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04. Oktober 2012

Niels Ewerbeck Nachruf: Er hätte Frankfurt prägen sollen

 Von Sylvia Staude
Erst in diesem Jahr übernahm Niels Ewerbeck die Intendanz des Mousonturms. Foto: Andreas Arnold

Er hatte ein schweres Erbe angetreten. Und nun offenbar geglaubt, keine Kraft mehr zu haben. Zum Tode von Niels Ewerbeck, der seit Anfang des Jahres Intendant des Mousonturms war.

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Noch nicht einmal ein Jahr lang war Niels Ewerbeck Chef des Frankfurter Mousonturms. Zum Jahreswechsel hatte er das wichtige Haus freien Theaters offiziell übernommen, aber erst einmal war es ein dreiviertel Jahr geschlossen, damit es erheblich umgebaut werden konnte. Ein großer und sinnvoller Schritt war dieser Umbau, er setzte ihn durch. Seit Mitte September lief das Programm, es war regelmäßigen Mousonturm-Besuchern nicht unvertraut, kein radikaler Bruch mit den 23 Jahren davor. Jetzt ist Niels Ewerbeck tot, laut Mitteilung der Polizei hat der Theaterchef sich offenbar das Leben genommen.

Ein nachdenklicher, still-freundlicher, seine Worte mit Bedacht wählender Mensch saß einem im Sommer zum Interview gegenüber. Auch einer vielleicht, dem die Theater- und Tanz-Kunst, die er in Zukunft zu zeigen beabsichtigte, mehr am Herzen lag, als man es ohnehin annehmen durfte. Wenn er davon sprach, wie er in Aufführungen kleine, plötzliche Glücksmomente hat, wie für Augenblicke einfach alles stimmt und er dann weiß, dass er gerade große Kunst sieht, funkelten seine Augen. Aber auch vom in der Kunst liegenden „Erkenntnispotential“ sprach er, für das man aber „Themen von verschiedenen Seiten“ angehen müsse. Niels Ewerbeck schien allemal auch Garant dafür zu sein, dass die Atmosphäre in diesem renommierten Haus erhalten bleiben würde, die Sorgsamkeit im Umgang mit den gastierenden Künstlern, die von diesen immer bemerkt und gelobt wurde.

Eine solide Wahl

Der 1962 in Köln Geborene studierte Kunstgeschichte und war erst einmal Galerist, ehe er sich dem Theater zuwandte. Er arbeitete unter anderem am Berliner Hebbeltheater, er war Gründungsdirektor des Forums Freies Theater in Düsseldorf. 2004 ging er nach Zürich, wo er das Theaterhaus Gessnerallee leitete, ein ebenfalls mit nationalen und internationalen freien Gruppen arbeitendes Haus, bis ihn die Stadt Frankfurt zum Nachfolger von Dieter Buroch am Mousonturm machte. Buroch hatte das Haus 23 Jahre geleitet, zuletzt als Intendant, und wollte nicht mehr.

Lebenslauf

Niels Ewerbeck wurd 1962 in Köln geboren. Er absolvierte eine Lehre im Kunsthandel, studierte Kunstgeschichte, Romanistik, Archäologie und Kulturmanagement.

Er führte zunächst eine Galerie und wendete sich dann dem Theater zu. Dann arbeitete er an der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin als Regieassistent, später am Hebbel-Theater in Berlin und organisierte in Dresden das Festival „Theater der Welt“. 1999 gründete er in Düsseldorf das Ensemble FFT. Von dort wurde er 2004 an das Theaterhaus Gessnerallee in Zürich berufen.

Seit Anfang Januar war Niels Ewerbeck neuer Intendant des städtischen Künstlerhauses Mousonturm in Frankfurt.

Niels Ewerbeck schien mit seinen Erfahrungen eine gute, mindestens solide Wahl für den Leitungsposten. Er stellte zwei Dramaturgen an seine Seite, er brach aber nicht, wie anfangs befürchtet worden war, radikal mit dem Programm seines Vorgängers. Auch Tanz war eingeplant, allerdings wollte er diesen zugunsten neuer Theaterformen ein wenig zurückfahren. Mehr Raum sollten dagegen Absolventen des Gießener Studiengangs für Angewandte Theaterwissenschaft erhalten. Junge Leute vor allem, für deren Ideen und Experimente er den Mousonturm noch weiter öffnen wollte, als dies Buroch schon getan hatte: erstaunliche zwölf Eigenproduktionen waren geplant.

Weil der Mousonturm eben knapp neun Monate geschlossen war, dachte sich Ewerbeck für den Juni ein kleines Festival aus, „Lüften“, das er auf dem Gelände der Jahrhunderthalle in Höchst ausrichtete. Dieses Wochenend-Festival war nicht künstlerisch, aber finanziell ein Reinfall: Ewerbeck, der in Frankfurt Fremde, konnte nicht wissen und einkalkulieren, dass der feste Publikumsstamm des Mousonturms eher nicht bereit ist, für ein so buntes, spartenübergreifendes Programm bis nach Höchst zu fahren. So bezahlte der neue Theaterchef gleich mit dieser ersten Veranstaltung Lehrgeld; er wollte „Lüften“ – wie zuerst gedacht – auch nicht mehr zu einem regelmäßigen Sommerereignis machen.

Eine schwere Nachfolge

Er hatte zweifellos eine schwere Nachfolge angetreten. Dieter Buroch hat das Haus ja nicht nur 23 Jahre lang bestens geleitet, er hatte es einst auch maßgeblich erkämpft und die ersten Konzepte entwickelt für die ehemalige Seifenfabrik. Er war in der Stadt bestens vernetzt, er kannte seine Pappenheimer. Und wurde zunächst händeringend gebeten, doch weiterzumachen.

Aber dann hat man sich doch schnell an den Gedanken gewöhnt, ja, war erwartungsfroh, dass jetzt ein Neuer die Geschicke des Hauses leiten sollte. Das ging sicher dem größten Teil des Publikums so, auch wenn es über die Jahre ein sehr anhängliches geworden war. Aber die famose Tanztheatergruppe „Peeping Tom“ gleich am zweiten Wochenende nach der Eröffnung, eine Kunstinstallation von Tim Etchells im Foyer, Namen wie Kate McIntosh, Tony Rizzi, die der Forsythe Company entwachsene Gruppe MAMAZA – da gab es keinen Grund zu fremdeln.

Niels Ewerbeck im FR-Interview im August 2012.
Niels Ewerbeck im FR-Interview im August 2012.
Foto: Michael Schick

Es ist zu früh zu fragen, wie es denn nun weitergehen soll. Frankfurts Kulturdezernent Felix Semmelroth äußerst sich erst einmal zu Recht bestürzt: „Erst vor wenigen Wochen“, schreibt er, „hat Niels Ewerbeck den Mousonturm nach erfolgreichem Umbau glanzvoll wiedereröffnen können. Mit diesem Neuanfang setzte er bereits vielversprechende Akzente, um an den Erfolg der Institution anzuknüpfen. Dabei konnte er, der in nahezu allen künstlerischen Sparten zu Hause war, auf seine vielseitigen Begabungen zurückgreifen. Umso erschütternder ist jetzt die Nachricht von den tragischen Umständen seines plötzlichen Todes. Mit ihm verliert Frankfurt eine engagierte, äußerst kreative Künstlerpersönlichkeit, die das städtische Kulturleben mit Sicherheit in den kommenden Jahren nachhaltig geprägt hätte.“

Das ist sicher so: Niels Ewerbeck hätte das ziemlich wendige Haus in eine graduell neue, aber deswegen auch spannende Richtung gesteuert. Das Publikum hätte sich an einen etwas anderen Horizont gewöhnen müssen, aber das wäre vermutlich kein ernsthaftes Problem gewesen. Und Ewerbeck schien ein so verbindlicher, angenehm geradliniger Mensch, dass ihn die Frankfurter Theaterbesucher gewiss recht zügig in ihr Herz geschlossen hätten. Wie unendlich traurig, dass er offenbar glaubte, keine Kraft mehr zu haben.

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