Noch nicht einmal ein Jahr lang war Niels Ewerbeck Chef des Frankfurter Mousonturms. Zum Jahreswechsel hatte er das wichtige Haus freien Theaters offiziell übernommen, aber erst einmal war es ein dreiviertel Jahr geschlossen, damit es erheblich umgebaut werden konnte. Ein großer und sinnvoller Schritt war dieser Umbau, er setzte ihn durch. Seit Mitte September lief das Programm, es war regelmäßigen Mousonturm-Besuchern nicht unvertraut, kein radikaler Bruch mit den 23 Jahren davor. Jetzt ist Niels Ewerbeck tot, laut Mitteilung der Polizei hat der Theaterchef sich offenbar das Leben genommen.
Ein Jahr lang hatte das Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt geschlossen...
Foto: Christoph BoeckhelerEin nachdenklicher, still-freundlicher, seine Worte mit Bedacht wählender Mensch saß einem im Sommer zum Interview gegenüber. Auch einer vielleicht, dem die Theater- und Tanz-Kunst, die er in Zukunft zu zeigen beabsichtigte, mehr am Herzen lag, als man es ohnehin annehmen durfte. Wenn er davon sprach, wie er in Aufführungen kleine, plötzliche Glücksmomente hat, wie für Augenblicke einfach alles stimmt und er dann weiß, dass er gerade große Kunst sieht, funkelten seine Augen. Aber auch vom in der Kunst liegenden „Erkenntnispotential“ sprach er, für das man aber „Themen von verschiedenen Seiten“ angehen müsse. Niels Ewerbeck schien allemal auch Garant dafür zu sein, dass die Atmosphäre in diesem renommierten Haus erhalten bleiben würde, die Sorgsamkeit im Umgang mit den gastierenden Künstlern, die von diesen immer bemerkt und gelobt wurde.
Der 1962 in Köln Geborene studierte Kunstgeschichte und war erst einmal Galerist, ehe er sich dem Theater zuwandte. Er arbeitete unter anderem am Berliner Hebbeltheater, er war Gründungsdirektor des Forums Freies Theater in Düsseldorf. 2004 ging er nach Zürich, wo er das Theaterhaus Gessnerallee leitete, ein ebenfalls mit nationalen und internationalen freien Gruppen arbeitendes Haus, bis ihn die Stadt Frankfurt zum Nachfolger von Dieter Buroch am Mousonturm machte. Buroch hatte das Haus 23 Jahre geleitet, zuletzt als Intendant, und wollte nicht mehr.
Niels Ewerbeck wurd 1962 in Köln geboren. Er absolvierte eine Lehre im Kunsthandel, studierte Kunstgeschichte, Romanistik, Archäologie und Kulturmanagement.
Er führte zunächst eine Galerie und wendete sich dann dem Theater zu. Dann arbeitete er an der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin als Regieassistent, später am Hebbel-Theater in Berlin und organisierte in Dresden das Festival „Theater der Welt“. 1999 gründete er in Düsseldorf das Ensemble FFT. Von dort wurde er 2004 an das Theaterhaus Gessnerallee in Zürich berufen.
Seit Anfang Januar war Niels Ewerbeck neuer Intendant des städtischen Künstlerhauses Mousonturm in Frankfurt.
Niels Ewerbeck schien mit seinen Erfahrungen eine gute, mindestens solide Wahl für den Leitungsposten. Er stellte zwei Dramaturgen an seine Seite, er brach aber nicht, wie anfangs befürchtet worden war, radikal mit dem Programm seines Vorgängers. Auch Tanz war eingeplant, allerdings wollte er diesen zugunsten neuer Theaterformen ein wenig zurückfahren. Mehr Raum sollten dagegen Absolventen des Gießener Studiengangs für Angewandte Theaterwissenschaft erhalten. Junge Leute vor allem, für deren Ideen und Experimente er den Mousonturm noch weiter öffnen wollte, als dies Buroch schon getan hatte: erstaunliche zwölf Eigenproduktionen waren geplant.
Weil der Mousonturm eben knapp neun Monate geschlossen war, dachte sich Ewerbeck für den Juni ein kleines Festival aus, „Lüften“, das er auf dem Gelände der Jahrhunderthalle in Höchst ausrichtete. Dieses Wochenend-Festival war nicht künstlerisch, aber finanziell ein Reinfall: Ewerbeck, der in Frankfurt Fremde, konnte nicht wissen und einkalkulieren, dass der feste Publikumsstamm des Mousonturms eher nicht bereit ist, für ein so buntes, spartenübergreifendes Programm bis nach Höchst zu fahren. So bezahlte der neue Theaterchef gleich mit dieser ersten Veranstaltung Lehrgeld; er wollte „Lüften“ – wie zuerst gedacht – auch nicht mehr zu einem regelmäßigen Sommerereignis machen.
Er hatte zweifellos eine schwere Nachfolge angetreten. Dieter Buroch hat das Haus ja nicht nur 23 Jahre lang bestens geleitet, er hatte es einst auch maßgeblich erkämpft und die ersten Konzepte entwickelt für die ehemalige Seifenfabrik. Er war in der Stadt bestens vernetzt, er kannte seine Pappenheimer. Und wurde zunächst händeringend gebeten, doch weiterzumachen.
Aber dann hat man sich doch schnell an den Gedanken gewöhnt, ja, war erwartungsfroh, dass jetzt ein Neuer die Geschicke des Hauses leiten sollte. Das ging sicher dem größten Teil des Publikums so, auch wenn es über die Jahre ein sehr anhängliches geworden war. Aber die famose Tanztheatergruppe „Peeping Tom“ gleich am zweiten Wochenende nach der Eröffnung, eine Kunstinstallation von Tim Etchells im Foyer, Namen wie Kate McIntosh, Tony Rizzi, die der Forsythe Company entwachsene Gruppe MAMAZA – da gab es keinen Grund zu fremdeln.
Es ist zu früh zu fragen, wie es denn nun weitergehen soll. Frankfurts Kulturdezernent Felix Semmelroth äußerst sich erst einmal zu Recht bestürzt: „Erst vor wenigen Wochen“, schreibt er, „hat Niels Ewerbeck den Mousonturm nach erfolgreichem Umbau glanzvoll wiedereröffnen können. Mit diesem Neuanfang setzte er bereits vielversprechende Akzente, um an den Erfolg der Institution anzuknüpfen. Dabei konnte er, der in nahezu allen künstlerischen Sparten zu Hause war, auf seine vielseitigen Begabungen zurückgreifen. Umso erschütternder ist jetzt die Nachricht von den tragischen Umständen seines plötzlichen Todes. Mit ihm verliert Frankfurt eine engagierte, äußerst kreative Künstlerpersönlichkeit, die das städtische Kulturleben mit Sicherheit in den kommenden Jahren nachhaltig geprägt hätte.“
Das ist sicher so: Niels Ewerbeck hätte das ziemlich wendige Haus in eine graduell neue, aber deswegen auch spannende Richtung gesteuert. Das Publikum hätte sich an einen etwas anderen Horizont gewöhnen müssen, aber das wäre vermutlich kein ernsthaftes Problem gewesen. Und Ewerbeck schien ein so verbindlicher, angenehm geradliniger Mensch, dass ihn die Frankfurter Theaterbesucher gewiss recht zügig in ihr Herz geschlossen hätten. Wie unendlich traurig, dass er offenbar glaubte, keine Kraft mehr zu haben.
Wir informieren Sie aus der ganzen Region. Nachrichten aus Ihrer Stadt können Sie als Newsfeed abonnieren - klicken Sie dazu bitte auf das orange Symbol.

Die Zukunft der Frankfurter Rundschau ist gesichert. Die Eigentümer betonen, es gibt keinen Einfluss auf das gewachsene politische Profil. Chefredakteur Festerling blickt nach vorne: "Wir haben einiges vor."
Ein Schwarzer gerät in der U-Bahn in Konflikt mit Fahrkarten-Kontrolleuren und der Polizei Frankfurt. Am Ende liegt er im Krankenhaus. Die Polizei sieht sich Rassismus-Vorwürfen ausgesetzt. Das Spezial.
Derege Wevelsiep steigt Mitte Oktober mit gültigem Fahrausweis in eine Frankfurter U-Bahn - und wird nach einem Wortgefecht mit Kontrolleuren von herbeigerufenen Polizisten verprügelt.
Wegen seiner Verletzungen muss er drei Tage im Krankenhaus bleiben.
Die Frankfurter Polizei ermittelt intern gegen vier Beamte des 6. Reviers, die der äthiopischstämmige Diplom-Ingenieur beschuldigt, ihn geschlagen zu haben. Sein Anwalt wirft den Beamten Hausfriedensbruch, Beleidigung und Körperverletzung vor.
Im Internet bricht ein Sturm der Entrüstung los, über soziale Netzwerke wird eine Solidaritäts-Demo organisiert.
Auch der Landtag befasst sich mit dem Fall.
Frankfurt Flughafen - Rhein-Main leidet und profitiert von dem Verkehrsknoten gleichermaßen: kurze Wege, aber viel Lärm für die Anwohner. Der Ausbau ist seit Jahrzehnten umstritten. Das Spezial.
Frankfurt unter Peter Feldmann - ein Oberbürgermeister sucht seinen eigenen Stil. Das Spezial.