltenbach im Ärzteblatt. Begründete Zweifel daran, dass nächtlicher Fluglärm viele Menschen ernsthaft krank macht, sind für ihn und viele andere Mediziner „nicht mehr möglich“.

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